Ausländeranteil ist gestiegen Stuttgart ist noch internationaler geworden

Von Mathias Bury 

Stuttgart pulsiert, wie ein Blick in die Königstraße zeigt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stuttgart pulsiert, wie ein Blick in die Königstraße zeigt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Zuwanderung der vergangenen Jahre hat Stuttgart noch internationaler und auch jünger gemacht. Der Anteil der Migranten ist auf 44 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt durch die Flüchtlingswelle hat die Landeshauptstadt deutlich an Einwohnern zugelegt.

Stuttgart - Stuttgart ist in den vergangenen Jahren noch internationaler und etwas jünger geworden. Seit dem Jahr 2010 ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung von 42,1 auf 41,8 Jahre gesunken. Der Ausländeranteil stieg dagegen von 21,7 auf 25,2 Prozent. Einen Migrationshintergrund haben heute 44 Prozent der hier lebenden Menschen, 2010 sind es 40,3 Prozent gewesen.

Die Bevölkerungskurve hat in Stuttgart aber nicht immer nach oben gezeigt. So zählte man Anfang der 1970er Jahre fast 631 000 Einwohner, Mitte der 1980er Jahre waren es nur noch rund 551 000. Diesen niedrigen Wert erreichte man nach Aufs und Abs nochmals kurz vor der Jahrtausendwende. Seit 2010 aber hat die Stadt wieder zugelegt (um 58 000 Einwohner), seit ein paar Jahren rasant. In der Folge der EU-Osterweiterung, der Finanzkrise und der jüngsten Flüchtlingswelle lag die Einwohnerzahl Ende 2016 bei rund 609 000 Menschen. Von diesen haben 153 500 einen ausländischen Pass.

Im Vorjahr lag das Einwohnerplus insgesamt bei rund 6900 (1,2 Prozent), 2015 hatte der Zuwachs sogar 9400 Personen betragen. Diese Werte kommen durch steigende beziehungsweise sinkende Wanderungsbewegungen verschiedener Gruppen zustande. So ergab ein Abgleich der Zu- und Wegzüge von Personen deutscher Staatsangehörigkeit im vergangenen Jahr ein Minus von 1426 Personen, ähnlich wie in den Vorjahren. Der Saldo von Menschen mit einem ausländischen Pass lag bei plus 6680 Personen, im Jahr zuvor waren es sogar fast 10 700 gewesen.

Vergleicht man die Migrationsbilanz der vergangenen Jahre mit früheren Zuwanderungswellen, zeigt sich: Der Zuzug von nahezu 34 000 Menschen im Jahr 2015 lag nur geringfügig unter dem während des Balkankriegs im Jahr 1992 (im Jahr 2016 waren es noch knapp 32 000). Höher war dieser Wert nur um das Jahr 1970, als durch die Anwerbung von „Gastarbeitern“ sogar bis zu 40 000 Ausländer pro Jahr in die Landeshauptstadt gekommen sind. Allerdings verließen damals viele die Stadt bald auch wieder. So ist der Saldo von Zu- und Wegzügen im Jahr 2015 ähnlich hoch gewesen wie Anfang der 1970er und Anfang der 1990er Jahre. Inzwischen zeichnet sich aber wieder ein Rückgang ab. „Der Knick geht nach unten, die Frage ist, um wie viel“, sagt Attina Mäding vom Statistischen Amt der Stadt. Das wird abhängen von der Entwicklung in Ländern wie Syrien und dem Irak.

Viele kommen aus Ost- und Südosteuropa

Die Wanderungsbilanz mit Ländern der EU war lange Zeit sogar negativ: Bis 2010 zogen mehr Menschen weg aus Stuttgart als kamen. Das galt gerade für südeuropäische Länder wie Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Die Generation der „Gastarbeiter“ ging auf die alten Tage zurück in die Heimat. Das änderte sich mit der Finanzkrise. 2014 lag der Wanderungsgewinn von EU-Bürgern bei fast 4700 Personen, 1500 mehr als aus anderen Weltregionen.

Einen nicht geringen Anteil an der EU-Zuwanderung haben seit Jahren Bürger aus Ost- und Südosteuropa. Zeitweise erheblich ins Gewicht fielen Zuzüge von Ungarn und Polen, die aber wieder etwas gesunken sind. Stark zugenommen hat die Übersiedlung junger Kroaten (rund 5200 seit 2015). Auch aus Bulgarien (1900 in zwei Jahren) und Rumänien (mehr als 5400) sind die Zahlen seit dem EU-Beitritt deutlich gestiegen. Ebenso aus Ländern des Westbalkans wie aus Albanien. Wie im Falle Rumäniens und Kroatiens stehen den Zuzügen mittlerweile aber hohe Rückkehrerzahlen gegenüber.

Flüchtlinge aus Nahost die größte Gruppe

Nicht zu vernachlässigen sind Zuzüge von Menschen aus Indien und China. So liegt der Anteil der Inder an den ausländischen Zuzügen seit Jahren bei sieben Prozent. In den vergangenen zwei Jahren waren das 5100 Personen. Weil es sich häufig um Studenten und Fachkräfte handelt, die nur befristet bleiben, ist der Saldo durch entsprechende Wegzüge nicht so hoch. Ähnliches gilt für Menschen aus China. So hat sich die Zahl der Studierenden von dort seit 2000 im Land mehr als verdoppelt. An der Uni Stuttgart waren im Wintersemester 2015/2016 fast 1240 chinesische Studenten eingeschrieben.

Die markanteste Kurve zeigen die Zuzüge von Menschen aus Bürgerkriegsländern wie Syrien (4200 seit zwei Jahren), dem Irak (1830) und Afghanistan (gut 1400). Zwar gibt es auch aus dieser Gruppe immer wieder Wegzüge, aber bis jetzt nur in geringem Umfang. So haben diese Flüchtlinge seit 2015 bei Zuzügen einen Anteil von 16 Prozent, aber 40 Prozent am Wanderungsgewinn.

Bilanz mit der Türkei ausgeglichen

Weniger stark gestiegen ist die Migration aus dem Maghreb (Algerien, Marokko, Tunesien) und aus schwarzafrikanischen Ländern wie Ghana, Kamerun und Somalia. Insgesamt haben Zuwanderer aus Afrika seit zwei Jahren sieben Prozent aller Zuwanderer ausgemacht. Beträchtliche Wanderungen gibt es auch zwischen Stuttgart und der Türkei, Wegzüge (2184) und Zuzüge (2216) haben sich die vergangenen zwei Jahre hier aber die Waage gehalten.

Dass Zuwanderung die aufnehmende Gesellschaft verjüngt, hat einen einfachen Grund: „Jüngere Menschen sind mobiler als ältere Bevölkerungsgruppen“, sagt Attina Mäding. Apropos Verjüngung: Bereits seit zwölf Jahren steigt die Zahl der Geburten. So kamen im Vorjahr in Stuttgart 6773 Kinder zur Welt, 467 mehr als 2015. Weil überdies die Sterbefälle um 361 auf 5289 zurückgegangen sind, stieg der Geburtenüberschuss auf 1484 Neugeborene, das sind fast doppelt so viele wie im Jahr davor.

Lesen Sie jetzt