Das Kind als eigenständiger Forscher, der Pädagoge als Begleiter – das ist das Reggio-Konzept. Foto: Simon Granville

Personalmangel? Kennen sie im Kindergarten St. Franziskus im Kirchtal in Benningen nicht. Für ihre Arbeit mit Kindern wurde das Team mehrfach ausgezeichnet. Was machen sie anders?

Emil matscht. In einer Wanne haben die Erzieherin Sara Pörtner und der Dreijährige Katzenstreu mit Wasser zu einer tonartigen Masse verknetet. Jetzt steckt Emil bis zu den Handgelenken darin, wühlt, drückt, macht Fäuste um die Matsche, lässt sie durch die Ritzen zwischen seinen Fingern dringen. Sein Gesicht verändert sich wie die Masse in seinen Händen. Mal zieht er die Brauen angestrengt zusammen, mal öffnet sich der Mund vor Erstaunen, mal fliegt ein Lachen darüber. Währenddessen trocknen an seinem bunten Pulli schon die graubraunen Schlieren an.

 

Ein kleineres Mädchen beobachtet ihn. Sie will nicht mitmischen, lieber knubbelt sie die Spritzer von der Tischplatte ab, probiert heimlich, wie das schmeckt, zerkrümelt den Rest. „Fühlt sich das gut an“, fragt Sara Pörtner. „Ja“, sagt das Mädchen, „wie Brot“. „Ein kleines bisschen“, sagt Emil. Dann zieht er plötzlich die Arme aus der Wanne. „Fertig! Ich gehe Händewaschen.“

Muss Kita eine Vorschule sein?

Wie geht gute Kita? Das ist eine Frage, die sich Eltern, Erzieherinnen, Kita-Träger und Politiker stellen. Zunehmend, seit immer mehr Kinder immer früher und immer länger in diese Einrichtungen gehen. Und die umso mehr drängt, seit die jüngste Bildungsstudie in den Grundschulen gezeigt hat, dass jedes fünfte Kind danach kaum Zuhören, Lesen und Rechnen kann. Auch deshalb, weil die Kinder schon mit Defiziten in die erste Klasse kommen: Sie können nicht gut Deutsch, sich auf etwas zu konzentrieren oder Mengen zu erfassen, fällt ihnen schwer. Soll, ja müssen Kitas also nicht ganz anders arbeiten? Eine Art Vorschule sein wie es zuletzt etwa Lehrervertreter gefordert haben?

Dass sie sehr gute Arbeit leisten haben sie in der Kita St. Franziskus im Kirchtal in Benningen am Neckar schriftlich. Der Eingangsbereich ist eine kleine Hall of Fame, die Wand voller Urkunden: 3. Preis der Stiftung für Kinderförderung. 2. Platz beim Deutschen Lesepreis für herausragende Sprach- und Leseförderung. Lobende Erwähnung in der Kategorie Politisches Engagement vom Deutschen Kinderhilfswerk. Und, so etwas wie der Oskar der frühkindlichen Bildung: 2. Platz im Wettbewerb „Kita des Jahres“ 2020. „Da wollten wir es echt wissen“, sagt Leiterin Saskia Franz.

Die Pädagogin ist eine, mit der man lange darüber sprechen kann, was den Kosmos Kita ausmacht und warum es in ihrem Haus offenbar so vorbildlich läuft, obwohl die Kinder ebenso durcheinander wuseln wie anderswo und es ähnliche Räume gibt: ein Bauzimmer, ein Atelier, einen Verkleidezimmer, eine Ausruhecke. Nur die alten Bauernschränke und Küchenbüffets, die statt Zweckmöbeln in den Zimmern stehen, geben vielleicht einen Hinweis darauf, dass manches anders läuft.

Personalmangel? Haben sie nicht

Beispiel Personalmangel – das größte Problem in Kitas, Schulen, Horten derzeit. „Hab ich keinen“, sagt Saskia Franz. Die 25 Stellen sind besetzt. Fünf Vertretungskräfte hat sie auch. Und wenn jemand geht, ist sie sehr zuversichtlich, Ersatz zu finden. „Öffentlichkeitsarbeit“ sei wichtig, sagt Franz. Der Kindergarten hat einen eigenen Podcast, eine Zeitung und ein Instagram-Profil. Die Leiterin arbeitet im Verband der Kita-Fachkräfte politisch, sie wird als Speakerin zu Kongressen eingeladen. An diesem Tag ist ein Video-Team im Haus, das für eine Kampagne des Kultusministeriums filmt.

Die katholische Einrichtung kooperiert mit Hochschulen und Fachhochschulen, die potenzielle Erzieher und Erzieherinnen ausbilden, probiert deren neue Methoden aus. Die Dozenten empfehlen die Kita St. Franziskus mittlerweile ihren Studierenden. Wo gibt es Fördertöpfe? Wie bekomme ich die Kirche dazu, mehr Geld für Fortbildungen locker zu machen? Wie schaffe ich für jeden Mitarbeiter freie Stunden, in denen er sich Gedanken über die Kinder, ihre Stärken und Schwächen machen kann? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Saskia Franz.

Sie sieht sich als Managerin. Fachkräfte seien heute zurecht selbstbewusster als früher. Man muss ihnen etwas bieten, um sie zu bekommen und zu halten. Einmal ist ein Teil des Teams in die italienische Stadt Reggio nell’Emilia gefahren, wo das pädagogische Konzept herkommt. Überhaupt sprechen sie viel miteinander darüber, was sie tun und wie. Team-Building würde das wohl in der freien Wirtschaft heißen.

Viel Personal hilft nicht immer viel

Tatsächlich trifft man in jedem der Räume Erzieherinnen und Erzieher, die Sätze wie diese sagen: „Wir haben hier alle die gleiche Haltung zur Arbeit, das ist für uns nicht nur eine Dienstleistung.“ (Anja Henneberger, 42). „Ich hab mir in sechs Jahren noch nie überlegt anderswohin zu wechseln.“ (Jonathan Liebchen, 27). „Ich kann mich hier als Mensch einbringen.“ (Siegunde Dreyer , 57). Und man nimmt ihnen das auch ab.

Natürlich sei genug und motiviertes Personal ein Schlüssel, damit frühkindliche Bildung Grundlegendes für das ganze Leben mitgeben kann, sagt Stefan Faas. Er ist Professor für frühkindliche Pädagogik an der PH Schwäbisch Gmünd und im Vorstand der Pädquis Stiftung, die zu frühkindlicher Bildung forscht und sich in die politischen Debatten einmischt. Oft bekämen gerade Brennpunkt-Kitas zu wenig Personal, seien schlecht ausgestattet. Eine Negativ-Spirale setze dann an.

Kleine Kindern lernen nebenbei

Nur, der Mangel an Fachkräften lasse sich ja nicht kurzfristig beheben. Und es gelte auch nicht immer „viel Personal hilft immer viel“, sagt Faas. Vielmehr müsse man in der momentanen Situation genauer überlegen, wen man wofür einsetzt. „Die akademisch ausgebildeten Kindheitspädagogen zum Beispiel sollte man nicht nur in den Gruppen arbeiten lassen, sondern sie mehr in die Konzeption und Anleitung der anderen Kräfte einbeziehen.“

Aber was macht überhaupt eine gute Kita aus? Stefan Faas will Kitas auf keinen Fall zu vorgelagerten Schulen machen. Kleine Kinder lernten anders. Beispiel Spracherwerb: „Kinder lernen Sprache den ganzen Tag über nebenbei, wenn man viel mit ihnen spricht, ihnen vorliest, mit ihnen reimt und singt, ihnen im Spiel Anlässe gibt, etwas zu erzählen“, sagt Faas. Wenn man den normalen Kitaalltag als „Bildungsgelegenheit“ begreife, könne man mit knappem Personal die pädagogische Qualität verbessern. Aber Studien zeigten, dass Kinder in manchen Kitas den ganzen Tag kein Bilderbuch zu Gesicht bekämen.

In Berlin werden Kitas regelmäßig geprüft

Beim Stichwort Studien ist Faas bei seinem eigentlichen Thema angekommen. Wie Kitas arbeiten – darüber gebe es kaum Erhebungen. Die letzte große Kita-Studie ist zehn Jahre alt. Faas fordert regelmäßige Erhebungen wie sie in den Grund- und weiterführenden Schulen gemacht werden, aber er will noch mehr: ein regelmäßiges Monitoring der einzelnen Einrichtungen wie es beispielsweise in Berlin gemacht wird.

Kriterien dafür könnte sein, ob die Kinder dort Elementares lernen, was sie auch für die Schule brauchen, etwa sich sprachlich auszudrücken, Größen zu unterscheiden, Mengen zu erkennen. Dass damit die Vielfalt der pädagogischen Konzepte verloren geht, diese Gefahr sieht Faas nicht. Aber es zwinge die Einrichtungen, sich genauer zu überlegen, welches Konzept das passende für ihre Kinder sei.

In Benningen haben sie ein Offenes Konzept. Die Kinder sind selten in festen Gruppen, den Großteil des Tages entscheiden sie, was sie tun und wo. Nur die Erzieher sind Zimmern zugeordnet. Gerade rühren ein paar Buben in der Aula Pesto zusammen. Währenddessen betrachten zwei Mädchen Tannennadeln und Anissterne unter einem Mikroskop, im Bauzimmer wird eine Murmelbahn aus Schaumstoff und Kartons gebaut und zwei Mädchen schichten aus leeren Eisbechern eine Burg auf. Die Reggio-Pädagogik, nach der sie hier arbeiten, geht vom kompetenten Kind aus, das die Welt eigenständig erforscht. Erzieherinnen und Erzieher sind kundige Begleiter. Einmal durften die Kleinen einen Tag lang die Benninger Einrichtung leiten.

„Das Rückrat aufrichten“

Auch Saskia Franz ist es wichtig, dass Kindergarten-Kinder keine Zahlen und Buchstaben büffeln, sondern gute Beziehungen erleben, Selbstbewusstsein bekommen. Wie löse ich Konflikte, wie bringe ich mir etwas bei, wie erreiche ich gemeinsam etwas – das seien Dinge, die sie Kindern beibringen wollen. „Wir wollen das Rückgrat aufrichten“, so nennt Saskia Franz das – und weiß schon, dass sie es mit den Mittelschichtskindern in St. Franziskus einfacher haben als Einrichtungen in Brennpunktvierteln.

Es ist Mittag geworden in St. Franziskus. Alle Kinder und Pädagogen kommen jetzt in der Aula zusammen, um Kerzen anzuzünden. Emil vom Matsche-Becken ist da, Lenja und Greta, die die Eisbecherburg gebaut haben. Jonas und Noah aus dem Bauzimmer. Und dann singen sie: „Und das Herz wird weit. Macht euch jetzt bereit.“