Ausgezeichnet: Jazz-Flügelhornist Herbert Joos Vogelwild und streichelzart

Von Thomas Staiber 

Der Landes-Jazzpreis-Ehrenträger Herbert Joos Foto: Theaterhaus/Jörg Becker
Der Landes-Jazzpreis-Ehrenträger Herbert Joos Foto: Theaterhaus/Jörg Becker

Der in Stuttgart lebende Trompeter, Flügelhornist und Zeichner Herbert Joos hat mit seinem besonderen Ton den europäischen Jazz mitgeprägt. Nun bekommt er den Jazz-Ehrenpreis des Landes Baden-Württemberg.

Stuttgart - Wie von einem Adlerhorst blickt Herbert Joos aus seiner Wohnung im fünften Stock hinunter auf die Dächer von Stuttgart. Sein Blick ist klar und durchdringend. Es ist der Blick von einem, der gewohnt ist, das Wesentliche zu erfassen und kleinste Details wahrzunehmen. Es ist der Blick des Zeichners Herbert Joos, der sich nun über ein Blatt beugt und mit Stift und Kohle am Porträt eines Jazzmusikers arbeitet. Mit Hingabe vollendet er aus einer mit schnellen Strichen gefertigten Skizze das Konterfei von Miles Davis. Das wirkt, als schaue Miles Davis selbst den Betrachter an, so lebendig ist es. Der Raubvogelblick des schwarzen Trompeters gleicht auf verblüffende Weise dem des Künstlers, der seine Zeichnung mit dem Sprühnebel eines Fixativs versiegelt und mit einem Karton bedeckt.

Joos schenkt ein Weißweinschorle ein. „Das brauch ich jetzt“, sagt er. Er öffnet einen mit Samt verkleideten Instrumentenkoffer und setzt seine Trompete an. Nach der Phase höchster Konzentration auf die Zeichnung spielt er sich warm, bis er das Gefühl hat, dass die Seele zu atmen beginnt. Er hält er die Augen geschlossen, um sich ganz in die Musik zu versenken, um darin aufzugehen. Er spielt „I’m A Fool To want you“, eine wehmütige Ballade von Frank Sinatra, die Billie Holiday, Dexter Gordon und Chet Baker interpretiert haben und die letztes Jahr überraschenderweise auch Bob Dylan gesungen hat.

In seinem Trompetenspiel gibt er Intimes Preis

Herbert Joos hat einen vollen und warmen Trompetenton, den er mit hörbarer Atemluft anraut. Dieser Sound, an dem er jahrzehntelang geübt hat, ist sein Geheimnis. Es ist kein „sauberer“ Trompetenton mit klassischer Lippenstellung, Joos orientiert sich vielmehr an der menschlichen Stimme eines Bluessängers. Mit diesem Ton gibt er die intime Wahrheit seiner Person preis, seine Empfindsamkeit, seine Verletzlichkeit, auch sein Unbehagen an den Verhältnissen. Aus dem melancholisch angehauchten Thema des Jazzstandards gleitet er in eine Improvisation hinein, hält die Spannung hoch, um schließlich in das vertraute Motiv zurückzufinden und das Lied sanft und warm ausklingen zu lassen.

Auf dem soeben bei HGBSB erschienenen Album „Herbert Joos – The Best“ kann man die 1994 eingespielte Sinatra-Komposition nachhören: mit Paul Schwarz, Klavier, Joe Koinzer, Perkussion und Miriam Ernst, Englischhorn. Ansonsten finden sich auf der Kompilation anlässlich des Jazzpreises Baden-Württemberg lauter Originalkompositionen von Joos.

In zwei Wochen, am 20. Januar, wird Herbert Joos im Stuttgarter Theaterhaus den mit 10 000 Euro dotierten Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten. Er freut sich ungemein, dass nach all den jungen Landesjazzpreisträgern auch erfahrene Jazzgrößen wie Eberhard Weber, Wolfgang Dauner und er selbst geehrt werden. Ausdrücklich lobt er den früheren Staatssekretär Jürgen Walter, der das initiiert hat. „Herbert Joos hat an der Trompete und am Flügelhorn eine eigene unverwechselbare Klangsprache entwickelt, die ihn weltweit zu einem anerkannten Künstler gemacht hat“, heißt es in der offiziellen Begründung des Kunstministeriums. Und weiter: „Mit seinem ungewöhnlichen Trompetenklang prägte er nicht nur legendäre Gruppen wie das Vienna Art Orchestra oder das Orchestre National De Jazz in Paris, sondern auch eigene Formationen.“

Joss ist ein kritischer Freigeist und ein ganz Lieber

Nach der Preisverleihung durch Walters Nachfolgerin Petra Olschowski konzertiert sich Joos zunächst in Triobesetzung mit Pianist Patrick Bebelaar und Kontrabassist Günter Lenz, um danach mit einem Jazzorchester „Change Of Beauty“ uraufzuführen. In dieser Großkomposition spiegelt sich Joos‘ musikalisches Lebenswerk. Jazzprominenz wird dabei zum Zug kommen: die beiden Tu- baspieler Michel Godard und Jon Sass, Holzbläser Wolfgang Puschnig und Drummer Patrice Héral. Das sind lauter Weggefährten von Herbert Joos, die ihn – und er sie – bei zahlreichen Konzerten im Lauf der Jahrzehnte begleitet haben.

Vogelwild und streichelzart – in einem solchen Kraftfeld bewegt sich der Jazz des Trompeters und Flügelhornspielers Joos. Ein kritischer Freigeist und ein ganz Lieber ist er selbst, ein barockes Mannsbild, ein 75-jähriger Wahl-Stuttgarter, der aus Karlsruhe kam, einer mit wallenden grauen Locken, einer, der sich mit Tattoos, Armbändern und Halsketten schmückt, einer mit scharfem Blick und einem ganz besonderen Ton. Herbert Joos: ein Künstler durch und durch.

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