Regionalzüge in Baden-Württemberg Bahn muss Verspätungen öffentlich zugeben

Von Michael Deufel 

Pendler sollen  sich wieder auf die Pünktlichkeit der Züge verlassen können – und darauf, dass diese überhaupt fahren. Foto: dpa
Pendler sollen sich wieder auf die Pünktlichkeit der Züge verlassen können – und darauf, dass diese überhaupt fahren. Foto: dpa

Nach massiven Beschwerden über ausgefallene und verspätete Züge im regionalen Zugverkehr rund um Stuttgart muss die Bahn jetzt monatlich alle Verspätungen in Baden-Württemberg im Nachhinein im Internet veröffentlichen.

Kreis Ludwigsburg - Albrecht Dautel ist nicht Asterix, Walheim kein gallisches Dorf und die Bahn nicht die römischen Besatzer. Die jüngste Entwicklung um massenhaft ausgefallene Züge und Verspätungen auf der Bahnstrecke Stuttgart-Heilbronn erinnert aber doch ein bisschen an jenen Comic über unbeugsame Dörfler der Antike, die sich einem scheinbar übermächtigen Gegner widersetzen.

Denn so wie Asterix und seine Mitstreiter zuweilen Erfolge über die Römer verbuchen, hat auch Walheims Bürgermeister Dautel zusammen mit seinen Kollegen Steffen Bühler (Besigheim) und Uwe Seibold (Kirchheim am Neckar) zumindest einen Etappensieg gegen die Bahn errungen. „Um aber sagen zu können, dass jetzt alles besser wird, müsste ich Hellseher sein“, sagt Dautel allerdings.

Die Protokollpflicht gilt für alle Strecken im Land

Als Folge eines Beschwerdebriefs der drei Kommunen im Kreis Ludwigsburg an das Landesverkehrsministerium muss die Bahn jetzt jedenfalls ihre Verfehlungen öffentlich bekannt machen. Soll heißen: Die Bahn als überwiegende Betreiberin des regionalen Zugverkehrs in Baden-Württemberg muss einen monatlichen Pünktlichkeitsbericht erstellen und diesen im Internet auf ihrer Homepage veröffentlichen. Mit dieser Art Selbstbezichtigung „wollen wir die Bahn mehr in die Pflicht nehmen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Die Protokollpflicht gilt fürs ganze Land, also nicht nur für die von Verspätungen und Zugausfällen betroffenen Strecken im Stuttgarter Regionalbahnnetz.

Die Auflage ist Teil eines jetzt öffentlich gewordenen Eckpunktepapiers des Verkehrsministeriums. Erarbeitet haben es Experten von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), Vertreter der Bahn samt Bahnbetriebsrat sowie Vertreter der künftigen Streckenbetreiber. Darin wird geregelt, „den Betreiberwechsel so reibungslos wie möglich zu gestalten“. Gemeint ist der Wechsel von der derzeitigen Streckenbetreiberin Bahn zu den privaten Anbietern Abellio (Niederlande) und Go-Ahead (Großbritannien). Demnach sollen – bis der neue, sogenannte Große Verkehrsvertrag voll wirksam wird – auf den Strecken möglichst mehr Zugbegleiter und Sicherheitskräfte zum Einsatz kommen. Die Bahn sowie die Konzerne Abellio und Go-Ahead haben sich überdies bis zum endgültigen Betreiberwechsel 2019 zur „kon­struktiven Zusammenarbeit“ verpflichtet, etwa bei der Ausbildung von Personal und beim Firmenwechsel von Mitarbeitern. Über den Verlauf des Übergangs wollen sich alle Beteiligten in einem jährlich stattfindenden Spitzengespräch austauschen.

Krankmeldungen, defekte Züge, Bauarbeiten

Die Bürgermeister Dautel, Bühler und Seibold hatten sich in ihrem Brief ans Ministerium Mitte Juli unter anderem darüber beklagt, dass zwischen Stuttgart und Heilbronn Züge in einem Maß ausfielen, das den Tausenden Pendlern nicht zuzumuten sei. In seinem Antwortschreiben hat das Verkehrsministerium die Missstände weitgehend eingeräumt. Kurzfristige Krankmeldungen, defekte Fahrzeuge, aber auch Bauarbeiten auf der Schnellfahrstrecke Stuttgart-Mannheim sowie die Bevorzugung von Fernzügen seien die Ursachen. Tenor des Schreibens: Reibungslos verläuft der Zugverkehr wohl dann, wenn 2019 die Übergangsphase, in der die Fahrzeuge für die künftigen Betreiber noch gebaut werden, abgeschlossen ist. Aber das Eckpunktepapier soll Verbesserungen bringen.

Der seit 2003 gültige, aktuelle Verkehrsvertrag läuft am 1. Oktober aus. Das Land hatte die Bahn vom Bieterverfahren um den neuen Großen Verkehrsvertrag nach einem Formfehler ausgeschlossen. Im Ministerium hatten manche deshalb zuletzt Motivationsprobleme bei Lokführern und Wartungspersonal ausgemacht.

Ein ausgefallener Zug kostet die Bahn 600 Euro

Erfüllt die Bahn die Vorgaben des laufenden Vertrags nicht, werden Vertragsstrafen fällig, so etwa 600 Euro pro ausgefallenem Zug. Aber der Staatskonzern kann Minuspunkte auf jenen Strecken wettmachen, wo er gute Arbeit leistet. So können gute Noten, beispielsweise bei der Sicherheit, Pünktlichkeitsabzüge kompensieren.


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