Der Keltenweg bietet herrliche Ausblicke im Landkreis Ludwigsburg. Foto: Martin Tschepe

Der Keltenweg führt von Asperg bis nach Ditzingen. An neun Augmented-Reality-Stationen wird Geschichte virtuell erzählt – und direkt in die Gegenwart geholt.

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Diese Redewendung kommt Radfahrer unweigerlich in den Sinn, wenn sie am Startpunkt des Keltenwegs hinauf wollen. Die schmale Straße, die auf den Hohenasperg führt, ist nämlich mega steil. Ein Vormittag im Hochsommer, noch ist es zwar nicht brütend heiß. Trotzdem kullern bereits auf den ersten Metern dieses etwa 35 Kilometer langen Rad- und Wanderwegs (Kreis Ludwigsburg) die Schweißperlen.

 

„Tauch ein in die Welt der Kelten und verbringe einen Markttag auf dem Fürstensitz Hohenasperg“, ist auf einem der neu aufgestellten Schilder entlang des Keltenwegs zu lesen. Das Zauberwort heißt Augmented Reality, kurz AR, auf deutsch: Erweiterte Realität. Wer ein Smartphone im Gepäck hat und die Bilder auf den Schildern abscannt, taucht ein in die Welt der Kelten anno dazumal. In dem Film, der auf dem Hohenasperg gezeigt wird, sind Menschen während eines Markttags im sechsten Jahrhundert vor Christus auf der Festungsanlage zu sehen, unter anderem ein Schmid, sowie Marktstände, Hütten und Tiere.

Gleich zu Beginn ist der Hohenasperg eine wichtige Station auf dem Keltenweg. Foto: Martin Tschepe

Die Radtour beginnt

Nach dieser kurzweiligen Geschichtsstunde, Pardon: Geschichtsminute, beginnt die eigentliche Tour, unten am Löwentor in Asperg. Man kann sich die anstrengende Auffahrt auf den Berg auch sparen. Wäre aber schade, auch wegen der grandiosen Aussicht. Unmittelbar nach dem Start der eigentlichen Tour ist der Radfahrer sofort zurück in der Gegenwart: Der Weg führt nämlich vorbei am Schanzacker, jenem Gebiet, auf dem eine sogenannte Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) für Asylbwerber gebaut werden soll. Ein vor Ort heftig umstrittenes Projekt.

Station zwei: das Kleinaspergle

Kilometer vier, Station zwei des Keltenwegs: das Kleinsapergle. Anno 1879 wurde in dem Hügel ein reich ausgestattetes Fürstengrab aus dem Jahr 420 vor Christus entdeckt. Flugs wieder ein Bild scannen – und der Ausflügler landet mitten in dem Grabstollen, in dem unter anderem Trinkhörner mit goldbeschlagenen Spitzen gefunden wurden, hergestellt um 450 vor Christus im fernen Athen.

Der gut beschilderte Weg (ein stilisierter Kelte weist vielerorts die Richtung) führt über Feldwege und an diesem Werktag jedenfalls über nur wenig befahrene Nebenstraßen – durch Möglingen und weiter nach Markgröningen. Immer wieder kreuzen andere Routen den Keltenweg, etwa in Schwieberdingen (elf Kilometer) der Glemsmühlenweg und die Deutsche Fachwerkstraße. Die Sonne lacht vom knallblauen Himmel. Mal geht’s leicht bergauf, dann wieder bergab. Vorbei an Kornfeldern und durch kleine Wäldchen. Idylle pur in der Metropolregion Stuttgart. Wie schön.

Die Augmented Reality, Erweiterte Realität, verbindet die reale Welt mit digitalen Elementen, etwa mit Videos. Das wird etwa über ein Smartphone eingeblendet. Dadurch entsteht eine erweiterte Realität, in der sich die digitalen Informationen – wie hier die Welt der Kelten – mit der realen Umgebung vermischen. Neun Station gibt es entlang der Strecke. Foto: Tschepe

Der Jahrhundertfund: das Fürstengrab in Hochdorf

Die dritte Station des Keltenwegs: Das Keltengrab bei der Katharinenlinde erzählt von der Wende des Bestattens. Vom vierten vorchristlichen Jahrhundert an wurden die Toten nicht mehr in Hügeln, sondern in Gruben beigesetzt. Wer via AR an diesem Ort in die Vergangenheit eintaucht, sieht eine Siedlung und wieder Menschen, wie sie hier einst lebten.

Bald sind die Biker beim Fürstengrab Hochdorf (18 Kilometer), einem wahren Jahrhundertfund. Dieses Grab aus dem sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde 1978 entdeckt. Bei den Ausgrabungen wurde einen völlig unberaubte Kammer gefunden – mit einzigartigen Beigaben, etwa goldenen Schmuckstücken.

Nur ein paar hundert Meter weiter: das 1991 eröffnete und 2022/23 erweiterte Keltenmuseum Hochdorf (Station fünf) sowie das Grabhügelfeld im Pfaffenwäldle (Station sechs) mit insgesamt 26 Hügeln. Wer mag, scannt hier wie dort erneut das Bild – und taucht noch tiefer ein in die Historie.

Alle paar Kilometer ein kurzer Stopp und ein Griff zum Smartphone, das könnte auch Kinder und Teenager überzeugen, mal eine Radtour zu unternehmen, überhaupt alle Menschen, die sich sonst nicht unbedingt großartig bewegen wollen.

Die letzte Station: der Hirschlander Krieger

Bald ein kurzer Stopp mit Pause bei einer Bäckerei. Kaffee, Kuchen – und weiter geht’s beziehungsweise rollt’s. Fortan ist für die Radfahrer auf dem Keltenweg fast immer der Grüne Heiner im Blick, jener Schuttberg mit dem Windrad oben drauf. Der Weg ist weiter gut ausgeschildert. Wer gerne Rad fährt, läuft mitunter Gefahr, an der ein oder anderen AR-Station des Keltenwegs vorbeizusausen.

Egal. Die neunte und letzte Station (30 Kilometer) allerdings sollten alle ansteuern: den Krieger von Hirschlanden. Eine Nachbildung der hier gefundenen Sandsteinstele steht auf den Feldern. Das Original befindet sich im Landesmuseum in Stuttgart. Rund um den steinernen Krieger werden alle Ausflügler eingeladen, an einem kleinen Kelten-Spiel teilzunehmen. Es gilt zum Beispiel, einen Dolch zu finden und zu sagen, wie alt die Statue ist. Wer beim AR-Film aufgepasst hat, kennt die Antworten.

Nach etwa 35 Kilometern endet die Tour, mitten in Ditzingen an einer Radservicestation. Wir haben für den Keltenweg inklusive der vielen Stopps und Filmchenschauen etwa dreieinhalb Stunden benötigt. Das ist alles andere als rekordverdächtig. Aber wir haben viel gelernt. Über die lokale Historie – und über die grandiose Landschaft vor der eigenen Haustüre.

Wie reale und historische Welt verschmelzen

Strecke
Der Keltenweg beginnt am Löwentor in Asperg, ist etwa 35 Kilometer lang und endet mitten in Ditzingen. Wer in Ludwigsburg startet und bis Ludwigsburg zurück fährt, kommt auf knapp 60 Kilometer. Der Weg ist für Biker und Wanderer geeignet und verbindet neun keltische Fundstellen.

Anreise
Nach Asperg kommen Radfahrer und Wanderer gut mit der S-Bahn. Auch in Ditzingen gibt es eine S-Bahn-Station.

AR
Mit Hilfe von AR können die Ausflügler an den neun Stationen des Wegs eintauchen in die Welt der Kelten. AR steht für Augmented Reality, Erweiterte Realität. AR verbindet die reale Welt mit digitalen Elementen, etwa mit Videos. Diese digitalen Elemente werden über ein Gerät - über ein Smartphone, ein Tablet oder eine AR-Brille - in das Sichtfeld des Nutzers eingeblendet. Dadurch entsteht eine erweiterte Realität, in der sich die digitalen Informationen nahtlos mit der realen Umgebung vermischen.