Berge, Seen, Königsschlösser wie Hohenschwangau – das Allgäu ist nah dran an der heilen Welt Foto: fotolia

Im Winter zieht es wieder besonders viele Urlauber ins Voralpenland. Ein Allgäu-Kenner erklärt, warum. Außerdem: Eine Betrachtung des Oberstdorfers - für den der Heimatort nicht nur Nabel des Allgäus, sondern gleich der ganzen Welt ist.

Beginnen wir diese Allgäu-Betrachtung auf 200 Meter Höhe. Hier oben, auf der Plattform der Heini-Klopfer-Skiflugschanze im Stillachtal bei Oberstdorf, pfeift der Wind so scharf, dass nicht einmal ein dickes Stirnband wärmt. Eigentlich möchte man sofort wieder Schutz suchen in jenem Raum, in dem die Skispringer die letzten Minuten vor dem Wettkampf konzentriert verbringen – ehe es in die Tiefe geht. Aber dann ist da ­diese Aussicht über den südlichen Teil des Allgäus: einzigartig, atemberaubend, ­phänomenal. Also doch noch ein bisschen bleiben und den Moment genießen.

Das Allgäu kann wunderschön sein. Vor allem im Winter, wenn Berge und Täler mit einer Schneeschicht überzogen sind und die Sonne scheint. Als der Aufzug der Skiflugschanze wieder Richtung Erde fährt, ist so ein Tag. Also auf Richtung Ortsmitte Oberstdorf. Die Stadt ist eine der sogenannten Zipfelgemeinden Deutschlands. Vier Orte dürfen seit 16 Jahren diesen Titel tragen: neben Oberstdorf (im Süden) auch Selfkant (im Westen), Görlitz an der Neiße (im Osten) und Sylt (im Norden).

Damals, beim Abschluss des Zipfelpakts, verpflichteten sich jene Gemeinden, die die Grenzpunkte Deutschlands darstellen, zu regelmäßigen Aktionen in den Bereichen Bildung, Kultur und Sport. Und sie erfanden einen Zipfelpass: Wer alle vier Zipfelorte besucht und das mit Rathausstempel dokumentieren lässt, erhält als Belohnung ein Paket mit regionalen Spezialitäten. Immerhin: Politiker wie Johannes Rau, Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber haben den Pass bereits in der Tasche.

Der Oberstdorfer an sich ist ein stolzer Mensch. Für ihn ist der Heimatort nicht nur der Nabel des Allgäus, sondern gleich der ganzen Welt. Das vermittelt er gern dem Fremden, vor allem dem Urlauber, der schließlich wieder kommen soll: zum Skifahren, zum Rodeln, zum Wandern oder Klettern, zum Schlemmen, zum Wellnessen.

128 Pistenkilometer in fünf Skigebieten

In diesen Adventstagen herrscht Hochbetrieb. Oberstdorf zählt keine 10 000 Einwohner, trotzdem stehen sich die Passanten in der Fußgängerzone gegenseitig auf den Zehen. Laut Bernhard Joachim vom Tourismusverband Allgäu nutzen in erster Linie Baden-Württemberger das Wintersportangebot: 128 Pistenkilometer in fünf verschiedenen Skigebieten, 140 Kilometer präparierte Winterwanderwege und 75 Loipen-Kilometer. Imposante Zahlen und ein Traum, vor allem für Menschen aus der Großstadt.

Ein Publikumsmagnet ist auch die Vierschanzentournee. Ende des Jahres (am 29. Dezember) fällt der Startschuss zum populärsten Skisprung-Wettkampf in Oberstdorf. Nicht auf der Skiflugschanze im Stillachtal, sondern in der Erdinger Arena, ­mitten im Ort.

Wer schon mal gesehen hat, wie die weltbesten Skispringer vor mehr als 25 000 Zuschauern um den Sieg kämpfen, wer das berühmte „Ziiiieeeehhhh“ in den durch grelles Flutlicht erhellten Abend gebrüllt hat, wer die Landung der Springer zum Greifen nah vor Augen hatte, der will dieses Spektakel nie wieder nur vor dem Fernseher erleben. Der ist gefangen vom Zauber des Wintersports, der boomt und jährlich viele Tausend Urlauber lockt.

Nicht immer stand das Allgäu so gut da. Drehen wir die Uhr zurück: Es ist das Jahr 1807. Ein Säugling in Missen-Wilhams im Oberallgäu wird auf den Namen Carl Hirnbein getauft. Bald wird klar, dass hier ein Bub mit bemerkenswerter Intelligenz heranwächst. Er lernt schneller als andere, kann aber auch im Stall und auf dem Feld kräftig zupacken. Der Vater schickt ihn nach Italien, wo er nicht nur eine Lehre absolviert, sondern vor allem seinen Horizont erweitert.

Von der mühsamen Flachsverarbeitung zum Milch- und Käseland

Wieder zu Hause, ist ihm schnell klar: Die Bauern in seiner Heimat müssen umdenken, wollen sie nicht in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden. Weg vom üblichen Ackerbau in einer dafür problematischen Gegend, weg von der Flachsverarbeitung. Stattdessen, so seine Vorstellung, soll das Allgäu ein Milch- und Käseland werden.

Carl Hirnbein entwickelt sich zum Experten rund um das Thema Käse, erfindet Sorten wie Limburger und Romadur und baut ein deutschlandweites Vertriebsnetz für Weichkäse auf. Der Beginn eines Wandels im Allgäu: Äcker verschwinden, Wiesen entstehen. Die Bauern setzen vermehrt auf Milchkühe, und die einst durch den Flachsanbau „blaue“ Region wird durch die Milchwirtschaft zur „grünen“. Die wirtschaftliche ­Situation der Menschen verbessert sich. Zumal auch die Wirtschaft zunehmend floriert. Immer mehr Betriebe entstehen, die Allgäuer entdecken den Tourismus als lohnenswertes Geschäftsfeld.

Apropos Tourismus. Zurück in die Gegenwart: Das Allgäu mit seinen 650 000 Einwohnern verzeichnet ständig steigende Gästezahlen. Mehr als 3,5 Millionen waren es 2014 – ein neuer Rekord. Die Region, die im Dreiländereck Bayern, Baden-Württemberg und Österreich liegt, punktet nicht nur mit Wintersport-Angeboten, sondern auch im Sommer mit hohen Bergen, klaren Seen, gemütlichen Alpen und Hütten zum Einkehren. Die Infrastruktur ist gut. Es gibt Freizeitangebote wie Wandern, Radeln, Mountainbiken, Ballontrecking, Gleitschirmfliegen und Sportklettern.

Was der Allgäuer für ein Typ ist

Außerdem wird im Allgäu altes Brauchtum gepflegt. Im Winter gibt es das traditionelle Klausentreiben, bei dem am 5. und 6. Dezember als Klausen verkleidete junge Männer mit Ruten durch die Straßen jagen. Im Spätsommer findet der Viehscheid statt. Bei dieser gefeierten Rückkehr des Viehs von den hoch oben gelegenen Bergweiden ins Tal, kann man – wenn man so will – den Allgäuer an sich besser kennenlernen: Er trägt an diesem Tag Tracht, eine Selbstverständlichkeit, die schon seine Eltern gepflegt ­haben. Dass die schaulustigen Touristen in einer Art Fantasietracht im Landhausstil erscheinen, verzeiht ihnen der Einheimische.

Überhaupt hat sich der Allgäuer längst mit den fremden Gästen arrangiert. Selbst mit den Württembergern, über die man früher schon mal die Nase rümpfte, weil sie am Wochenende ständig die Skigebiete blockieren. Der Allgäuer – ein im Kern eher rauer oder, wie man im bayerischen Teil sagt, muhackeliger Charakter – hat sich schließlich weiterentwickelt. Auch wenn er traditions- und naturbewusst ist, rückwärtsgewandt ist er nicht. Das beweist auch die hohe Zahl an Tüftlern und Mächlern (allgäuerisch für Bastler, Hobbykünstler) in dieser Region.

Außerdem erkennt er die Zeichen der Zeit und nutzt sie für sich: Immer mehr Menschen sehnen sich nach Landleben, nach innerer Einkehr, nach ursprünglicher Natur, nach Bioprodukten oder veganer Ernährung. Die Voralpenregion bedient all diese Sehnsüchte und Trends. Übernachten im ­Iglu oder im Freien, Ferien auf dem Bauernhof, Schrothkuren, Kräutergärten, Demeter- und Naturkostläden gibt es schon lange – nun hat sogar die erste vegetarische Berghütte aufgemacht. Auf der Hündeleskopfhütte oberhalb von Pfronten-Kappel bietet Silvia Beyer Allgäuer Küche ohne Fleisch an: Spinatnocken, Schlutzkrapfen, Schupfnudeln oder Kässpatzn.

Die erste vegetarische Alm hat eröffnet

„Schon meine Oma betrieb eine Pension mit besonderer Kost nach dem schwedischen Ernährungsreformer Are Waerland. Damit überzeugte sie ihre Gäste“, erzählt die Wirtin. Das scheint Silvia Beyer ebenfalls zu gelingen. Die Wanderer im Allgäu jedenfalls steuern seit der Eröffnung in großer Zahl die Hündeleskopfhütte an. Hier oben, auf über 1000 Meter, duzt man sich für gewöhnlich. Hier sagt man „Griaß di’“, lächelt, schließt beim Blick in die Sonne die Augen und lauscht dem Klang der Schellen und Glocken, die das Braunvieh um den Hals trägt.

Zugegeben: Es gibt auch Tage ohne Sonnenschein im Allgäu. Wenn der Himmel wolkenverhangen ist und ein kräftiger Wind bläst, dann kann es in dieser Region auch richtig ungemütlich werden. Rau, kalt, eisig. Die Temperaturen fallen tiefer als in anderen Teilen Süddeutschlands. Gut möglich, dass diese Großwetterlage auch Grund dafür ist, dass der Allgäuer nicht gerade den rheinischen Frohsinn im Blut hat. Er ist eben wie seine Heimat: natürlich, unkompliziert und ohne Schnörkel.

Wer ins Allgäu reist, der hofft nicht selten darauf, dort, wo König Ludwig II. unter anderem sein Märchenschloss Neuschwanstein baute, ein Stückchen heile Welt zu finden. Eine verklärte, eine allzu märchenhafte Vorstellung? Nein. Es gibt Flecken in dieser Region, da ist man für eine Weile dem Himmel ein Stückchen näher. Zum Beispiel auf der Skiflugschanze – oder auf einer Hütte auf 1000 Metern.

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