Die Eltern von Alessia Paglia kümmern sich hautsächlich um die Minigolfanlage. Aber sie greift auch gern zum Schläger. Foto: Simon Granville

Die Minigolfanlage in Münchingen ist seit Generationen ein beliebtes Ausflugsziel. Obwohl Familie Paglia nicht davon leben kann, hält sie an dem Preis von 3,50 Euro fest.

Alessia Paglia erinnert sich genau: „Hier habe ich Fahrradfahren gelernt“, sagt sie und zeigt auf einen betonierten Weg, der vom Eingangstor bis zum Kassenhaus führt. Wo andere zurückdenken an die Kindheit auf dem Bolzplatz oder der Schaukel im Park, denkt sie an diesen Ort: die Minigolfanlage in Münchingen. Denn Alessia Paglia stammt aus einer regelrechten Minigolfdynastie.

 

Nun kümmern sich hauptsächlich Alessias Eltern Filomena und Franco um die Anlage. Vor ihnen waren es Francos Eltern Maria und Piedro. 1996 – oder 1997, das wird am Tisch der Familie Paglia auf Nachfrage einige Minuten eifrig diskutiert – übernahm Maria Paglia die Anlage am nördlichsten Zipfel des Örtchens Münchingen. Mit ihrem Mann Piedro, beide einst Gastarbeiter aus Italien, führte sie damals einen Getränkehandel. Die Minigolfanlage gehörte da noch den Naturfreunden, die sich allerdings nicht mehr darum kümmern konnten und zufällig Stammkunden bei den Paglias waren.

Die rote Wurst hat auf dem Minigolf-Platz in Münchingen Tradition

Der Rest ist Geschichte: „Wir dachten uns damals, komm’, wir probieren das“, erinnert sich Franco Paglia. „Ich weiß noch, wie ich mit Mama das erste Mal hergefahren bin.“ Wo es nun vor dem Imbiss der Minigolfanlage Platz für 300 Gäste gibt, lagerten damals gerade einmal zehn Biergarnituren auf dem Gelände. Seitdem hat sich einiges verändert: Ein Zelt wurde aufgebaut, mehr Tische angeschafft, die Speisekarte des Imbisses erweitert – es gibt jetzt auch Vegetarisches. Im Sommer werden hier Feste gefeiert, am Wochenende gibt es Specials, Gegrilltes oder Burger zum Beispiel.

Aber vieles ist auch geblieben auf der Minigolfanlage Paglia. Während die Welt sich rasant verändert, findet der Nostalgiker hier vielmehr beruhigende Beständigkeit: Seit 1996 – oder eben 1997 – serviert die Familie die gleiche rote Wurst und die bewährte hausgemachte Currysoße. Vor dem Kassenhäuschen steht ein großer, gelber Eimer mit den Minigolfschlägern, mit denen schon seit Jahren die Bälle versenkt werden.

Alessia Paglia (links) mit ihren Großeltern Maria und Piedro (vorne) und den Eltern Franco und Filomena Foto: Simon Granville

Eine Runde Minigolf kostet einen Erwachsenen 3,50 Euro, wo man in Richtung Stuttgart durchaus sechs Euro und mehr blechen muss. Bezahlt wird nur bar. Seit ein paar Jahren gibt es zwar eine Kasse mit Touchscreen, sagt Alessia Paglia, aber die Internetverbindung reicht nicht aus für ein Kartenlesegerät. Auch an den Bahnen hat die Familie Paglia nicht viel verändert, abgesehen von regelmäßiger Pflege.

Manche Gäste sind zu Freunden geworden – oder sogar Teil der Familie

Das System funktioniert: Seit der Übernahme Ende der 90er Jahre sind jedes Jahr mehr Menschen gekommen, sagt Filomena Paglia, auch, wenn es sich in den letzten Jahren auf einer Höhe eingependelt hat. Im Sommer kommen die Gäste mit dem Fahrrad aus den umliegenden Orten nach Münchingen, Schulklassen, sogar große Arbeitgeber mit dem ganzen Team. „Und die Leute sagen, sie kommen gerne“, sagt Maria Paglia.

Die ganze Familie hat durch diese Arbeit auch Freunde gefunden. „Oma Uschi und Opa Heinz“ zum Beispiel, sagt Alessia Paglia. Eine Blutsverwandtschaft besteht nicht, zur Familie gehören sie irgendwie trotzdem. Sogar auf der Minigolfanlage kennengelernt haben sich die beiden. Und manche Stammkunden, die jetzt mit ihren Kindern kommen, waren selbst früher mit ihren Eltern da zum Minigolfspielen.

An mehreren Bahnen können Besucher ihr Können zeigen – selbst bezeichnet sich die Familie Paglia aber nicht als besonders talentierte Minigolfspieler. Foto: Simon Granville

Aus der Familiengeschichte der Paglias ist die Minigolfanlage nicht mehr wegzudenken. Wenn an warmen Sommerwochenenden die Bude voll ist, packt die ganze Familie mit an, vom jungen Cousin bis hin zum 84-jährigen Piedro. Klar ist aber auch: „Leben kann man davon nicht“, sagt Franco Paglia. Keiner in der Familie ist hauptberuflich Minigolfanlagenbesitzer, auch nicht er und seine Frau Filomena, die sich zum Großteil um die Anlage kümmern. Franco Paglia fängt im Sommer meist frühmorgens mit seinem regulären Job als Lagerist an, am Nachmittag geht es weiter zum Minigolfplatz.

Minigolf für 3,50 Euro: Bodenständigkeit gehört zum Erfolgsrezept

Klar könne man die Preise anheben, sagt Franco Paglia. „Aber Mama hat immer gesagt: Das muss sich jeder leisten können, zu uns zu kommen.“ Bei den 3,50 Euro Eintritt bleibt es also. Diese Bodenständigkeit gehört für die Paglias mit zum Erfolgskonzept: „Ein-Sterne-Hotel“, scherzt Piedro Paglia in schwerem italienischen Dialekt. „Bei uns gibt es keinen Luxus“, sagt Franco Paglia. „Bei uns gibt es Biertische.“

Bis etwa 1000 Euro investiert die Familie jährlich etwa in die Instandhaltung der Bahnen. Außerdem etwas Geld gesteckt haben die Paglias in Überwachungskameras und einen Sicherheitsdienst, nachdem mehrfach eingebrochen wurde. Zigaretten im Wert von 800 Euro haben die Diebe einmal mitgehen lassen, erinnert sich Maria Paglia. Sogar ein Kaffeevollautomat musste einst dran glauben.

In den kommenden Jahren soll auf der Minigolfanlage alles bleiben wie gehabt. Nur das große Zelt, das würden die Paglias gerne austauschen. Vielleicht klappt es vor August. Dann feiern Maria und Piedro Paglia ihren 60. Hochzeitstag – auf dem Minigolfplatz, versteht sich.