Das pralle Leben! Aus dem eigentlich einmaligen Strandprojekt ist ein jährliches Ereignis geworden. Foto: factum/Weise

Wer braucht schon Italien oder Spanien, wenn er den eigenen Strand direkt vor der Haustür hat? Noch bis zum 3. September ist der Vaihinger Marktplatz in einen Strand verwandelt.

Vaihingen/Enz - Alles begann mit einer kleinen, verrückten Idee. Im Jahr 2001 organisierten 21 Kommunen der Region Stuttgart das Kulturprojekt „Offene Räume: Leere, Limit, Landschaft“. Das Städtchen Vaihingen/Enz beteiligte sich damals mit dem Kulturprojekt „Nigihaven na der Zen“, bei dem vier Wochen lang verschiedene Plätze und Räume der Stadt mit ungewohnten und verrückt anmutenden Aktivitäten und Nutzungen belegt wurden.

Eine dieser „Verrücktheiten“, so ist es auf einem Schild am Marktplatz zu lesen, sei es damals gewesen, eben jenen Marktplatz in der Mitte der Stadt in einen Sandstrand zu verwandeln. Und zwar in einen richtigen Strand mit Sonnenschirmen, Liegestühlen, einer Bar, mächtig viel Eiscreme und einem Brunnen in der Mitte, in dem das Wasser plätschert und dem Besucher suggeriert: Du bist hier am Meer.

Seit 2003 gibt es das „Strandleben“

Gut, den Brunnen, den gibt’s hier schon lange. Der musste also nicht extra gebaut werden. Doch das mit dem Sand, das fanden die Menschen in Vaihingen toll. Prompt war der „Strand“ über die Dauer seiner mehrwöchigen Existenz so beständig von Bürgern aller Altersklassen belagert, dass es eine wahre Freude war. Und weil sich die Menschen gerne an das erinnern, was schön war und Entspannung und Freude gebracht hat, beschlossen einige Vaihinger, das als einmalig konzipierte Projekt nicht im Sande verlaufen zu lassen, sondern es gleich zwei Jahre später wieder aufleben zu lassen.

Seit 2003 gibt es also das „Vaihinger Strandleben“ als Projekt bürgerschaftlichen Engagements, und das Angebot ist bis heute ungebrochen beliebt bei den Vaihingern. So beliebt, dass es aus dem zunächst zweijährigen Turnus ein jährlicher wurde. Seit 2010 werden Jahr für Jahr Tonnen von Sand auf den Marktplatz gekarrt. „Sieben Lastwagen werden hier jedes Jahr angefahren und verteilt, das ist schon eine ziemliche Menge“, berichtet der Vaihinger Hauptamtsleiter Hans Rentschler. Eingefasst wird das Ganze von einer schicken Holzumrandung, die von den Mitarbeitern des städtischen Bauhofs angeliefert und montiert wird. Als der Sand dieses Jahr am 12. Juli gebracht worden sei, habe der selbe Effekt eingesetzt wie in jedem Jahr: „Kaum war der Sand da, sind schon die ersten Kinder hineingesprungen und haben sich gefreut“, erzählt Hans Rentschler.

Kinder bauen Sandburgen

Der Brunnen in der Mitte bildet das Herzstück, um den sich die bunten Liegestühle, Schirme und ein Leuchtturm gruppieren. Hier spritzen sich die Kinder nass und kühlen sich die Füße, hier heraus kommt das Wasser, das zum Bau großartige Sandburgen nötig ist. Eine Gruppe Jugendlicher macht genau das an diesem Vormittag. Eines der Mädchen trägt Kopfhörer und bastelt versonnen an einer futuristischen Burg. „Ein Wettbewerb ist das hier nicht, wir haben uns das einfach so ausgedacht, damit wir was zu tun haben“, sagt sie und baut weiter.

Überhaupt wird hier viel kreativ „gearbeitet“. Während die Kinder und auch Jugendlichen Sandburgen bauen, schmieden deren Eltern mit einem kühlen Getränk oder Eis in der Hand Urlaubspläne oder unterhalten sich über die bestmögliche Nutzung der Elternzeit. Daneben sitzt ein junger Mann im Anzug und starrt in seinen Laptop auf dem Schoß. Zwei Damen besprechen das nächste Meeting, während sie an ihrem Eiskaffee schlürfen, daneben sitzt eine Oma, die ihren Enkel im Blick hat, der gerade seine Freundin mit Brunnenwasser nass spritzt.

Keine Probleme mit Vandalismus

Morgens und abends träfen sich hier öfter Gruppen, um gemeinsam Yoga oder Qigong zu machen, erzählt Hans Rentschler. „Und ab und zu bauen Ehrenamtliche auch Boxen auf, um den Platz mit Lounge-Musik zu beschallen, das ist dann immer eine ganz tolle Atmosphäre“, schwärmt der Hauptamtsleiter. Ob es bei all dem Idyll nicht auch so etwas wie Vandalismus gibt? „Damit haben wir überhaupt keine Probleme“, versichert Rentschler. Klar ginge ab und zu mal ein Schirm oder eine Liege kaputt, dies geschehe aber nicht, weil es jemand mutwillig zerstöre.

Bis vor zwei Jahren habe es eine Art „Strandaufseher“ gegeben, erinnert sich Rentschler. „Das war ein Mann, der saß den ganzen Tag mit einem Buch im Liegestuhl und hat aufgepasst. Wenn sich jemand daneben benommen hat, hat er denjenigen sanft darauf hingewiesen, dass es so nicht geht.“ Wo jener Mann nun ist, ist nicht bekannt– das Miteinander beim Vaihinger Strandleben funktioniert dennoch.

Programm am Strand

Dauer
Noch bis Montag, 3. September 2018, ist das Vaihinger Strandleben aufgebaut. Der „Strand“ auf dem Markt ist nachts tabu für Besucher, auch das WC-Häuschen am Platz schließt um 22 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Veranstaltungen
Zahlreiche Gruppen haben gemeinsam ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. So spielt etwa am Dienstag, 28. August, um 18.30 Uhr das Trio „Auf anderen Wegen“ aktuelle Charts in jazzigen Varianten. Die Musikschule Slapstick kommt am Mittwoch, 29. August, um etwa 17 Uhr zu einer Trommelsession, Anmeldungen sind über die Musikschule möglich. Zumba für jeden und kostenfrei gibt es am Donnerstag, 30. August, um 19 Uhr. Am selben Tag trifft sich um 20 Uhr das Orgateam des Strandlebens mit den Strandpaten und allen am Strandleben Interessierten, um sich auszutauschen, Erfahrungen zu besprechen und neue Pläne für 2019 zu schmieden.

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