Er überlebte das jüdische Ghetto von Radom, wo seine Eltern starben. Er überlebte Auschwitz. Er überlebte das Vaihinger Lager Wiesengrund und die unmenschlichen Zustände in der KZ-Außenstelle Unterriexingen. Heute ist Izhak Akerman 93 Jahre alt.
Vaihingen/Enz - Ende April vor 76 Jahren liegt ein kräftiger Griff zwischen Leben und Tod. Izhak Akerman, 17 Jahre alt, ist schwer krank, völlig entkräftet und ausgezehrt von den Qualen in den Konzentrationslagern. Er sinkt auf dem Appellplatz im KZ Dachau in sich zusammen. Dorthin war er mit Dutzenden anderer Häftlinge wenige Tage zuvor in Viehwaggons aus den Konzentrationslagern in Vaihingen/Enz im Kreis Ludwigsburg transportiert worden.
Wenn die SS-Wachleute bemerken, wie schlecht es ihm geht, erschießen sie ihn. Er weiß das, doch die Kräfte verlassen ihn dennoch. Ein Mithäftling greift ihm unter die Arme, zieht ihn nach oben und stellt ihn wieder auf die Beine. „Junge, halt dich fest“, sagt der Mann, stützt und schleppt den Geschwächten nach dem Appell zurück in die Baracke. Wenig später, am 29. April 1945, befreit die US-Armee das Lager, kurze Zeit danach ist der Zweite Weltkrieg zu Ende, die Nazidiktatur besiegt. „Dieser Mann, ich weiß bis heute nicht, wer es war, hat mir das Leben gerettet“, sagt Izhak Akerman.
Er ist mit seiner Frau Rachel für ein paar Tage in Bad Wörishofen. Der Kneipport südlich von Augsburg hat eine besondere Bedeutung für ihn. Es gehe ihm bis auf ein paar Krankheiten gut, sagt er zur Begrüßung. Natürlich, er spüre die Knochen, die Beine, den Rücken. Und die Augen würden auch nicht mehr so mitmachen. „Aber die Festplatte funktioniert noch“, sagt er, lächelt und tippt sich an die Stirn. Eine Stunde, so hat er am Telefon gesagt, könne man miteinander reden. Mehr nicht, sie müssten am nächsten Tag früh raus, weil sie zurück nach Haifa reisen. Ob sich dafür die Fahrt aus Stuttgart überhaupt lohne, fragt er.
Vater und Mutter werden ermordet
Izhak Akerman wird am 25. Dezember 1927 in Danzig geboren. Die jüdische Familie, sein Vater ist Schneider, zieht nach dem Aufstieg der Nationalsozialisten und der beginnenden Verfolgung der Juden ins polnische Gdingen, von wo aus sie nach dem deutschen Überfall zu Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 nach Radom zwangsumgesiedelt wird. Im dortigen Ghetto werden sein Vater und seine Mutter ermordet, der Waise kommt begleitet von Cousins ins Konzentrationslager nach Szkolna, er muss harte Zwangsarbeit verrichten.
Als die Rote Armee näherkommt, werden die Lager im Osten aufgelöst. Der Junge überlebt den Fußmarsch nach Birkenau-Auschwitz und die Selektion an der Rampe, weil er sich auf Zehenspitzen gehend größer macht, als er ist, und für arbeitsfähig angesehen wird. In Viehwaggons werden er und mehr als 2000 Radomer Juden im Sommer 1944 in das Konzentrationslager nach Vaihingen an der Enz transportiert, wo sie Zwangsarbeit in Steinbrüchen und Stollen machen müssen für eine unterirdische Flugzeugfabrik, die nie fertig gebaut werden sollte.
Als diese Arbeiten eingestellt werden, wird das Vaihinger Lager Wiesengrund als Außenstelle des KZ Natzweiler im Elsass zu einem „Kranken- und Erholungslager“ für den südwestdeutschen Raum erklärt, in dem von der Schwerstarbeit zu Tode erschöpfte und kranke Häftlinge dahinvegetieren. Die hygienischen Zustände sind erbärmlich, die Sterberate ist hoch. Arbeitsfähige Männer werden in andere Lager transportiert. Dazu gehört auch Izhak Akerman, der im Winter 1944 in das wenige Kilometer entfernte, neu errichtete KZ Unterriexingen verlegt wird.
Eine Latrine für mehr als 500 Häftlinge
In dieser KZ-Außenstelle, an einem Hang über der Enz gelegen, herrschen katastrophale Zustände. Die Männer arbeiten in Tag- und Nachtschichten am Flugplatz Sachsenheim, graben Stollen und räumen den Schutt weg nach Bombenangriffen auf Stuttgart, Kornwestheim und Ludwigsburg. Es gibt nur eine Latrine für mehr als 500 Häftlinge, keine befestigten Wege. Schlamm, Hunger, Nässe, Kälte, Krankheiten und die Gewalt der SS-Aufseher bestimmen den Alltag, wie es auch der aus den Niederlanden stammende und 2016 verstorbene Jules Schelvis in dem von Manfred Scheck und der Stadt Vaihingen an der Enz herausgegebenen Band „Das KZ vor der Haustüre“ beschreibt.
„An diesem Tag goss es wie mit Kübeln. Trotzdem bekamen wir den Auftrag, für eine neue Straße am Flughafen entlang Erde auszuheben und Steine zu klopfen . . .
In unserer dürftigen Kleidung sahen wir aus, als ob wir ein Bad genommen hätten. Weil wir nach Ansicht der SS-Aufseher nicht hart genug arbeiteten, kamen sie ab und zu hervor und schlugen uns . . .
Der Regen hörte an diesem Tag gar nicht mehr auf. Er verfolgte uns noch bis ins Lager. Wie eine nasse Katze schoss ich in die Baracke, damit ich endlich ein Dach über dem Kopf hatte. Ich zog alles aus und kroch auf meine Pritsche ohne Stroh und Decke in der Hoffnung, dass die Sachen am nächsten Morgen etwas trockener sein würden. Von Schlafen war keine Rede . . .
Dieser Tag war von allen Tagen in den Lagern der schrecklichste. Ich habe Männer aus lauter Verzweiflung weinen sehen. Was an diesem Tag vorgefallen war, war schlimmer als 25 Peitschenhiebe aufs Gesäß. Das war Mord, ohne dass ein Verbrecher dafür auch nur einen Finger krumm zu machen brauchte. Das war wirklich Vernichtung durch Arbeit. Binnen weniger Tage starben Dutzende von Häftlingen an Lungenentzündung. Hunderten sollten in den kommenden Monaten noch folgen.“
Die Leichen werden gesammelt
Auch Izhak Akerman erinnert sich, wie sie „mit bloßen Händen“ arbeiten müssen und spätabends auf dem Rückmarsch ins Lager die Kolonne treffen, die nachts im Einsatz ist. Man habe immer versucht, vorne zu marschieren, weil die „hinteren Reihen die Leichen tragen mussten, die am Tag gestorben oder beim Marsch zusammengebrochen waren“. Die Leichen werden in Holzkisten im Mittelgang der Baracken gesammelt und nach einigen Tagen auf Holzkarren nach Vaihingen gebracht oder am Hang oberhalb des Lagers verscharrt. „Das war das Furchtbarste“, sagt Izhak Akerman.
Im März 1945 wird das Lager in Unterriexingen aufgelöst, Akerman kommt schon einige Wochen zuvor zurück nach Vaihingen, er leidet an Durchfall und Tuberkulose. „In der überfüllten Krankenbaracke schlief ich neben Kranken ein und erwachte neben Toten“, erzählt er. Als die französische Armee im Frühjahr näher kommt, die das Vaihinger KZ am 7. April befreit, müssen die Gehfähigen nach Bietigheim marschieren, von dort geht es in Viehwaggons nach Dachau.
Nach der Befreiung durch die Amerikaner kommt Akerman in Kliniken und Reha-Einrichtungen in Bayern – auch nach Bad Wörishofen, weshalb er immer wieder zur Kur hierherkam. Dort wird er im Oktober 1946 aus dem Krankenhaus entlassen, er ist wieder einigermaßen gesund – und ein freier Mensch.
„Mehr Tier als Mensch“
„Ich bin kein großer Erzähler“, sagt Izhak Akermann. Erst nach Jahrzehnten hat er, als ihn eine Nichte darauf ansprach, von seinen Erlebnissen berichtet. Später hat er Vorträge gehalten, auch in Vaihingen, wo ein rühriger Verein und die Stadt die Erinnerung wach halten. „Viele Leute können die Schrecken nicht erfassen“, sagt er. Vieles lasse sich aber auch nicht in Worte fassen: „Die Atmosphäre auf der Rampe von Birkenau, das kann ich nicht beschreiben.“ Auch das, was er in den Wintermonaten 1944/45 in Unterriexingen erlebt habe, übersteige die menschliche Vorstellungskraft. „Am Ende war man mehr Tier als Mensch, es ging nur noch darum, wie man etwas zu essen bekommt und wie man die Schläge der Aufseher vermeidet“, sagt er.
Nachdem er wieder auf den Beinen ist, geht der 18-Jährige nach Stuttgart, weil dort einer seiner Cousins lebt. Mehr als 400 Radomer Juden sind in zwei Camps in der Reinsburg- und Bismarckstraße untergebracht. Akerman bekommt eine Lehrstelle als Radiotechniker. Doch er spürt, so sagt er es im Rückblick, „die Einstellung“ der deutschen Kollegen, von denen viele Soldaten waren und geprägt von jahrelanger nationalsozialistischer Propaganda: „Die waren nicht begeistert von dem jungen KZler.“
Wie die meisten polnischen Juden wandert Akerman aus in Richtung Palästina, wo ein Bruder und eine Schwester leben, die noch vor dem Krieg Polen verlassen haben. Bei seinem ersten Versuch mit dem Schiff Exodus schicken ihn die Briten zurück und internieren ihn bei Lübeck. Beim zweiten Mal klappt es nach einer abenteuerlichen Reise. Im gerade gegründeten Staat Israel lässt er sich in Haifa nieder, arbeitet als Busfahrer und heiratet Rachel. In der Hafenstadt leben die beiden heute noch.
Er will Antworten auf seine Fragen
Die eine Stunde für das Gespräch ist rasch vorbei. Izhak Akerman will nicht nur die Fragen nach seinem bewegten Leben, nach seiner Zeit in den Konzentrationslagern und einigen Monaten im zerbombten Nachkriegs-Stuttgart beantworten, er will auch Antworten auf Fragen, die er stellt: Wie geht es in Europa ohne die Briten weiter? Wie ist die politische Lage in Deutschland? Was ist mit der AfD? Und mit den rechtsextremen Morden?
Immer wieder springt er aus seiner Vergangenheit, in der das Schicksal grausam Regie führte, in die Gegenwart, die ihn so sehr interessiert – von dem „Jungen mit flachsblonden Haaren und blauen Augen, der Deutsch als Muttersprache hat“ zum alten Mann, der mit wachem Geist die politische Lage betrachtet, auch die in Israel. Er komme gerne nach Deutschland, sagt er, auch wenn das wohl wegen seines hohen Alters sein letzter Besuch sei. Mehr als drei Stunden dauert das Gespräch schließlich, das lange nachhallt, nachdem das Ortsschild von Bad Wörishofen aus dem Rückspiegel verschwunden ist. „Die Täter sind nicht mehr da, aber ich bin es noch“, sagt er am Ende des Gesprächs. „Die Endstation ist uns allen bekannt, ich habe es aber nicht eilig.“
Der Gedenkstättenverein hält Kontakt zu dem 93-Jährigen, einige Mitglieder haben ihn auf Israel-Urlauben in Haifa getroffen. Dort macht er täglich einen kleinen Spaziergang, um nicht einzurosten.