Wenn Sermet I. Foto: dpa

In Sindelfingen geboren und aufgewachsen, soll ein 34-Jähriger den deutschen Pass verlieren. Der Grund: Der Mann wurde als Terrorhelfer der Al-Kaida verurteilt.

Mit 34 Jahren steht Sermet I. vor den Trümmern seines Lebens: Zwei Jahre Haft liegen hinter dem verurteilten Terrorhelfer der Al-Kaida. Seinen Traumjob beim Autobauer Daimler, bei dem er 17 Jahre lang gearbeitet hatte, hat er wegen seiner kriminellen Aktivitäten verloren. Auch eine Klage vor dem Arbeitsgericht half nichts (wir berichteten). Seine Ehe wurde bereits vor Jahren geschieden.

Nun kämpft der gebürtige Sindelfinger um seinen Status als deutscher Bürger, das Landratsamt hat vor anderthalb Jahren die Rücknahme der Einbürgerung verfügt. Dagegen klagt der 34-Jährige. Am kommenden Montag wird am Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt: Sermet I. gegen das Land Baden-Württemberg. Das Land wird bei der Verhandlung sowohl von Repräsentanten des Landratsamts als auch vom Innenministerium vertreten.

Für Sermet I., der im Sindelfinger Stadtteil Maichingen aufgewachsen ist, dort zur Schule ging und anschließend im Sindelfinger Mercedes-Werk eine Ausbildung zum Lackierer absolvierte, geht es um viel. Gewinnt das Land, ist der Sindelfinger staatenlos. Zwar kann er nicht abgeschoben werden – denn kein Land nimmt einen staatenlosen verurteilten Terrorhelfer auf – aber die Auswirkungen auf das Leben des 34-Jährigen wären immens. Ohne Pass kann er nicht reisen, einen Job zu finden, dürfte schwierig werden. Jeder Arbeitgeber würde ihn fragen, warum ein gebürtiger Sindelfinger staatenlos ist.

Vom Sympathisanten zum Terrorhelfer

Warum Sermet I., dessen türkischstämmige Familie als liberale Muslime gelten, sich radikalen Islamisten zuwandte, lässt sich nicht eindeutig klären. „Vermutlich war das ein schleichender Prozess“, sagt ein Bekannter des Mannes. Fest steht, dass sich Sermet I. von 2005 an häufig in Moscheen und Islamischen Zentren aufhielt. Ein und aus ging er unter anderem im Sunnah-Verein in der Sindelfinger Ziegelstraße, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Vom Sympathisanten wurde der Sindelfinger zum Helfer der islamischen Terroristen. Fest steht, dass er im Jahr 2006 – dem Jahr, in dem er eingebürgert wurde – einem Kurier der Al-Kaida 22 Entfernungsmessgeräte, diverse Wanzendetektoren, Nachtsichtgeräte und Richtmikrofone übergeben hat. Dafür verurteilte ihn das Koblenzer Oberlandesgericht im Jahr 2010 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Den Großteil der Strafe hat der Mann abgesessen.

Für das Landratsamt sind die Aktivitäten im terroristischen Umfeld unvereinbar mit der Loyalitätsbekundung zu demokratischen Werten, die Sermet I. 2004 beim Antrag auf Einbürgerung abgegeben hatte. Sermet I. hingegen argumentiert, dass er sich erst nach Abgabe dieser Loyalitätserklärung den radikalen Gruppierungen zugewandt hätte.

Und so wird es in der Verhandlung am Stuttgarter Verwaltungsgericht am Montag vor allem um die zeitliche Dimension gehen. War Sermet I. bei seiner Einbürgerung im März 2006 schon ein Terrorhelfer? Oder hat er den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erst verlassen, als er bereits Deutscher war? Dann wäre die Rücknahme der Einbürgerung rechtswidrig.

Daimler will ihn nicht mehr einstellen

Ein abschließendes Urteil wird am Montag noch nicht erwartet, wohl aber eine Tendenz, wie der Richterspruch ausfallen könnte. So war es auch im Mai beim Landesarbeitsgericht gewesen, wo der Sindelfinger auf Wiedereinstellung bei seinem früheren Arbeitgeber Daimler geklagt hatte. Das Sindelfinger Mercedes-Werk hatte dies abgelehnt, weil es keinen verurteilten Terrorhelfer im Werk haben wollte. Die Richter hatten durchblicken lassen, dass sie den Autobauer im Recht sehen. Sie rieten Sermet I., seine Klage zurückzuziehen. Diesem Rat folgte der Sindelfinger, nachdem Daimler zugesagt hatte, die Prozesskosten zu übernehmen.

Sowohl vor dem Oberlandesgericht in Koblenz 2010 als auch vor dem Landesarbeitsgericht hatte sich Sermet I. von seinen früheren Aktivitäten als Terrorhelfer und von der Terrororganisation Al-Kaida distanziert. Die Vertreter des Mercedes-Werks hatten das als wenig glaubhaft zurückgewiesen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: