Mit den Händen zu arbeiten, scheint unbeliebter zu sein denn je. Foto: Kirsten Neumann

Sinkende Bewerberzahlen in der dualen Ausbildung bereiten den Kammern und der Arbeitsagentur Kopfzerbrechen. Wenn keine Trendwende folgt, fehlen in wenigen Jahren hunderttausende Fachkräfte im Land.

Die Handwerkskammer vermeldet für den Landkreis Esslingen im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang der Ausbildungsverträge um 9,6 Prozent. Die anderen Kammern und die Arbeitsagentur Göppingen melden ähnliche Zahlen. Die Frage ist: Wo sind die fehlenden Azubis?

 

Laut dem Statistischem Landesamt wurden im Landkreis Esslingen im Jahr 2019 bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) 2200 Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen – 2021 waren es noch 1770. Es sind derzeit, kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, ungefähr 1000 Ausbildungsstellen im Landkreis unbesetzt. Laut Umfrage der IHK-Baden-Württemberg gibt jedes dritte Unternehmen an, überhaupt keine Bewerbung für seine Ausbildungsplätze erhalten zu haben.

Versuch einer Erklärung

„Wir versuchen, den Trend zu brechen, und lassen nichts unversucht. Ich glaube, dass wir dieses Jahr noch mal vier bis fünf Prozent runtergehen“, sagt Markus Knorpp, Teamleiter der Berufsberatung der Arbeitsagentur Göppingen, die auch für den Landkreis Esslingen zuständig ist. Sein Eindruck sei, dass alle alternativen Wege wie weiterführende Schulen und Freiwilligendienste keine signifikanten Steigerungen hätten. Auf der anderen Seite gebe es einen starken Rückgang der neuen Ausbildungsverträge. Wo die jungen Leute abgeblieben sind, könne man nur erahnen – eine ausreichende Erklärung gebe es nicht.

„Ich glaube, es teilt sich auf zwischen Freiwilligendienst, weiter zur Schule gehen und Schockstarre. Einige jobben wohl auch direkt, da es der Arbeitsmarkt derzeit zulässt. In der Gastronomie wird beispielsweise überall gesucht“, sagt der Berufsberater. Für ihn sei letzteres nur die zweitbeste Wahl, da man in Zeiten schlechterer Konjunktur schneller von Arbeitslosigkeit bedroht sei. Zudem seien die Aufstiegsmöglichkeiten für ungelernte Kräfte meist begrenzt.

Was sind die Ursachen?

„Es ist ein gesellschaftliches Thema. Wir müssen uns alle fragen: Was können wir tun, um jedem Beruf und jeder Tätigkeit die Wertschätzung beizumessen, die sie erfahren müssen? Wir brauchen diese Fachkräfte. Ohne die funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Bestimmte Funktionen sind schlicht da, und auf die sind wir angewiesen: Handwerk, Lebensmittel, Produktion, Logistik und Pflege“, so Knorpp.

Letztlich sei es auch an allen, Änderungen von der Politik einzufordern, um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Auch das Thema Orientierung spiele eine Rolle. Informationen für Berufseinsteiger gebe es ausreichend. Laut Studie der Bertelsmann-Stiftung sagen aber 50 Prozent der Schulabgänger , dass sie sich schlecht informiert fühlen. Wie passt das zusammen? Nach Meinung Knorpps werden viele von der Fülle der Möglichkeiten und der Informationen erschlagen. Sie würden es nicht schaffen, den Bezug zu sich selbst herzustellen. Das habe auch mit den fehlenden Praktika während Corona zu tun, da es gerade im Handwerk darum gehe, sich auszuprobieren.

Wohin führt der Weg?

„Im Moment sind Betriebe alle noch dabei auszubilden. Sie könnten damit auch aufhören“, sagt Dieter Proß, Leiter des IHK-Referats Beruf und Qualifikation. Diese Auffassung teilt Knorpp, der befürchtet, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt wird, um Ausbildungen attraktiver zu machen. Dies könnte dazu führen, dass es sich für viele Betriebe in Zukunft nicht mehr rechnet, überhaupt auszubilden. „Wenn die um 1963 geborenen Jahrgänge in Rente gehen, wird sich der Mangel noch mal verschärfen. Das war, demografisch gesehen, der dickste Teil der Zwiebel“, sagt Proß. „Wer derzeit eine Ausbildung macht, hat Chancen ohne Ende.“ Laut Fachkräftemonitor der IHK könnten bis 2035 im Südwesten mehr als 800 000 Fachkräfte aus der dualen Ausbildung fehlen.

Was wird getan?

Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart: „Wir müssen das Handwerk für alle jungen Menschen erlebbar machen, daher fordern wir einen ‚Tag des Handwerks’ an allen allgemeinbildenden Schulen.“

Der IHK-Mann Proß geht nicht ganz so weit: „Die Berufsorientierung ist kaum da. Die Praktika haben während Corona sehr gefehlt. Wir tun alles, um diesen Kontakt zwischen Betrieben und Schülern wieder herzustellen. Wir suchen ständig neue und niederschwellige Möglichkeiten, damit die Jugendlichen wieder aus ihrer Apathie herauskommen.“ Dies sei auch wichtig, um die individuellen Voraussetzungen der Berufsanfänger auszuloten. Die Einstiegsqualifizierung sei hierfür ein interessantes Modell. Man beginnt für sechs bis elf Monate eine Lehre auf Probe. Die Arbeitsagentur zahlt den Lohn. Stellt man sich gut an, darf man im kommenden Jahr im zweiten Lehrjahr mit Ausbildungsvertrag weitermachen.

Für Schüler und Eltern

Nacht der Ausbildung
 Im Rahmen der Veranstaltung können Jugendliche am 29. September einen Blick in viele Ausbildungsbetriebe der Region werfen. Dazu wird ein kostenloser Shuttlebusverkehr eingerichtet mit einer zentralen Drehscheibe im Beruflichen Schulzentrum in Esslingen-Zell. Im Schulzentrum gibt es zudem eine zentrale Veranstaltung, auf der weitere Firmen, Handwerke und Branchen ihre Informationen anbieten. Mehr Informationen auf der Internetseite: www.nda-esslingen.de.

Nachvermittlungswoche
 Wer den Ausbildungsstart verpasst hat: Experten der Berufsberatung stehen für Jugendliche und Eltern von 20. bis 22. September jeweils von 13 bis 16 Uhr über die Telefonhotline unter der Nummer 0711 / 93 93 09 30 mit Rat zur Verfügung und vermitteln noch viele offene Angebote für das jetzt beginnende neue Ausbildungsjahr.

Erlebniswochenende Handwerk
Am 17. und 18. September können Berufsuchende Handwerksberufe und -betriebe im Freilichtmuseum Beuren kennenlernen. Mehr dazu: www.traditionsberufe-mit-zukunft.de .