Im Kreis Esslingen treten nur 45,5 Prozent der Bewerber für einen Ausbildungsplatz tatsächlich eine Ausbildung an. Die übrigen entscheiden sich für eine weiterführende Schule.
Gibt es im Kreis Esslingen ein Bermuda-Dreieck, in dem Auszubildende verschwinden? Könnte man meinen, wenn man in der jetzt veröffentlichten Ausbildungsmarktbilanz 2024/25 der Agentur für Arbeit liest, dass von 2534 Bewerberinnen und Bewerbern um einen Ausbildungsplatz nur 45,5 Prozent tatsächlich eine Berufsausbildung beginnen. Und zwar nicht, weil Ausbildungsplätze fehlen. Von denen waren am 30. September, dem Stichtag der Statistik, im Kreis Esslingen noch 376 unbesetzt. Wo also sind die jungen Leute abgeblieben?
Markus Knorpp, bei der Agentur für Arbeit Teamleiter der Berufsberatung in Esslingen, hat ein nüchterne Erklärung für das mysteriöse Phänomen: „Viele von ihnen gehen auf weiterführende Schulen.“ Warum bewerben sie sich dann überhaupt? „Weil viele junge Menschen unsicher sind, welchen Weg sie in ihre Zukunft gehen sollen. Sie schwanken zwischen Ausbildung und Schule, entscheiden sich dann aber oft für das vertraute System Schule.“
Dieser Trend blieb laut der Bilanz im Zeitraum von Oktober 2024 bis September 2025 ungebrochen. 3968 Ausbildungsstellen wurden der Arbeitsagentur gemeldet – 8,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die 2534 Bewerberinnen und Bewerber – jener Teil des Gesamtspektrums, der die Ausbildungsvermittlung in Anspruch nahm – bedeuten eine Zunahme um 6,8 Prozent.
Wie in den Vorjahren waren deutlich mehr Ausbildungsstellen gemeldet als Bewerber. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage sei vor allem bei medizinischem und zahnmedizinischem Fachpersonal und bei Industriekaufleuten, im Logistikbereich, Einzelhandel sowie bei Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik auffällig, heißt es. Warum schwächeln gerade diese eigentlich attraktiven Bereiche? „Weil nicht alle Bewerberinnen und Bewerber aus der Sicht der Arbeitgeber qualifiziert und leistungsfähig genug für diese Berufe sind“, sagt Knorpp. „Ausbildung ist eben ein zweiseitiges Matching. Das muss für beide Seiten passen.“ Insgesamt blieben bislang 2,5 Prozent mehr Stellen als im Vorjahreszeitraum unbesetzt.
Wunsch und Wirklichkeit im Kreis Esslingen
Zum „zweiseitigen Matching“ gehört umgekehrt auch, dass die Auszubildenden in spe ihre eigenen Wunschvorstellungen haben. Und diese Wünsche können – bei insgesamt rund 350 Ausbildungsberufen – nicht immer vor Ort oder in erreichbarer Nähe erfüllt werden; vor allem nicht bei schlechter Anbindung von Wohn- oder Ausbildungsort an den öffentlichen Nahverkehr. Selbst innerhalb des Landkreises Esslingen gibt es laut Arbeitsagentur merkliche Unterschiede bei Bewerber- und Ausbildungsprofilen etwa zwischen Neckartal, Alb oder Filder.
Vorne liegen bei den Berufswünschen laut Statistik bei den jungen Frauen die kaufmännischen, medizinischen oder zahnmedizinischen Berufe. Auch Friseurin und Verkäuferin sind beliebt. Junge Männer hingegen sehen sich bevorzugt als KfZ-, Elektro-, Anlagen- oder Industriemechaniker oder als Informatiker. Technik scheint nach wie vor männlich.
Keine Flausen im Hirn
Doch Flausen im Hirn haben die jungen Leute keineswegs, gibt Berufsberater Knorpp zu verstehen. „Die wollen nicht alle nur Influencer werden, wie man manchmal hört. Das sind Einzelfälle. Das Gros der Haupt- und Realschulabsolventen nimmt das Thema Ausbildung sehr ernst und hat realistische Vorstellungen.“ Ihre Berufswünsche bewegten sich meist innerhalb des dualen Systems – das laut Knorpp auch Abiturienten vor oder statt einem Studium zunehmend interessiert: „Aus meiner Sicht eine gute Entwicklung.“ Einen Verdrängungswettbewerb sieht er zumindest im Kreis Esslingen nicht: „Den mag es in anderen Regionen geben, aber nicht hier, wo immer noch Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.“
Weniger Angebote bei traditionellen Ausbildungsberufen
Man erkenne allerdings einen „klaren strukturellen Wandel“ im Ausbildungsbereich, sagt Karin Käppel, die Leiterin der auch für den Kreis Esslingen zuständigen Agentur für Arbeit in Göppingen. „Insbesondere in der Industrie werden viele traditionelle Ausbildungsberufe weniger häufig angeboten.“ Aber weiterhin gebe es Alternativen in anderen Bereichen. Generell sei das „Zusammenbringen von jungen Menschen und Ausbildungsbetrieben“ schwieriger geworden.
51 haben sich bei der Arbeitsagentur gemeldet, die noch einen Ausbildungsplatz suchen. Bis Ende des Jahres werden es wohl noch einige mehr werden. Es passt halt nicht immer mit Ausbildung und Azubi: die Sache mit dem „zweiseitigen Matching“. Die Agentur für Arbeit wird ihre Vermittlungsbemühungen fortsetzen.