Die Nummer Eins unter den Bewerbern um eine Lehrstelle muss nicht unbedingt lauter Einser im Zeugnis haben. . Die Kriterien für die Vergabe eines Ausbildungsplatzes haben sich laut Arbeitsagentur Esslingen verändert. Zensuren verlieren an Bedeutung
Urlaubsbilder, ein Selfie oder ein Party-Schnappschuss: Solche Fotos werden laut Christoph Schütz und Christian Frey von der Arbeitsagentur Esslingen gelegentlich Bewerbungen beigelegt. Davon raten die Experten jedoch dringend ab. Lichtbilder seien nicht mehr zwingend notwendig. Doch wenn sie mitgeschickt werden, müssten es professionell gemachte Aufnahmen sein. Die Mühe lohne sich. Denn Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräche haben ihren Erfahrungen zufolge noch mehr Gewicht bekommen, weil Arbeitgeber ihre Einstellungskriterien verändert haben: „Noten sind nicht mehr der wichtigste Indikator für die Eignung eines Bewerbers.“
Lehrstellenabbrecher – das klingt negativ. Im Bereich der Arbeitsagentur wird daher laut Markus Knopp, dem Teamleiter in der Berufsberatung, von Vertragslösungen gesprochen. Das mag netter klingen, doch die Zahl dieser Fälle bleibt trotzdem hoch: Im zuletzt untersuchten Jahr 2021 wurden im Kreis Esslingen 26,7 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst. Nicht immer werde eine Lehre komplett abgebrochen, relativiert Markus Knopp, in manchen Fällen würden die jungen Erwachsenen auch den Betrieb wechseln. Bei den Studierenden sei die Zahl noch höher. In den Bachelor-Studiengängen hätten im Jahr 2020 etwa 28 Prozent der jungen Erwachsenen ihr Studium hingeworfen. Doch auch im Vergleich dazu bleibt die Abbrecher- oder Vertragslösungsquote bei den Lehrlingen hoch.
Persönlichkeit zählt
Hinzu kommt die angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt: 1394 Stellen sind derzeit im Kreis unbesetzt, und 612 Bewerber suchen noch nach einer Ausbildungsstelle oder haben das Ergebnis ihrer Suche der Berufsberatung nicht gemeldet. Auf diese Entwicklungen haben die Arbeitgeber reagiert, weiß Christian Frey. Strikte Notenvorgaben seien größtenteils passé. Die Persönlichkeit, die Sozialkompetenz, die Teamfähigkeit würden immer wichtiger – und die Bewerbungsverfahren seien an diese Priorisierung angepasst worden. „Gesucht wird nicht mehr der beste Bewerber, sondern der für die Stelle passendste“, so Markus Knopp.
Assessment-Center sind dabei laut der Arbeitsagentur vor allem in großen Firmen ein Mittel, um Bewerber auf Herz und Nieren zu prüfen. Vorgelegt werde eine Aufgabe oder eine Frage, die die Kandidaten für eine Stelle in Gruppendiskussionen oder in Teamarbeit lösen sollen. So müsse aus einem Stapel Papier eine Brücke gebaut oder darüber entschieden werden, welches von mehreren fiktiven Projekten finanziell gefördert werden sollte. Gefragt würden Bewerber auch, wofür sie 200 gefundene Euro ausgeben würden oder was sie tun würden, wenn von zwei Menschen nur einer durch bestimmte Handlungen überleben könne. Bei solchen Debatten könne herausgefunden werden, wer sich in den Vordergrund dränge, wer keine andere Meinung gelten lasse, wer nicht teamfähig sei oder wer keine Argumente für seine Ansichten haben. Favorisiert werde von den Unternehmen meist der selbstbewusste Teamplayer.
Kuriose Fragen als Stresstest
Verändert haben sich auch die Bewerbungsgespräche. „Würden Sie in Weiß heiraten?“ – „Wie führen Sie Streitgespräche mit Ihrem Partner?“ – „Wie würde Ihr Freundeskreis auf einen Stellenwechsel reagieren?“ – das sind Fragen, die kurios anmuten. Doch laut Studien- und Berufsberater Christoph Schütz sollen mit diesen unerwarteten Erkundigungen die Stressresistenz, die Aufgewecktheit und die Schlagfertigkeit eines Bewerbers getestet werden. Aber abseits solch verbaler Schlenker werde bei den meisten Vorstellungsgesprächen nach ähnlichen Mustern verfahren. Für eine Darstellung des persönlichen Lebenslaufes, Fragen nach dem Grund für die Bewerbung oder eine Aufzählung der eigenen Stärken und Schwächen müssten Kandidaten gewappnet sein. Er empfiehlt, solche Situationen mit Freunden oder Familienangehörigen durchzuspielen. Eine gute Vorbereitung helfe auch gegen Nervosität. Frühzeitig da zu sein ist ein weiterer Rat des Fachmanns. Außerdem sei es gut, angebotene Getränke anzunehmen. Das Umfassen eines Glases könne Halt bieten. Außerdem könne ein Schluck Wasser oder Kaffee eine wichtige Atempause zum Nachdenken vor der Antwort auf knifflige Fragen bescheren. Wichtig sei auch, authentisch zu sein und sich nicht zu verbiegen.
ChatGPT hat die Bewerbungssituationen laut der Arbeitsagentur ebenfalls verändert. Künstliche Intelligenz kann zwar gut klingende Anschreiben formulieren, doch Arbeitgeber würden den virtuellen Helfer im Hintergrund zumeist schnell entdecken. Von Vorteil sei es daher, Persönliches, Individuelles oder Beispiele aus der eigenen Biografie in eine Bewerbung einfließen zu lassen. Wer auf einer Ausbildungsmesse mit dem Vertreter eines Betriebes gesprochen hat, könne das später auch in einem Anschreiben erwähnen. Ehrenamtliche Tätigkeiten, Engagement in der Freizeit oder Hobbys mit Bezügen zum Wunschberuf sollten aufgeführt werden. Empfehlenswert könne auch ein Anruf im Unternehmen sein, bei dem bestimmte Dinge abgefragt werden.
Hilfe für Bewerbung und Berufswahl
Coaching
Die Arbeitsagentur Esslingen bietet ein Bewerbungstraining während der Sommerferien in ihren Räumlichkeiten in der Plochinger Straße 2 an. Am Donnerstag, 7. September, von 9 bis 13 Uhr sollen Interessenten an einer Ausbildungsstelle oder einem Dualen Studium fit für die Berufswahl gemacht werden. Eine Anmeldung ist unter Esslingen.Berufsberatung@arbeitsagentur.de möglich.
Beratung
Die Arbeitsagentur Esslingen hat eine Hotline für Nachfragen zu Praktika, Ausbildung, Bewerbung, Schule, Studium, Freiwilligem Sozialem Jahr (FSJ) oder Auslandsaufenthalten eingerichtet. Auch Unentschlossene „ohne einen Plan“ können sich melden. Die Telefonnummer ist dienstags, mittwochs und donnerstags jeweils von 13 bis 16 Uhr unter 0711/93 93 09 30 geschaltet.
Unternehmen
Christian Frey gehört zum Arbeitgeberteam der Arbeitsagentur Esslingen, und er betreut und berät Betriebe und Unternehmen auch bei ihrer Suche nach passenden Auszubildenden und geeigneten Einstellungsverfahren. Der Arbeitgeber-Service ist unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/4555520 erreichbar.