Die Chancen für Bewerber stehen gut: Die hiesige Wirtschaft hat noch viele offene Ausbildungsplätze zu bieten. Foto: dpa/Andreas Gebert

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist weiter rückläufig – auch im Kreis Esslingen. Dabei benötigt die heimische Wirtschaft dringend Fachkräfte. Die Corona-Jahre haben dazu geführt, dass viele junge Menschen die Entscheidung für die Berufswahl aufschieben.

Das Statistische Landesamt hat in der vergangenen Woche vermeldet: Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg ist im vergangenen Jahr auf ein Rekordtief gefallen. Mit 65 250 Vertragsabschlüssen wurde der niedrigste Wert seit Beginn der Statistik im Jahr 1977 verzeichnet.

 

Eine Trendwende ist nicht in Sicht, wie auch die aktuellen Zahlen der Arbeitsagentur für den Landkreis Esslingen verdeutlichen: Es gebe derzeit 2866 gemeldete Ausbildungsstellen, aber nur 1565 Bewerberinnen und Bewerber, sagt Kerstin Fickus, die Sprecherin der für den Kreis zuständigen Agentur für Arbeit Göppingen, mit Blick auf die Statistik. Im Jahr zuvor seien es 1625 Bewerber auf 2522 Lehrstellen gewesen.

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Laut Fickus ist es nicht erkennbar, dass das Interesse der jungen Menschen an Ausbildung generell gesunken ist. Vielmehr seien die Gründe für den Rückgang vielfältig. Zum einen führt der demografische Wandel zu weniger Schulabgängern. „Zum anderen beobachten unsere Berufsberater seit langem den Trend zur weiterführenden Schule“, berichtet sie. „Dieser Trend hat sich durch die Coronajahre deutlich verschärft.“

Verunsicherung bei Berufswahl

Hinzu komme, dass viele Jugendliche bei der Berufswahl verunsichert seien und die Entscheidung aufgeschoben hätten. „Berufsorientierung und Praktika fanden während Corona nicht oder fast nicht statt, sodass Jugendlichen diese wichtige Möglichkeit, ihre Berufswahl im praktischen Tun zu überprüfen, gefehlt hat“, erläutert Fickus. Auch Ausbildungs- und Karrieremessen, bei denen sich Betriebe und Bewerber unkompliziert kennenlernen können, gab es kaum.

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Die Experten der Arbeitsagentur haben nun die Hoffnung, dass sich nach und nach „eine neue Normalität“ einstellen wird. „Allerdings wird dieser Ausgleich zwischen Bewerbern und Betrieben schwierig bleiben“, räumt die Sprecherin der Behörde ein. Denn die Vorstellungen der Jugendlichen und die Anforderungen der Betriebe würden häufig nicht zusammenpassen. Am beliebtesten seien Ausbildungen zu Kaufleuten im Einzelhandel und in der Industrie, zum Mechatroniker und Mechaniker sowie zu Medizinischen und Zahnmedizinischen Fachangestellten, weiß Fickus. „Unsere Berufsberatung wirbt in den Gesprächen immer dafür, auch Alternativen zum Traumberuf in den Blick zu nehmen und einen Plan B und auch C zu haben.“

Beste Chancen auf eine Ausbildung

Die Chancen für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben durch eine gute Ausbildung seien derzeit glänzend, betont die Sprecherin der Göppinger Arbeitsagentur. Die heimische Wirtschaft benötige dringend Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. „Wir unterstützen deshalb jeden, der eine Ausbildung machen möchte“, verweist sie auf vielfältige Programme und Projekte der Agentur. „Abi und Studium sind zwar auch gut, aber eben nicht für jeden.“ Das durchschnittliche Eintrittsalter in die Berufsausbildung ist in den vergangenen Jahren übrigens stetig gestiegen: „Es liegt aktuell bei 20 Jahren“, berichtet Fickus.

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Es ist übrigens einfacher denn je, einen Ausbildungsvertrag abzuschließen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart hilft den Mitgliedsunternehmen mit einem besonderen Service: Ausbildungsbetriebe können eine kostenlose Internetanwendung nutzen, mit der Verträge online erstellt und in digitaler Form an die zentrale Eintragungsstelle bei der IHK-Bezirkskammer Göppingen übermittelt werden können. Sie müssen diese nicht mehr, wie bislang üblich, auf dem Postweg einreichen. Die Webanwendung hat den Vorteil, dass das System automatisch die vorhandenen Daten des Ausbildungsbetriebs anzeigt, entsprechende Vorlagen erstellt und nur die persönlichen Daten des oder der Auszubildenden eingegeben werden müssen. „Auch das ist ein echter Mehrwert für unsere Unternehmen, weil man sich viel Zeit spart“, berichtet Dieter Proß, der Leiter des Referats Beruf und Qualifikation bei der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen.

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Seit Start des Projektes vor gut einem Jahr seien insgesamt 4012 Ausbildungsverträge in der Region Stuttgart digital abgeschlossen worden, berichtet Proß. Eine genaue Zahl für den Kreis Esslingen kann er nicht benennen, da dieser erst seit Anfang des Jahres dabei ist. Doch er sieht hier großes Potenzial: „Allein im Landkreis Esslingen werden pro Jahr etwa 1800 bis 2100 neue Verträge abgeschlossen.“ Das sei etwa ein Fünftel aller Verträge in der gesamten IHK-Region Stuttgart.

Noch sei das Angebot nicht bei allen Unternehmen bekannt, räumt Proß ein. Aber: „Die Tendenz geht in die digitale Richtung. In 2022 liegt die Quote bereits bei 43 Prozent.“ Die Unternehmen, die den Service nutzen, würden die einfache Anwendung und vor allem den papierlosen und dadurch deutlich schnelleren Eintragungsprozess schätzen, so die Einschätzung von Proß.

Der Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg

Angebot und Nachfrage
Der Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg ist rein rechnerisch ein Bewerbermarkt. Das geht aus der Bilanz der Agentur für Arbeit zum Stichtag 30. September 2021 hervor. Die Regionaldirektion Stuttgart gab bekannt: Den 52 296 Bewerbern (-12,5 Prozent gegenüber dem Stichtag des Vorjahres) standen 73 268 gemeldete Ausbildungsstellen (-5,7 Prozent) gegenüber. Auf 100 gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen kamen 73 Bewerber. Das optimale Verhältnis liegt laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts bei 88 Bewerbern. Erst dann spricht man von einem auswahlfähigen Angebot.

Wunsch und Realität
Die Berufswünsche junger Menschen sind nach wie vor geschlechtstypisch geprägt. Während sich die Männer überwiegend für technische Berufe interessieren, streben die Frauen häufig kaufmännische Berufe oder Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen an. Genau in diesen Bereichen, darüber hinaus aber auch im Gastronomie- und Hotelgewerbe waren zum Stichtag die meisten Ausbildungsstellen unbesetzt.