Als Ausbildungsmanager hilft Joel Böhringer Azubis, die aus dem Ausland kommen. Ohne ihn hätte es Yektasadat Hosseini aus dem Iran ganz schön schwer – auch privat.
20 Jahre jung ist Yektasadat Hosseini, als sie nach Deutschland aufbricht. Schon dreimal war sie in Deutschland, und hat sich dabei irgendwie in das Land verliebt. Die Kultur, die Sprache, die Gesetze findet sie gut. Die Gesetze? Ja. „Egal, was für ein Problem man hat – es gibt immer ein Gesetz“, sagt die 22-Jährige. In ihrem Heimatland Iran sei das nicht so. Das Strukturierte, die Ordnung, die Deutschland oftmals einen eher kühlen Ruf einbrocken, mag sie gerne.
Sie ist gekommen, um zahnmedizinische Fachangestellte zu werden. Mit der schwierigen politischen Situation für Frauen im Iran hat diese Entscheidung nichts zu tun, sagt sie. Ein Studium hätte sie auch dort machen können, aber sie wollte nach Deutschland.
Die Anfangszeit in Deutschland war nicht einfach
Trotzdem war vor allem die Anfangszeit in dem fremden Land nicht immer einfach. Die Ausbildung, die Sprache, auch persönliche Probleme machten ihr zu schaffen. So geht es vielen Auszubildenden aus dem Ausland. Deshalb setzt die Stadt Stuttgart seit dem Jahr 2019 Ausbildungsmanager ein. Sie organisieren vor allem Sprachkurse für die Schülerinnen und Schüler, unterstützen aber auch bei anderen Belangen. Nachhilfe vermitteln, Arbeitsrecht erklären, Beamtendeutsch übersetzen und so weiter.
Joel Böhringer ist Ausbildungsmanager an der Alexander-Fleming-Schule in Stuttgart-Nord, der Berufsschule von Yektasadat Hosseini. Er hat der 22-Jährigen schon an vielen Stellen geholfen. Eine neue Wohnung zu finden, zum Beispiel. Oder Berufsausbildungsbeihilfe zu beantragen, damit sie sich die Wohnung trotz ihres spärlichen Ausbildungsgehalts auch leisten kann. Neben Yektasadat Hosseini betreut er an der Schule bis zu 250 Schüler pro Jahr. Der Bedarf sei dort besonders hoch.
Insgesamt machen in Stuttgart neun Berufsschulen bei dem Programm mit, sagt Corina La Corte, Leiterin der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft bei der Landeshauptstadt. Ende 2018 hätten einige Schulen zurückgemeldet, dass viele Schüler nicht ausreichend Deutsch sprechen und bereits im ersten Ausbildungsjahr nicht mitkommen. Also setzte die Stadt mit der Agentur für Arbeit, dem Regierungspräsidium und anderen Stellen die Ausbildungsmanager ein. „Wir bemühen uns stark, die Auszubildenden bestmöglich zu unterstützen“, sagt Corina La Corte. Auch, weil sich abzeichne, dass immer mehr Menschen herkommen.
„Wir machen das, um ein Stück weit für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen“, sagt Joel Böhringer. „Damit die neuzugewanderten Auszubildenden eine Chance haben, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen.“ Das könnten Schulen nicht allein leisten, viele Lehrkräfte und Schulleitungen seien überlastet. Damit die Azubis erfolgreich sind, dürfe man sie nicht alleine lassen.
Auch, was die Integration angeht: „Es ist sehr schwer, Anschluss zu finden“, sagt Joel Böhringer. Vielleicht gerade hier in Stuttgart, überlegt er. „Die Schwaben sind jetzt auch nicht die offensten Menschen.“ Damit Azubis ihre Ausbildungen nicht deshalb abbrechen, sei es wichtig, eine helfende Hand an der Schule zu haben. Yektasadat Hosseini ist jedenfalls sehr dankbar für seine Hilfe. „Mit einem guten Ausbildungsmanager können wir alle unseren Weg finden“, sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, hätte jede Schule einen Herrn Böhringer. „Er hat immer eine Lösung“, sagt sie.
Dabei war schon ihr Weg nach Deutschland mit viel Stress verbunden: In der Heimat hat sie Deutsch gelernt und nach Ausbildungsplätzen gesucht. „Ich habe so viele Mails geschickt“, sagt sie und lacht. Eine Zahnarztpraxis in Vaihingen nahm sie schließlich an. Dann noch warten auf das Visum. Die Praxis und die Berufsschule setzten ihr eine Deadline: Bis Ende November müsse sie da sein. Am 28. November 2022 flog sie nach Deutschland, am 29. begann sie ihre Ausbildung. Punktlandung.
Die Zusammenarbeit mit den Praxen ist nicht immer leicht
Seitdem hat sie dank Joel Böhringer mehrere Sprachkurse besucht. Direkt an der Berufsschule. In den Kursen sitzt sie mit den Azubis aus ihrem Lehrjahr zusammen. Auch, wenn die andere medizinische Ausbildungen machen. Sie lernen vor allem fachbezogenes Deutsch. Und Deutsch, das ihnen dabei hilft, in Fächern wie Wirtschafts- und Gemeinschaftskunde mitzukommen.
Deshalb sollen die Kurse auch Teil der Arbeitszeit sein. Aber nicht immer haut das hin. „Es gibt einige Arztpraxen, die sagen mir: Das ist für mich keine Ausbildungszeit“, sagt Joel Böhringer. Andere Praxen lassen die im Kurs verlorene Arbeitszeit nacharbeiten. In ihrem dritten Lehrjahr kann auch Yektasadat Hosseini keinen Deutschkurs mehr besuchen, weil sie an den Kurstagen in der Praxis oder im Fachunterricht sein muss. Überhaupt habe Joel Böhringer mit den Praxen an dieser Schule viel zu tun – mehr als etwa mit handwerklichen Ausbildungsbetrieben. „Da menschelt es sehr“, sagt er. Klassische Hierarchien und Fachkräftemangel bekämen bereits die Azubis zu spüren.
Das ist die größte Herausforderung für die Ausbildungsmanager, sagt Corina La Corte: Alle Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Betriebe, Schule, Lehrkräfte, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Finanzier der Kurse, alle müssten an einem Strang ziehen. Und auch die Auszubildenden selbst müssten mitmachen. Das sei nicht immer leicht.
Trotzdem zieht Joel Böhringer nach seinen fünf Jahren im Job eine positive Bilanz. „Ich glaube, dass das Ausbildungsmanagement ein passendes Zahnrad für diese Schule ist“, sagt er. An der Werner-Siemens-Schule, wo er auch arbeitet, haben alle Schüler die Abschlussprüfung bestanden, die immer an der Sprachförderung teilgenommen haben. Eine Erfolgsquote von 100 Prozent, also. „Das schaffen wir nicht überall“, sagt er. Aber der Mehrwert sei zu erkennen.
Vielleicht will sie später noch studieren
Und wie geht es für Yektasadat Hosseini weiter? Erst mal will sie 2025 ihre Ausbildung abschließen. Im Mai ist die schriftliche Abschlussprüfung, im Juni dann die mündliche. Ob sie später noch studieren will, weiß sie noch nicht. Eines nach dem anderen.