Astronomische Ablösesummen Wie der VfB und Co. beim Verkauf von Ex-Spielern kassieren

Von Gregor Preiß 

Sein Weg führt nach oben: Thilo Kehrer steht vor einem Wechsel nach Paris Saint Germain. Foto: AP
Sein Weg führt nach oben: Thilo Kehrer steht vor einem Wechsel nach Paris Saint Germain. Foto: AP

Man kann die astronomischen Ablösesummen im Profigeschäft kritisieren. Sie haben für die kleineren Vereine aber auch ihr Gutes, wie das Beispiel Thilo Kehrer zeigt.

Stuttgart - Nach mageren Jahren in der Fußball-Oberliga dürfen die Verantwortlichen des SSV Reutlingen sich mal wieder die Hände reiben. Denn die Nachricht vom bevorstehenden Wechsel des Schalker Abwehrspielers Thilo Kehrer zu Paris Saint-Germain könnte nicht nur über Gelsenkirchen, sondern auch über Reutlingen einen mittelschweren Geldregen verursachen.

An der kolportierten Ablösesumme von 37 Millionen Euro würde der Fünftligist mit 92 000 Euro partizipieren. Der Grund ist die in den Fifa-Statuten verankerte Ausbildungsentschädigung. Dieser Solidaritätsmechanismus legt fest, dass sämtliche Vereine, die an der Ausbildung eines Profis mitgewirkt haben, mit insgesamt fünf Prozent an jeder Transfersumme beteiligt werden, die bei Verkäufen ins Ausland anfallen. Insgesamt vier Jahre lang kickte Kehrer, der Junge aus Pfäffingen, an der Kreuzeiche. Angerechnet wird aber nur ein Jahr, da der Passus erst ab dem zwölften Lebensjahr greift. Aber auch so kommen 92 000 Euro zusammen.

Fünf Prozent der Ablöse gehen an die Ex-Vereine

Ein hübsches Sümmchen, über das sich der Reutlinger Fußballchef schon jetzt freut. „Dadurch werden wir in diesem Jahr sicher nicht in die Bredouille kommen, die Runde zu überstehen“, sagt Michael Schuster. In der Vergangenheit konnten die Reutlinger Halbprofis gegen Ende der Spielzeit oft froh sein, ihre Gehälter pünktlich zu erhalten. Diese Gefahr scheint nun gebannt. Thilo Kehrer sei Dank. „Das lässt alle hier etwas ruhiger schlafen“, sagt Schuster. 300 000 Euro betrage der Spielertat in der Oberliga – da könne sich jeder ausrechnen, welchen Wert die Einmalzahlung aus Paris habe.

Der Junioren-Nationalspieler ist nicht der erste Fall von nachträglicher Soforthilfe für Clubs in Geldnot. Berühmtestes Beispiel ist Rot-Weiß Essen mit Mesut Özil. „Wir waren fast tot“, erinnert sich der damalige Manager Damien Jamro. Bis Werder Bremen den Gelsenkirchener für 18 Millionen Euro zu Real Madrid transferierte. Özils Heimatclub erhielt 270 000 Euro – und wandte die Insolvenz ab.

Auch der SC Greifswald konnte sich freuen, einst einen gewissen Toni Kroos ausgebildet zu haben. 64 000 Euro kassierte der Provinzclub bei Kroos’ Wechsel von Bayern München zu Real Madrid. Das Geld floss allerdings mit reichlich Verspätung. Der Club musste den Königlichen erst eine Abmahnung schicken. Unaufgefordert öffnen die Krösusse der Branche ihre Schatulle nicht immer.

Gleich mehrfach wiederum profitierte der SC Ludwigshafen von den munteren Wechselspielchen des André Schürrle von der Bundesliga nach England und zurück. Von dem Geldsegen konnte zwar das Clubhaus saniert werden, sportlich brachte der Schürrle-Soli die Ludwigshafener aber nicht weiter. Zuletzt ging es von der Verbands- runter in die Landesliga.

Auch der VfB darf sich freuen

Doch zurück zu Thilo Kehrer. Setzt der 21-Jährige wie erwartet seine Unterschrift unter den Pariser Millionenvertrag, freut sich auch noch ein anderer Club aus dem Land: der VfB Stuttgart. Hier verbrachte Kehrer drei Jahre seiner Jugend. Weshalb von den 37 Millionen auch 370 000 Euro in die Kassen des Bundesligisten fließen.

Die Zahlung teilt sich wie folgt auf: Insgesamt fünf Prozent der Ablöse gehen an die Jugendvereine. Im Fall von Thilo Kehrer sind das 1,85 Millionen. Fünf Prozent davon (0,25 Prozent der Gesamtsumme) erhalten die Vereine, in denen der Spieler zwischen dem zwölften und 15. Lebensjahr dem Ball hinterher jagte, jeweils zehn Prozent (0,5) kassieren sie für die Spielzeiten im Alter von 16 bis 23. Meist handelt es sich dabei um Proficlubs, da die meisten talentierten Kicker in diesem Alter schon in die Nachwuchsleistungszentren wechseln. Ausbilden lohnt sich also auch für einen Bundesliga-Vertreter wie den VfB. 370 000 Euro sind angesichts eines Jugendetats von acht Millionen Euro weit mehr als nichts.

Der lukrative Weiterverkauf von Ex-Spielern entwickelte sich auf dem Wasen in der Vergangenheit fast schon zum Geschäftsmodell. Antonio Rüdiger und Bernd Leno waren die größten Ertragsbringer. Allein die zusätzlich ausgehandelten Weiterverkaufsklauseln bescherten dem VfB nachträglich 2,5 Millionen Euro (bei Lenos 25-Millionen-Abgang aus Leverkusen) sowie drei Millionen für Rüdigers Wechsel in die Premier League (Ablöse: 38 Millionen).

So kritikwürdig die Wechselsummen inzwischen auch sind: Viele kleinere Vereine halten sie am Leben. Siehe SSV Reutlingen. „Wir sind ein Ausbildungsverein“, sagt Michael Schuster. „Je höher die Ablöse, desto besser für uns.“ Weshalb der SSV-Verantwortliche den Werdegang weiterer Ex-Reutlinger genau im Blick behält – den von Timo Baumgartl (VfB) und Marvin Plattenhardt (Hertha BSC).

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