In Deutschland beginnt jeder Satz mit „Ja, aber...“, weiß Jens Ottnad, der Ausbildungschef des Ditzinger Maschinenbauers Trumpf. Man müsse aber mutig mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Andernfalls „sind unsere Arbeitsplätze bedroht“, sagt er.
Die deutsche Industrie steckt in der Krise. Trotzdem ist der Trumpf-Ausbildungschef Jens Ottnad überzeugt, dass industrielle Berufe eine Zukunft haben. „Entscheidend ist: Wie gestalten wir die Veränderungen mit?“, sagt er.
Herr Ottnad, es ist derzeit viel von einer drohenden Deindustrialisierung Deutschlands die Rede. Können Sie noch guten Gewissens empfehlen, sich zum Industrie- oder Zerspanungsmechaniker ausbilden zu lassen?
Natürlich. Die entscheidende Frage ist doch immer: Wie gestalte ich die derzeitigen und zukünftigen Veränderungen in der Industrie mit? Wenn jemand denkt, ,Jetzt lerne ich etwas und das mache ich mein ganzes Leben lang‘, hat er es bei Trumpf schwer. Unsere Ausbildung hat das Ziel, sich für Dinge zu rüsten, die man noch nicht genau weiß. Die Zyklen, in denen wir uns verändern müssen, werden immer kürzer.
Werden solche Berufe nicht früher oder später von Robotern verdrängt?
Vor meiner Zeit bei Trumpf habe ich an humanoiden Robotern geforscht und kenne daher die Herausforderungen. Mir fehlt die Fantasie, dass sich in naher Zukunft alle Tätigkeiten unserer Mitarbeiter durch Roboter automatisieren ließen.
Worin bestehen die Herausforderungen?
Viele unserer Kunden fertigen auf unseren Werkzeugmaschinen mehrmals am Tag etwas anderes. Da kommen Teile raus, die sind mal nur wenige Zentimeter groß, mal drei Meter lang und 200 Kilo schwer. Der Roboter nimmt einem da zwar viele Routinetätigkeiten ab, aber alles lässt sich hierbei eben nicht automatisieren.
Müssen auch die Mitarbeiter immer mehr Kompetenzen abdecken?
Ja. Unsere Maschinen werden immer digitaler und vernetzter. Ich sage mal salopp: Vor ein paar Jahren hat es vielleicht gereicht, Zahnstangen klopfen zu können. Das soll nicht abwertend klingen, denn ich weiß, wie schwierig das ist. Trotzdem reicht es heute nicht mehr. Man muss die mechanische, die elektrische und die digitale Komponente verstehen und beherrschen, denn jede Maschine ist mit einem Softwaresystem verbunden.
Bei Trumpf in Ditzingen haben im Herbst 104 junge Leute ihre Ausbildung begonnen, so viele wie nie zuvor. Welche Berufsbilder überwiegen?
Zwei Drittel sind Studierende an der Dualen Hochschule, ein Drittel macht eine Ausbildung. Vor zehn Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt. Ungefähr die Hälfte ist technisch orientiert, ein rundes Drittel befasst sich mit Informatik in verschiedenen Ausprägungen, 15 Prozent lernen kaufmännische Berufe.
Bekommen alle eine Übernahmegarantie?
Wir haben eine gewisse Flexibilität, auch über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden. Aber soweit ich zurückdenken kann, hat Trumpf alle Azubis und Dualstudierenden, die das wollten, übernommen. Etwa ein Viertel bildet sich nach der Ausbildung noch weiter oder macht den Master. Trumpf hat viel Geld in das neue Ausbildungszentrum in Ditzingen investiert, daran sehen Sie: Wir glauben daran, dass wir die Menschen auch in Zukunft brauchen. Eine Ausbildung ohne das Ziel der Übernahme wäre eine Fehlinvestition.
Vom nächsten Jahr an gibt es in Ditzingen das duale Studienfach Data Science und Künstliche Intelligenz. Welche Idee steht dahinter?
Um KI in der Industrie nutzen zu können, braucht man drei Zutaten: Rechenleistung, Algorithmen und Daten. Rechenleistung kann man kaufen, Algorithmen kann man sich durch Kooperationen erschließen, wir arbeiten etwa schon lange mit dem Fraunhofer Institut in Stuttgart zusammen. Aber die Daten müssen wir selbst erzeugen. Alle müssen künftig lernen, wie man die richtigen Daten in der erforderlichen Qualität erfasst – ganz unabhängig vom jeweiligen Ausbildungsberuf oder Studium. Dann aber braucht es auch noch Spezialisten, die wissen, wie man solch große Datenmengen organisiert und analysiert, wie man mit den Daten sich selbst optimierende Modelle trainiert. An sie richtet sich der Studiengang, den wir gemeinsam mit der Dualen Hochschule in Karlsruhe anbieten. Es sind zunächst vier Plätze, das Bewerbungsverfahren läuft derzeit.
Könnte daraus mehr werden – etwa in Kooperation mit der Dualen Hochschule Stuttgart?
Das hoffen wir, es gibt auch schon Gespräche. Es liegt doch nahe, in Baden-Württemberg die Verbindung von Maschinenbau und Künstlicher Intelligenz voranzutreiben. Da gibt es ein Fundament, auf das wir bauen können. Und das erscheint mir realistischer als darauf zu hoffen, dass wir bei uns den nächsten großen Internetplayer à la Amazon oder Google finden.
Besteht die Gefahr, dass KI viele Jobs überflüssig machen wird?
Dieselbe Angst hatten manche Leute vor etwas mehr als zehn Jahren, als die Digitalisierung Einzug in die Industrie hielt. Und kennen wir heute noch Unternehmen, die ohne Computer und Digitalisierung auskommen? Für uns überwiegen auch dieses Mal die Chancen: Durch KI können wir hierzulande effizienter fertigen, damit die Wettbewerbsfähigkeit am Industriestandort Deutschland halten und modernste Maschinen in die Welt verkaufen. Es ist also genau andersherum: Wenn wir KI dem Wettbewerb überlassen, sind unsere Arbeitsplätze bedroht. Wenn wir mitspielen, werden auch neue Jobs entstehen.
Das ist recht optimistisch gedacht…
In Deutschland neigen wir dazu, zuerst immer die Schwierigkeiten und Probleme zu sehen. Jeder Satz fängt mit „Ja, aber…“ an. Bei Trumpf sind wir jedoch überzeugt, dass wir offensiv und mutig mit KI umgehen müssen. Es liegen viel mehr Chancen drin als Risiken.
Der Trumpf-Ausbildungschef
Werdegang
Jens Ottnad (46) ist Leiter der Ausbildung beim Ditzinger Werkzeugmaschinen- und Laserspezialisten Trumpf. Der Vater von drei Kindern hat in Karlsruhe Maschinenbau studiert und am Institut für Produktentwicklung promoviert. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) forschte er unter anderem an humanoiden Robotern.
Entwicklung
2010 kam Ottnad als Trainee zu Trumpf und war an der Entwicklung des Laser-Vollautomaten TruLaser Center 7030 beteiligt. Anschließend baute er im Unternehmen ein Team für Daten und Künstliche Intelligenz auf, ehe er zum Ausbildungschef wurde.