Ausbildung im Maschinenbau: die Auswahl für die jungen Menschen wird infolge der wirtschaftlichen Krise geringer. Foto: picture alliance/dpa

Der Gewerkschaftsbund beklagt zum Start des Ausbildungsjahres den Lehrstellenrückgang vor allem in der Industrie. Die Wirtschaftsministerin ermahnt die Unternehmen, nicht nachzulassen.

Die Krise der baden-württembergischen Wirtschaft macht sich auf dem Ausbildungsmarkt immer deutlicher durch einen verstärkten Rückgang bei den Lehrstellen bemerkbar. Dies scheint auf den ersten Blick hinnehmbar, weil knapp 10 000 bei den Arbeitsagenturen im Land gemeldete Berufsausbildungsstellen noch unbesetzt sind. Dennoch schlägt der Gewerkschaftsbund (DGB) beim Spitzengespräch des Ausbildungsbündnisses in Stuttgart Alarm.

 

Nach dem Start des Ausbildungsjahrs Anfang Oktober sieht der DGB-Landesvorsitzende Kai Burmeister „zunehmend dunkle Wolken oder sogar einen schweren Sturm aufziehen“. Er hält es für möglich, „dass die Ausbildung ein Opfer des Strukturwandels und der Krise wird“. Nach Beobachtungen der Betriebsräte und Jugendvertreter sei ein verstärkter Rückgang an Ausbildungskapazitäten speziell in der Industrie wahrzunehmen – dies betreffe die Bereiche Metall, Maschinenbau, Pharma und Chemie. Weil in den großen Unternehmen schon die Vorbereitungen für das nächste Ausbildungsjahr 2026/2027 laufen, „ist noch mit einem weiteren Abbau zu rechnen“, befürchtet er.

DGB-Landesvorsitzender Kai Burmeister Foto: imago/Arnulf Hettrich

Minus acht Prozent beim Verarbeitenden Gewerbe

Konkret ist die Zahl der gemeldeten Berufsausbildungsstellen im Berichtsjahr 2024/2025 mit Stand 30. September deutlich geschrumpft: Gezählt wurden 73 669 Stellen, das ist ein Minus von 3728 oder 4,8 Prozent. Darin enthalten sind 71 398 betriebliche Ausbildungsstellen (minus 5,1 Prozent). Vor einem Jahr wurden noch 75 259 betriebliche Plätze gemeldet – über zwei Jahre sind somit acht Prozent dieser Berufsausbildungsstellen verloren gegangen.

Negativ ragt vor allem das Verarbeitende Gewerbe mit einem Minus von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr heraus. Dieses stelle aber „immer noch die meisten Ausbildungsplätze zur Verfügung“, rückt die Regionalchefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Martina Musati, den auffälligen Schwund zurecht. Ein Viertel aller gemeldeten Ausbildungsstellen komme aus diesem Bereich.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) verweist ihrerseits auf die 9818 noch unbesetzten Ausbildungsstellen. Es bestehe weiterhin eine große Auswahl. Weil den 73 669 gemeldeten Ausbildungsstellen insgesamt 53 781 gemeldete Bewerber gegenüberstehen, kommen rechnerisch auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen 75 Bewerber – das sind fünf mehr als zum Vorjahreszeitpunkt. Der Ausbildungsmarkt bleibt ein – wenn auch im Vergleich zum Vorjahr etwas schwächerer - Bewerbermarkt.

Die Ministerin zeigt durchaus Verständnis für die schwierige Situation der Unternehmen im Land, die mit der Strukturkrise und einem verschärften Wettbewerb, manche sogar mit Insolvenzgefahr, zu kämpfen haben. Dennoch mahnt sie mit Blick auf den Rückgang bei den gemeldeten Stellen: „Wir müssen alles daran setzen, dass sich diese Entwicklung nicht fortsetzt.“ Es sei „zwingend, bei den Aktivitäten nicht nachzulassen“. Das Ausbildungsbündnis wolle „Wege suchen, um die Unternehmen zu begleiten, dass sie ihre Anstrengungen nicht weiter zurückfahren“, bekennt Hoffmeister-Kraut. Denn jeder besetzte Ausbildungsplatz bringe „eine Fachkraft der Zukunft“.

Auch die DHBW-Studierenden erleben Unsicherheiten

Auch auf die Studierenden der Dualen Hochschule (DHBW) springt die Misere über: Immer mehr von ihnen klagen gegenüber den Gewerkschaften, dass die Übernahme durch ihre Arbeitgeber für sie nicht mehr so sicher sei wie noch vor einigen Jahren, schildert Burmeister. Zudem stellen auch Ausbilder fest, dass der Alltag in den Unternehmen von Kosten und Einsparungen bestimmt wird. Einer DGB-Umfrage zufolge „spüren 40 Prozent der Ausbilder einen wachsenden finanziellen und personellen Druck auf die Ausbildung im Betrieb“.

Hilfe bei der Besetzung noch offener Stellen könnte von jungen Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit kommen: Mittlerweile haben schon 27 Prozent (rund 14 600) der Bewerber einen ausländischen Pass, während die Zahl der betroffenen Jugendlichen mit deutschem Pass um 2,2 Prozent (auf rund 39 000) zurückgegangen ist. Herausragendes Merkmal ist der hohe Anteil von Lehrstellensuchenden mit Fluchterfahrung, die fast neun Prozent ausmachen. Die häufigsten Herkunftsländer sind Ukraine (1933 Bewerber), Syrien (1891), Türkei (979), Rumänien (937) und Afghanistan (917).

Diese Bewerber mit fremder Herkunft „gehen erfolgreich in die Ausbildung“, sagt BA-Regionalchefin Musati. Trotzdem sei zu überlegen, wie eine bessere Brücke von der Schule in die Ausbildung gebaut werden könne. Was wird zum Beispiel mit 14 oder 15 Jahren an Sprachkompetenzen benötigt, und wo können diese erworben werden? „Hier müssen wir noch stärker auf die Maßnahmen im Übergangssystem achten, damit sie für diesen Personenkreis zielführend sind.“ Tatsächlich gibt es noch 2718 unversorgte Bewerber, was einem Zuwachs von mehr als 80 Prozent entspricht – eine Schwachstelle der Ausbildungsbilanz. Auch hiervon dürften in großer Zahl Migranten betroffen sein.