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Die alljährliche Ausbildungsbilanz sorgt zwischen Gewerkschaftern und Unternehmern regelmäßig für Streit. Fragen und Antworten zum Ausbildungsjahr 2009.

Stuttgart - Die alljährliche Ausbildungsbilanz sorgt zwischen Gewerkschaftern und Unternehmern regelmäßig für Streit. Letztere wollen jedem Bewerber eine Stelle anbieten, die Gewerkschafter dagegen sehen viele Jugendliche unversorgt. Fragen und Antworten zum Ausbildungsjahr 2009.

Wie viele Jugendliche standen Ende September ohne Lehrstelle da?

Die Bundesagentur für Arbeit zählte 9600 unversorgte Bewerber. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Statistik im Jahr 1991. Auf Baden-Württemberg entfallen 400 der Suchenden, das sind 51 Personen weniger als vor einem Jahr. Allerdings kommen die Gewerkschaften IG Metall und DGB zu anderen Ergebnissen: Nach Berechnungen der IG Metall und des Bundesinstituts für Berufsbildung waren Ende September noch rund 83000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, der DGB spricht von 73500 jungen Menschen in Warteschleifen. Laut Marion von Wartenberg, der DGB-Vizevorsitzenden in Baden-Württemberg, erfüllte sich allein im Südwesten für 11 300 Jugendliche der Ausbildungswunsch nicht - sie besuchen alternativ eine weiterführende Schule.

Wie ist es möglich, dass sich die Zahlen so extrem unterscheiden?

Die Arbeitsagenturen und führende Wirtschaftsverbände sehen einen Bewerber als versorgt an, sobald er irgendeine Beschäftigung gefunden hat. Das führt dazu, dass auch Jugendliche aus der Statistik verschwinden, die mangels passender Lehrstelle ein Berufsvorbereitungsjahr oder Praktikum absolvieren, jobben gehen oder studieren. Zudem wirft der DGB der Bundesagentur vor, Zehntausende Jugendliche aus der Statistik zu streichen, indem sie als nicht ausbildungsreif deklariert würden. Für Verwirrung sorgt jedes Jahr überdies, dass Industrie- und Handelskammern sowie Handwerksverbände eigene Ausbildungsstatistiken vorlegen und mancher Bewerber womöglich mehrfach auftaucht. Umgekehrt suchen sich auch zahlreiche Jugendliche auf eigene Faust einen Ausbildungsplatz.

Die Zahlenakrobatik mal ausgeklammert - wird die Lehrstellenlücke größer oder kleiner?

Sie wird kleiner. Das liegt vor allem daran, dass es immer weniger Schulabgänger gibt. Für das Ausbildungsjahr 2009/2010 meldeten sich bundesweit 533.400 Bewerber bei den Arbeitsagenturen - fast 87.000 oder 14 Prozent weniger als im vorigen Jahr. Die Zahl der Altbewerber, die traditionell jeden zweiten Suchenden stellen, ist ebenfalls rückläufig. In Baden-Württemberg gingen heuer 40 Prozent der Bewerber das zweite oder dritte Jahr hintereinander auf Lehrstellensuche. Die Zahl der angebotenen Plätze ging im gleichen Zeitraum um sieben Prozent auf 475.000 zurück. In sogar mehr, nämlich in 497.500 Fällen wurden die Unternehmen fündig, so viele Lehrverträge wurden bis Ende September bundesweit in Industrie und Handel, im Handwerk und bei den freien Berufen neu geschlossen. Gegenüber 2008 entspricht das minus acht Prozent.

In welchen Berufen klaffen Bewerbungen und Lehrstellenzahl besonders auseinander?

Generell ist die Zahl an Ausbildungsverträgen mit minus 9,2 Prozent in Industrie- und Handelsberufen am stärksten zurückgegangen, das Handwerk folgt mit minus 6,1 Prozent. In Baden-Württemberg waren vor allem Büro- und Verwaltungsberufe sowie Jobs als Waren- und Dienstleistungskaufleute bei Schulabgängern beliebt - hier überstieg die Zahl der Bewerber die der Plätze. Dagegen gab es bei Ernährungs- und Elektroberufen fast doppelt so viele Stellen wie Interessenten. Die Zahl der noch offenen Ausbildungsplätze - 17 300 bundesweit, 2600 im Land - wird sich vermutlich kaum noch verringern: Hotelfachkraft oder Metzger sind eben nicht jedermanns Traumberuf.

Zumindest in der Arbeitsagentur-Statistik bleiben unter dem Strich mehr offene Lehrstellen als unversorgte Bewerber. Kann sich die Wirtschaft nun zurücklehnen?

Im Gegenteil. Bildungsexperten glauben, dass Deutschland an einem Wendepunkt auf dem Ausbildungsmarkt steht. In den nächsten Jahren verlassen immer weniger Jugendliche die Schulen, viele streben ein Studium statt eine Lehre an. Deshalb müssten Jugendliche für die Betriebe und nicht wie früher Betriebe für Jugendliche gesucht werden.

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