Passt alles? Eine Auszubildende prüft ein Werkstück. Foto: dpa/Andreas Gebert

Eltern kommt bei der Berufswahl des Nachwuchses eine wichtige Rolle zu. Wie sie beraten können, ohne sich zu stark einzumischen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

„Ein Kind in einen Beruf zu drängen, zu dem es selbst keine Lust hat, das wird längerfristig nicht funktionieren“, sagt Bildungsforscher Dieter Dohmen. Dennoch können Mutter und Vater den Nachwuchs sinnvoll unterstützen bei der Suche nach dem passenden Beruf.

 

Wollen Jugendliche bei der Berufswahl wirklich die Hilfe ihrer Eltern?

Ja. Mehr als drei Viertel der Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren sagen einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Sommer 2022 zufolge, dass die eigenen Eltern ihre wichtigsten Unterstützer bei der Berufswahl sind. Die Eltern liegen damit weit vor Lehrern (55 Prozent), dem Internet (43 Prozent), Berufsberatern der Arbeitsagentur (36 Prozent) oder Freunden (29 Prozent).

Und Unterstützung brauchen die jungen Menschen dringend: Gut die Hälfte der befragten Jugendlichen sagt, dass sie mit dem Informationsangebot rund um das Thema Berufswahl überfordert ist. Kein Wunder, immerhin gibt es inzwischen über 20 000 Studiengänge und mehrere Hundert verschiedene Ausbildungsberufe.

Gibt es den richtigen Zeitpunkt, um sich mit der Berufswahl zu beschäftigen?

„Nein, das ist ein laufender Prozess, der über viele Jahre geht“, sagt Dieter Dohmen, Bildungsforscher und Geschäftsführer der Informationsplattform Elternhotline. Wichtig sei es, dass Eltern und auch Lehrer die Kinder gut beobachten und, sobald diese Interesse an Berufen zeigen, das Thema aufgreifen. Die Berufswahl wird auch aktiv immer wieder angeregt – beispielsweise mit Berufspraktika in der Schule. „Man kann aber nicht erwarten, dass alle Kinder genau in der Woche dann auch Interesse an dem Thema haben. Für manche passt es, für andere passt es zu einem anderen Zeitpunkt“, sagt Dieter Dohmen.

Viele Unternehmen bieten inzwischen Kurzpraktika oder Schnuppertage an, auch an den meisten Hochschulen gibt es Schnupperangebote. „Oder man geht in den Ferien mal einen Tag mit an den Arbeitsplatz von Eltern oder Geschwistern“, sagt Hannah Passon, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Egal wann das Praktikum erfolgt – es sollte möglichst konkret sein. „Ein Praktikum, bei dem ich nur zuschauen kann, bringt nichts. Danach weiß ich immer noch nicht, ob ich handwerklich geschickt genug wäre, um beispielsweise einen Ring zu schmieden“, sagt Dieter Dohmen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu unterstützen?

„Ganz wichtig ist, dass Eltern sich klarmachen, dass sie eine zentrale Rolle bei der Berufswahl der Kinder haben. Aber als Berater, nicht als Entscheider“, sagt Dieter Dohmen. Mit ihrer Außensicht aufs Kind fällt es Eltern womöglich leichter zu sehen, wo die besonderen Fähigkeiten und Stärken des Nachwuchses liegen. Was fällt dem Kind leicht? Woran hat es besondere Freude? „Dabei geht es nicht nur um den schulischen Bereich, sondern auch um Hobbys und Interessen“, sagt Dieter Dohmen.

Wichtig sei, ein positives Bild zu vermitteln. „Sätze wie ‚Du kannst ja sowieso nichts‘ sind wenig hilfreich“, so Dohmen. Gemeinsam mit dem Kind könne man dann überlegen, für welche beruflichen Ausbildungsrichtungen dessen Talente gut sind. Also was braucht es, um stundenlang Geige zu üben? Warum fühlt sich das Kind als Führungsspieler in der Fußballmannschaft wohl?

Und wenn daraus trotzdem keine Idee für einen Beruf entsteht?

„Es gibt verschiedene Online-Tests und Seminare zur Berufswahl“, sagt Berufsberaterin Hannah Passon. Als Beispiele nennt sie den Check-U-Test der Bundesagentur für Arbeit. Selbst wenn einem dabei manchmal Berufe vorgeschlagen würden, über die man nur erstaunt den Kopf schütteln kann, findet Passon das hilfreich. „Dann muss ich mich eben fragen: Was stört mich daran? Warum passt mir das nicht?“ Das herauszufinden sei ein wichtiger Teil der individuellen Berufsberatung, etwa bei der Agentur für Arbeit. „Auch hier können Eltern wichtige Vorarbeit leisten, indem sie in Gesprächen mit ihrem Kind solche Dinge reflektieren und dem Kind spiegeln, welche Stärken es aus ihrer Sicht hat“, sagt Hannah Passon.

Das Kind hat berufliche Vorstellungen im Kopf, von denen die Eltern nicht so viel halten. Was jetzt?

„Ein Kind in einen Beruf zu drängen, zu dem es selbst keine Lust hat, das wird längerfristig nicht funktionieren“, sagt Dieter Dohmen. Eltern dürfen zwar kritisch hinterfragen und ihre Bedenken äußern, beispielsweise was die Erfolgsaussichten anbelangt, als Berufsmusiker berühmt zu werden. Auch sei es immer hilfreich, die Meinung von Fachleuten einzuholen, welche die Fähigkeiten der Kinder besser und mit mehr Distanz einordnen können. Oder erst einmal ein längeres Praktikum zu machen, um die Wahl abzusichern.

„Letztlich aber entscheidet das Kind. Und nur weil die Statistik sagt, dass nur so und so viele Musiker wirklich mal viel Geld verdienen, heißt das noch lange nicht, dass das eigene Kind mit diesem beruflichen Weg keinen Erfolg hat. In die Zukunft schauen können weder die Eltern noch die Kinder“, sagt Dieter Dohmen.

Gerade wenn sich Eltern vielleicht einen anderen beruflichen Weg gewünscht hätten, sollten sie die Entscheidung akzeptieren und dann auch mittragen. „,Egal was du machst, ich bin bei dir.‘ Solche Sätze geben einem Kind große Sicherheit, eigene Entscheidungen auch wirklich durchzuziehen“, sagt Hannah Passon.

Und wenn sich die berufliche Wahl als Sackgasse erweist?

Ein abgebrochenes Praktikum, Studium oder eine nicht abgeschlossene Ausbildung sind kein Beinbruch. „Eltern sollten das als Lernerfahrung sehen“, empfiehlt Dieter Dohmen. Grundsätzlich sollte man dem Kind auch den Druck nehmen, dass eine berufliche Entscheidung unwiderruflich ist. „Egal welcher Beruf gewählt wird, es ist zunächst einfach nur ein Einstieg in ein Arbeitsleben, welches sich noch mehrfach verändern wird. Auch mit einem Musikstudium kann man später noch bei einer Unternehmensberatung arbeiten“, sagt Dieter Dohmen.

Mein Kind soll es mal besser haben als ich und deshalb studieren – wie sinnvoll sind solche Ratschläge von Eltern?

Auch hier gilt: Natürlich dürfen Eltern ihre eigenen Lebenserfahrungen erzählen. Doch nur, weil bei einem selbst der eigene Lebensweg so oder so verlaufen ist, muss sich das bei den Kindern nicht auch so wiederholen. „Man kann sicherlich ansprechen, dass Friseure im Durchschnitt wenig verdienen. Aber wer weiß schon, ob das eigene Kind nicht ein Starfriseur wie Udo Walz wird?“, gibt Dieter Dohmen zu bedenken.

Berufsberaterin Hannah Passon empfiehlt, neben Fähigkeiten und Interessen auch über zentrale Werte mit dem Kind zu sprechen. Mögliche Fragen zu dem Thema sind: „Welche Rolle spielt Geld? Wie wichtig ist dir Sicherheit? Kannst du dir vorstellen, mal Familie zu haben? Wo und wie möchtest du mal leben?“

Praktika verschaffen, Bewerbung schreiben: Wie viel konkrete Hilfe von Eltern braucht es?

„Eltern dürfen und sollen Brücken bauen. Darüber gehen sollten die Kinder jedoch dann selbst“, sagt Dieter Dohmen. Das heißt beispielsweise: Die Eltern haben berufliche oder private Kontakte für eine passende Praktikumsstelle? Dann fragen sie vielleicht an, ob es grundsätzlich möglich wäre, dass das Kind kommt. Die konkrete Bewerbung aber ist Sache des Kindes. „Durchlesen und Feedback geben können die Eltern. Aber mit konkreten Formulierungsvorschlägen sollten sie sich möglichst zurückhalten, solange es nicht wirklich klemmt“, sagt Dieter Dohmen.

Das Kind zeigt überhaupt kein Interesse am Thema Berufswahl. Was tun?

„Es gibt so Phasen direkt nach dem Schul- oder Studienabschluss, da sind sehr viele träge“, sagt Dieter Dohmen. Diesen Zustand kennen viele Erwachsene auch: Wenn man viel geleistet hat, fällt man oft erst einmal in ein Loch und braucht eine Pause. Deshalb ist es sinnvoll, sich vor solchen Phasen Gedanken über die berufliche Zukunft zu machen, also schon zwei, drei Jahre davor. „Und dann gibt es noch eine Gruppe Kinder, die lebt grundsätzlich eher passiv, die konsumiert lieber, statt etwas Eigenes hinzubekommen“, so Dohmen.

Wer sich viele Jahre lang nie selbst anstrengen musste und wem die Eltern womöglich viele Dinge abgenommen haben, der wird nicht von einem Tag auf den anderen plötzlich selbst aktiv – weil er es gar nicht gelernt hat. „Eltern können das Thema dann natürlich ein bisschen anschieben, mit Geduld und vorsichtigem Nachfragen.“

Dieter Dohmen zufolge ist das jedoch eine Gratwanderung. „Sobald man zu viel Druck aufbaut, blockieren Kinder komplett.“ Oft ist es auch sinnvoll, mehr Zeit für die Entscheidung einzuschieben. „Freiwilliges Soziales Jahr, Praktika, Jobben, es gibt so viele Möglichkeiten, um ein Jahr sinnvoll zu überbrücken“, sagt dazu die Berufsberaterin Hannah Passon.