Der Ausbau des Glasfasernetzes in dieser Größenordnung ist deutschlandweit einzigartig. Foto: Lg/Kovalenko

Vom Ausbau des Glasfasernetzes in Stuttgart und der Region profitieren die Verbraucher vor allem perspektivisch. Doch es gibt auch Haken.

Stuttgart - Schon die nackten Zahlen klingen beeindruckend: Bis zum Jahr 2030 sollen 90 Prozent der 2,7 Millionen Einwohner der Region Stuttgart sowie ausnahmslos alle 140 000 Unternehmensstandorte in der Landeshauptstadt und den umliegenden Landkreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr einen Glasfaseranschluss für schnelles Internet haben. 1,6 Milliarden Euro wollen die Telekom und die 179 Städte und Gemeinden dafür investieren. Gleichzeitig soll der Mobilfunk auf 5G-Standard ausgebaut werden. Dies haben die Partner in einer Absichtserklärung vereinbart, die sie am Montag unterschrieben haben. Trotzdem bleiben Fragen:

Was bedeuten die Pläne zum Breitbandausbau für die Bürgerinnen und Bürger?

Dass 90 Prozent von ihnen spätestens im Jahr 2030 schnelleres Internet zur Verfügung haben werden – sowohl zu Hause als auch im Mobilfunknetz. Wenn man bedenkt, dass der Stream eines normalen Films fünf Megabit pro Sekunde benötigt, klingt der angekündigte Fortschritt für jene 86 Prozent der Einwohner in Stuttgart, die heute schon einen einigermaßen zeitgemäßen Kupferkabelanschluss von 50 Mbit/s im Haus haben, nicht unbedingt vordringlich. Perspektivisch jedoch sieht das anders aus. Dass die Datenpakete, die zu transportieren sind, immer größer werden, weiß man bereits aus der Erfahrung der vergangenen Jahre. Die Kupferkabel, mit denen die meisten Wohnungen in der Region bisher ans Internet angeschlossen sind, haben jedoch eine begrenzte Kapazität. Glasfaserkabel können Daten dagegen nahezu in unbegrenztem Tempo transportieren, sogar Terrabit-Geschwindigkeiten (ein Terrabit sind eine Million Megabit) möglich. In Stuttgart sind bisher nur drei Prozent der Häuser mit Glasfaser erschlossen, in der Region beträgt die Quote weniger als ein Prozent.

Warum muss es bei den Unternehmen noch schneller gehen?

Weil viele Firmen mit ihren bisherigen Internetanschlüssen längst an der Kapazitätsgrenze angelangt sind. Es gibt Betriebe, die an ihrem Stammsitz in der Region manche ihrer Produkte weder ausreichend testen noch überhaupt einsetzen können, weil die Leitungen vollkommen überlastet sind. Das betrifft nicht nur die Kreativindustrie, sondern auch die Kernbranchen: den Maschinenbau, die Autohersteller und deren Zulieferer. Daher ist der Plan, alle Unternehmen, die in Gewerbegebieten liegen, bis zum Jahr 2025 mit Glasfaseranschlüssen zu versorgen, keineswegs zu ambitioniert, sondern unabdingbar, um die Unternehmen überhaupt konkurrenzfähig zu halten – oder wieder zu machen.

Wozu braucht es ein 5G-Netz für den Mobilfunk?

Zunächst wäre es in der Tat wünschenswert, die zahlreichen Funklöcher in der Region zu stopfen. Dass selbst mitten in der Stadt oder auf den Autobahnen rund um Stuttgart Gespräche und Internetsitzungen immer wieder abbrechen, ist ein stetes Ärgernis. Daher ist die bis zum Jahr 2025 vorgesehene 98-prozentige Abdeckung der Region mit 4G/LTE noch vordringlicher als der Aufbau des 5G-Netzes. Dieses wird allerdings in der Perspektive wieder wichtig: Etliche Anwendungen – vom autonomen Fahren über intelligente Verkehrsmanagementsysteme bis zu den sogenannten Smartcity-Nutzungen – werden nur mit wesentlich leistungsfähigeren Mobilfunknetz funktionieren.

Was geschieht als Nächstes?

In den kommenden Monaten sollen die Bedarfe in allen 179 Städten und Gemeinden erfasst werden. Diese sollen in einen Rahmenvertrag einfließen, der Ende des Jahres zwischen der Telekom und einer regionalen Breitband-Service-Gesellschaft, die noch zu gründen ist, unterzeichnet werden soll. Die Kommunen werden über die Landkreise ebenso diesem Vertrag beitreten wie die Landeshauptstadt. Bis 2020 sollen 94 Prozent aller Haushalte und Unternehmen mit Bandbreiten von 100 bis 250 Mbit/s ausgestattet werden. Zwei Jahre später sollen 90 Prozent aller Gewerbegebiete Glasfaseranschlüsse mit einer Kapazitäten bis zu einem Gigabit haben. Der bisher geplante Endausbau soll bis 2030 erfolgt sein: mit ausnahmslos allen Unternehmen und 90 Prozent aller Privathaushalte in der Region.

Was passiert mit der Konkurrenz?

Voraussetzung für die Vereinbarung ist der sogenannte Open Access. Das bedeutet, dass auch andere Anbieter auf das neue Glasfasernetz zugreifen können. Gleichzeitig beteuert Telekom-Chef Dirk Wössner, dass er bestehende Glasfaserleitungen in der Region anmieten und nicht etwa mit eigenem Material überbauen wolle. Eine Doppelstruktur soll vermieden werden.

Und wo ist der Haken?

Es gibt mehrere. Da ist zum Beispiel die Frage nach den Kapazitäten im Baugewerbe. Der Glasfaserausbau wird geschätzt mehr als 100 000 neue Baustellen in der Region nach sich ziehen. Doch schon jetzt hat selbst der Staat Schwierigkeiten, Firmen zu finden, die bauen können. Daher bleibt das Geld in manchen Töpfen ebenso liegen wie schöne Pläne in den Schubladen der Bauherren. Offen ist auch die Frage nach den Leistungen, welche die Städte und Gemeinden erbringen sollen. Die Telekom wünscht von den Kommunen nicht nur Unterstützung beim Bau von Leerrohren, sondern auch bei der Vermarktung des neuen Glasfasernetzes. Dies ist allerdings kritisch, da andere Anbieter die Gefahr eines dräuenden Monopols sehen könnten.

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