Die Region Stuttgart soll Flächen für Photovoltaik ausweisen. Auf den Fildern, einem Ballungszentrum, stößt das auf Widerstand. Wäre Agri-PV hier eine Lösung?
Würde aus dem theoretisch Möglichen Wirklichkeit, wären das „elementare Einschnitte“, sagt der Bauer Tobias Briem aus Bernhausen. Von den Flächen, die er aktuell auf den Fildern bewirtschaftet, kämen laut dem Entwurf des Verbands Region Stuttgart 70 Prozent für Photovoltaik in Frage, sagt er. Wie berichtet, hat der Regionalverband für Photovoltaik unter anderem denkbare Flächen entlang der B27 und der A8 genannt. In Summe sind das 134 Hektar auf Filderstädter Gemarkung.
Tobias Briem ist Landwirt in Vollzeit, er baut Gemüse und Getreide an. „Wir sind ein typischer Filderbetrieb“, sagt er. Dass die Filderstädter Stadträte die Idee im Oktober abgeschmettert haben, erleichtert ihn. „Das sind beste Ackerböden“, sagt er. „Wieder einmal sollen wir der Flächenlieferant sein.“ Briem, landwirtschaftlicher Obmann in Bernhausen und Vorsitzender des Kreisbauernverbands Esslingen, spielt auf zahlreiche Infrastrukturprojekte an, für die Filderbauern Acker hergeben mussten.
Das sagt das Klimaschutzgesetz von Baden-Württemberg
Tatsächlich kocht das Thema Freiflächen-PV derzeit in der ganzen Region Stuttgart hoch. Laut dem Klimaschutzgesetz des Landes Baden-Württemberg müssen die Regionalverbände bis spätestens zum 30. September 2025 je 1,8 Prozent Fläche für Windkraft und 0,2 Prozent für Photovoltaik ausweisen. Gerade sind die Kommunen dabei, sich zu positionieren.
In Stuttgart hält sich die Begeisterung genauso in Grenzen wie in Filderstadt. Dort ist nun im Gespräch, ob Böden bestimmter Güteklassen vor Photovoltaik „geschützt“ werden könnten. In dem Böden, die der höchsten Qualitätsstufe entsprechen, nämlich Stufe fünf, allerhöchstens mit Agri-PV belegt werden dürfen.
Dabei handelt es sich um höher gelegene Module, unter denen Obst, Getreide, aber auch Gemüse wachsen kann. Eine doppelt genutzte Fläche. Tobias Briem aus Filderstadt sieht darin keine Lösung. „Beim Gemüseanbau ist das schwierig“, sagt er. Auch wegen der Bearbeitungsweise.
Das sagt der Demeter-Bauer vom Michaelshof zu Agri-PV
Das sieht der Demeter-Bauer Michael Schäfer vom Michaelshof in Leinfelden-Echterdingen ähnlich. Wie Briem informiert er sich regelmäßig über die Entwicklung der Technik bei Agri-PV. „Aber die Stücke hier auf den Fildern sind nicht groß genug“, sagt Schäfer. „Meines Erachtens ist das zu aufwendig.“ An Anfragen von interessierten Projektierern mangelt es trotzdem nicht, wie er berichtet.
Eine, die sich mit Agri-PV auskennt, ist Lisa Pataczek. Allerdings befasst sich die Agrarwissenschaftlerin von der Universität Hohenheim nicht mit technischen Fragen, sondern damit, wie sich die Solarzellen auf das auswirken, was darunter wächst. Eine aufgeständerte Anlage, an der die Wissenschaftlerin seit fünf Jahren forscht, ist auf dem Biohof Heggelbach am Bodensee installiert. Bereits seit 2016 bewirtschaftet der Bauer Florian Reyer dort die Versuchsanlage auf 0,3 Hektar; sie hat eine Leistung von 194 Kilowattpeak in der Spitze.
Ist Agri-PV immer noch in der Nische? „Es gibt nach wie vor eine Reihe an offenen Fragen“, sagt Pataczek. „Aber es ist schon eine gewisse Dynamik dahinter.“ Erkenntnisse aus dem Solarfeldversuch in Heggelbach: Zum Beispiel, dass der Ernteertrag um im Schnitt 20 Prozent sinkt, aber auch, dass sich die Pflanzen an die neuen Bedingungen anpassen. Oder: Die Feldfrucht unter den Paneelen sind in Hitzeperioden deutlich weniger gestresst. Aufgrund der zunehmenden Erderwärmung „wird das größere Relevanz bekommen“, sagt Pataczek und meint das Solardach als Sonnenschutz.
Dass Agri-PV grundsätzlich nicht zum Gemüsebau passt, wie er auf den Fildern betrieben wird, würde Pataczek nicht sagen. „Bei den Auswirkungen auf verschiedene Pflanzenkulturen sind wir noch ganz am Anfang.“ Aber es gebe bereits Studien in Frankreich beispielsweise zu Kopfsalat. „Die zeigen, dass der Salat größere Blätter ausbildet.“
Tobias Briem aus Filderstadt hat Solarzellen auf seinen Hallendächern. Sie liefern insgesamt 250 Kilowattpeak in der Spitze, wie er sagt. Und er habe einen Speicher. Auf dem Acker haben will er die Stromerzeugung aber nicht. Sollte der Filderstädter Gemeinderat bei seiner ablehnenden Haltung bleiben, ist die Sache wohl vom Tisch. Denn anders als bei der Windkraft, bei deren forciertem Ausbau die Kommunen letztlich kein Mitspracherecht haben, sind sie bei Freiflächen-PV im Boot.
Der neue Regionalplan eröffne neue Möglichkeiten bei der Freiflächen-PV, erklärt Thomas Kiwitt, der Regionaldirektor, auf Nachfrage unserer Redaktion. „Das heißt aber nicht, dass die Flächen auch mit PV bebaut werden.“ Das gelte nur, wenn die Kommunen Bebauungspläne aufstellen. „Die, die wollen, können. Und die, die nicht wollen, müssen nicht“, sagt Kiwitt. Derzeit beschäftigt sich der Verband mit rund 6500 Rückmeldungen aus der Region.
Vorlesungen zu Agri-PV
Termine
An der Universität Hohenheim läuft derzeit eine Vorlesungsreihe zur Agri-PV. Auch der Bauer aus Heggelbach ist mit dabei. Der nächste Termin ist der 13. Januar mit Hansjörg Vollmer und einem Praxisbericht aus dem Obstbau; am 20. Januar dann Florian Reyer aus Heggelbach mit der Versuchsanlage; und am 27. Januar Sarah Alban von der HTW Dresden zum Wasserhaushalt. Beginn ist jeweils um 18 Uhr, Hörsaal 4, Erdgeschoss des Westflügels des Schlosses Hohenheim. (ana)