Das Stromnetz muss in Stuttgart, wie hier in der Königstraße, erheblich erweitert und erneuert werden. Foto: Max Kovalenko

Vor allem die Wärmepumpen mit ihrem hohen Strombedarf stellen die Stadtwerke Stuttgart vor riesige Herausforderungen. Ins Stromnetz muss bis 2035 eine Milliarde Euro investiert werden.

Die Stromleitungen, die die Stadtwerke Stuttgart in den nächsten zehn Jahren neu verlegen oder erneuern müssen, reichen bildlich gesprochen bis nach Cordoba in Andalusien – Luftlinie rund 1600 Kilometer. Zusätzlich müssen mehrere Hundert Trafostationen und drei große Umspannwerke gebaut werden. Es ist also eine Mammutaufgabe, die ansteht und die mindestens eine Milliarde Euro kosten wird. Die schlechte Nachricht für alle Stuttgarter: Die Zahl der Baustellen wird sich deutlich erhöhen.

 

Zwei Entwicklungen kommen zusammen, die diese riesige Investition erforderlich macht. Zum einen waren nach dem Zweiten Weltkrieg in kurzer Zeit zahlreiche Stromleitungen neu verlegt worden – sie erreichen allmählich das Ende ihrer Haltbarkeit und müssen in großem Stil erneuert werden. Zum anderen aber muss die Leistungsfähigkeit des Stromnetzes auch verdoppelt werden.

Im Winter laufen in Stuttgart alle Wärmepumpen gleichzeitig

Die größte Rolle spielt dabei die Wärmepumpe als Heizung der Zukunft. Wenn es im Winter kalt ist, heizen alle Haushalte gleichzeitig und brauchen also gleichzeitig viel Strom – für diese Menge muss das Netz ausgelegt sein. Harald Hauser, der Geschäftsführer der Stuttgart Netze, verspricht aber, dass jede neue Wärmepumpe in Betrieb gehen kann – nur bei Großwärmepumpen in Unternehmen müsse man sich womöglich etwas gedulden.

Die zunehmende Zahl von Elektroautos sei dagegen nicht so kritisch für das Stromnetz, sagt Hauser weiter. Denn die Autos laden zu unterschiedlichen Zeiten, die erforderliche Strommenge verteilt sich über den Tag. Die neuen Solaranlagen als dritter neuer Faktor bei der Stromwende stelle in Stuttgart ebenfalls kein großes Problem dar, so Hauser: „Es gibt kaum Punkte, wo man deswegen die Leitungen verstärken muss.“ Wegen eines notwendigen Zählertausches kann es trotzdem zu Verzögerungen kommen.

Mitarbeiter der Stuttgart Netze arbeiten an einer Mittelspannungsschaltanlage im Inneren eines Umspannwerks. Foto: Stuttgart Netze

Konkret sollen bis 2035, wenn Stuttgart klimaneutral sein will, 55 Kilometer an Hochspannungsleitungen neu gebaut werden. Bei der Mittelspannung sind es rund 640 Kilometer an neuen oder erneuerten Kabeln, bei der Niedrigspannung schließlich mehr als 900 Kilometer. Jährlich, betont Christian Körner vom Netzmanagement, müssten 70 Kilometer Trassenlänge geschafft werden. Wer jetzt die Angaben nachrechnet: In viele Gräben werden mehrere Kabel eingelegt. Insgesamt ist das Stuttgarter Stromnetz rund 5600 Kilometer lang.

Die Zahl der reinen Strom-Baustellen in der Stadt werde sich jedenfalls dadurch von derzeit 180 im Jahr auf 300 erhöhen, so Körner – die 350 Strom-Baustellen wegen Störungen sind da noch nicht hinzugezählt. Es sei extrem schwierig, solche Arbeiten zu koordinieren, weil die Straßen für die Anwohner oder etwa die Müllabfuhr zugänglich bleiben sollten, beschreibt Hauser das Problem. Er fordert deshalb eine bessere Abstimmung zwischen den städtischen Ämtern, um das überhaupt schaffen zu können. Am besten sollte eine Taskforce gegründet werden.

Viele der 26 großen Umspannwerke in Stuttgart müssen ebenfalls ertüchtigt werden. So wird derzeit das Werk in der Bludenzer Straße in Feuerbach für 18 Millionen Euro umfassend modernisiert. Drei neue Umspannwerke müssen zusätzlich neu gebaut werden. Für ein Werk in Freiberg gibt es schon ein Grundstück, das zweite soll in Vaihingen oder Möhringen entstehen, das dritte braucht einen Platz in der Innenstadt, den man am ehesten noch im Rosensteinquartier finden könnte. Umspannwerke bilden den Übergang vom Hoch- zur Mittelspannungsnetz.

Viel schwieriger wird es sein, den Platz für knapp 200 neue Trafostationen zu finden, in denen die Mittel- in die Niederspannung umgewandelt wird. Jede dieser Netzstationen ist so groß wie eine Autogarage. Harald Hauser weiß, dass Flächen auch für Energiezentralen, Sportplätze oder Wohnungen benötigt werden und sagt in seiner ebenso charmanten wie direkten Art: „Da werden wir uns gegenseitig noch die Augen auskratzen.“ Denn eigentlich müssten sogar 600 weitere Trafostationen, die derzeit unsichtbar in Gebäudekellern untergebracht sind, nach außen verlegt werden, weil sie erneuert oder erweitert werden müssten.

Der Wärmewende in Stuttgart fehlt noch der Schwung

Nicht alles muss aber sofort erledigt werden, für manches habe man womöglich noch nach 2035 Zeit, hofft Hauser. „Im Moment sind wir jedenfalls weit vor der Welle“, sagt er. Zudem hat die Wärmewende in Stuttgart noch nicht wirklich Schwung aufgenommen. Statt der für die Klimaneutralität notwendigen 3500 neu eingebauten Wärmepumpen pro Jahr waren es tatsächlich nur 546 bis Ende September dieses Jahres.

Was der gewaltige Ausbau des Netzes für den Preis bedeutet, lässt sich heute seriöserweise noch nicht vorhersehen. Harald Hauser versucht aber zu beruhigen: Die Netzentgelte machten am Strompreis lediglich etwa ein Viertel aus, und die Abschreibungen liefen über 80 Jahre. „Das wird kein Horrorszenario“, sagt er.