Die Stuttgarter Gleisflächen sind begehrt. Foto: DB Bahnprojekt Stuttgart Ulm/Arnim Kilgus

Im Programm der Landes-Grünen zur Landtagswahl finden sich detaillierte Vorstellungen zum Schienenverkehr – auf Flächen, die der Stadt gehören. Im Stuttgarter Rathaus weist man auf Konfliktpunkte hin.

Stuttgart - Der Protest gegen Stuttgart 21 hat im Jahr 2011 geholfen, die Grünen in die Landesregierung und in Winfried Kretschmann einen der ihren als Ministerpräsident in die Villa Reitzenstein zu bringen. Zehn Jahre und zwei Landtagswahlen später setzt die Partei weiter auf das Thema.

 

Detailliert wie für keine andere Großstadt im Land entfalten die Grünen im Wahlprogramm ihre Vorstellungen für Verkehrsfragen in Stuttgart. „Für den Nahverkehr fordern wir eine leistungsfähige Ergänzungsstation im zukünftigen Hauptbahnhof, an die auch die bestehende Panoramabahn-Trasse der Gäubahn angebunden wird“, heißt es in dem mehr als 300 Seiten starken Papier. Damit greifen die Grünen eine Idee ihres Parteifreund Winfried Hermann auf. Der Landesverkehrsminister wirbt seit längerem für einen unterirdischen Kopfbahnhof in der City. Im Wahlprogramm heißt es, so könnten „spätere irreversible Engpässe im Regionalverkehr und bei der S-Bahn vermieden werden“, schreiben die Grünen. Beim Regionalverband, der für die S-Bahn zuständig ist, sieht man diese Notwendigkeit hingegen nicht. Im Herbst vergangen Jahres hatte die Regionalversammlung die Idee einer Ergänzungsstation mit großer Mehrheit abgelehnt. Anfang des Jahres wies Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU) daraufhin, dass es dem Verkehrsminister bis dato nicht gelungen sei, den verkehrlichen Bedarf eines solchen zusätzlichen unterirdischen Halts nachzuweisen.

Widerspruch zu den Wohnbauzielen

Die Grundstücke, auf denen der Bahnhof und die dort hin führenden Strecken gebaut würden, gehören der Stadt seit diese im Jahr 2001 der Bahn die Gleisflächen in der Innenstadt abgekauft hat, um neue Wohn- und Arbeitsquartiere zu bauen. Entsprechend argwöhnisch betrachtet das Rathaus Planspiele Dritter auf diesen Arealen. „ Eine Ausbauvariante – auch eine unterirdische, welche die Entwicklung des Rosenstein-Quartiers deutlich behindern und verzögern würde – widerspricht den Wohnbauzielen der Stadt Stuttgart“, erklärt ein Sprecher der Stadtverwaltung auf Anfrage. Untrennbar mit dem Verkehrsprojekt sei das Städtebauprojekt in Stuttgart, das neue Rosenstein-Quartier verbunden. Dort könnten „6000 Wohnungen in innerstädtischer Lage für rund 12 000 Menschen“ geschaffen werden. Den Schuh, über den Städtebau die verkehrliche Entwicklung aus den Augen zu verlieren, will man sich im Rathaus nicht anziehen. Der Rathaus-Sprecher erinnert daran, dass die Stadt den Ausbau des Vaihinger Bahnhofs zum Regionalhalt ebenso unterstütze, wie den Bau eines zusätzlichen Halts an der Panoramabahn auf Höhe des Nordbahnhofs.

Ingenieure prüfen die Machbarkeit

Die Grünen im Rathaus, aus deren Reihen in Baubürgermeister Peter Pätzold ein entschiedener Verfechter der raschen Bebauung der Gleisflächen kommt, befinden sich in der schwierigen Situation, die beiden sich entgegenstehenden Interessenbekundungen aus ihrer Partei unter einen Hut bekommen zu müssen. Entsprechend vorsichtig fällt die Antwort auf eine Nachfrage zu der Passage im Wahlprogramm der Landespartei aus. Man sei der Auffassung „dass die Stadt nicht nur ein starkes Interesse daran haben muss, bald mit dem Bau bezahlbarer Wohnungen im Rosensteinviertel zu beginnen, sondern auch bestrebt sein muss, ihren Bahnknoten möglichst leistungsfähig und komfortabel weiterzuentwickeln“, erklären Andreas Winter und Gabriele Nuber-Schöllhammer, die Rathaus-Fraktion der Grünen führen. „Eine unterirdische Gleisführung bis zum Hauptbahnhof halten wir für umsetzbar und sehen hier für den Städtebau lediglich auf Untergeschossebene der Parkplätze Einschränkungen“. Ob dem tatsächlich so ist, untersucht ein Ingenieurbüro derzeit im Auftrag des Landesverkehrsministeriums. Nach Sichten erster Zwischenergebnisse hatte Winfried Hermann im Interview mit unserer Zeitung allerdings gesagt, er sei zunächst davon ausgegangen, „dass es einfacher und kostengünstiger zu machen ist, als was nun die Gutachter ermitteln.“