Der Kampf gegen Corona zwingt Impfstoffhersteller zu Allianzen – und erzeugt nationalen Protektionismus, der auch für die EU negative Folgen haben könnte.
Stuttgart - Die Sprache ist martialisch: Von einem „Kriegspakt“ hat die „Washington Post“ gesprochen, als sich vor einigen Tagen die Impfstoffentwickler Johnson & Johnson und Merck – eigentlich Konkurrenten – zur Produktion zusammengeschlossen haben. Kriegerisch war das deshalb, weil die US-Regierung massiv Druck machte und diesen Deal auf der Grundlage eines Mobilisierungsgesetzes aus dem Koreakrieg einfädelte. Der Staat gab auch noch 269 Millionen Dollar (226 Millionen Euro) dazu.
Rund um den Globus versuchen zurzeit Impfstofffirmen, ihre Produktion in einem Tempo zu steigern, für die der Begriff Materialschlacht angemessen ist. Härter werden auch die Maßnahmen der einzelnen Länder, die sich ihren Zugriff auf die Impfsubstanzen sichern wollen. Das betrifft Exportverbote und das Horten von Rohstoffen, wo die USA besonders aggressiv auftreten. Exporte von Astrazeneca in die EU werden blockiert, obwohl der Impfstoff in den Vereinigten Staaten noch nicht zugelassen ist. Für US-Präsident Joe Biden gehen die Amerikaner vor. Aus der EU werden hingegen trotz mangelnder Impfstoffe weiter Dosen in die ganze Welt exportiert.
Biontech/Pfizer
Insgesamt ist diese Entwicklungs- und Produktionsgemeinschaft bislang nicht nur die schnellste, sondern auch bei den Produktionszielen die erfolgreichste. Von zunächst geplanten 1,3 Milliarden Dosen für 2021 ist man über ein Zwischenziel von zwei Milliarden vor einigen Tagen nun bei bis zu 2,4 Milliarden gelandet. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass aus einer Impfstoffampulle mehr Dosen entnommen werden können als anfangs geplant. Hauptstandort ist eine Fabrik in Belgien, aber in der Rekordzeit von fünf Monaten hat man auch eine Anlage des Konkurrenten Novartis in Marburg umgewidmet, die gerade mit der Herstellung begonnen hat.
Biontech/Pfizer hat Allianzen mit 13 Firmen geschmiedet. Der Impfstoff selbst wird bei Biontech in Mainz hergestellt. Weiterverarbeitet wird bei Rentschler in Laupheim. Die deutschen Firmen Merck, Evonik und Dermapharm sowie Polymun in Österreich stellen Ingredienzen her. Zwei Konkurrenten sind für das Abfüllen eingespannt, Novartis in der Schweiz und Sanofi in Frankreich. Ersterer, weil man nicht ins Impfstoffrennen eingestiegen ist, die zweite Firma, weil sie mit ihrem Impfstoffprojekt hinterherhinkt. Der Vorteil: Alles findet in Europa statt.
Astrazeneca
Hier ist das Produktionsziel mit drei Milliarden Dosen mit das ehrgeizigste aller aktuell verfügbaren Covid-Impfstoffe. Der inzwischen in 44 Ländern und der EU eingesetzte Impfstoff ist – trotz der aktuell in einigen Ländern laufenden Untersuchung medizinischer Zwischenfälle – der geografisch am weitesten verbreitete, was auch zu einem sehr komplexen Liefernetzwerk führt. Größter Produktionsstandort ist beispielsweise Indien, aber für Europa sollte Impfstoff zum Beispiel auch aus den USA kommen. Doch bisher hat die US-Regierung bereits hergestellte Vorräte noch nicht freigegeben, obwohl sie in den USA selbst derzeit nicht benötigt werden, weil der Impfstoff dort noch nicht zugelassen ist.
Durch solche Exportkontrollen wird das ohnehin deutlich reduzierte Lieferziel für die EU Makulatur. Astrazeneca hat nämlich Produktionsprobleme insbesondere in Europa, vor allem in einer belgischen Fabrik. Doch der Plan, dies etwa durch Lieferungen aus Indien auszugleichen, funktioniert offenbar nun nicht mehr. EU-Inspektoren haben zwar schon die dortige Fabrik in Augenschein genommen, aber auch Indien will Impfstoffe, die im eigenen Land produziert werden, für sich reservieren.
Deshalb ist das Unternehmen zurzeit auf der Suche nach zusätzlichen Kooperationspartnern in Europa, unter anderem jetzt auch bei der Firma IDT im sachsen-anhaltinischen Dessau. Hier will man in diesem Jahr mit dem Abfüllen von Dosen beginnen.
Moderna
Dieser ursprünglich kleine Hersteller wurde massiv mit Mitteln aus dem US-Impfstoffprogramm unterstützt – und hier ist auch der Schwerpunkt der ersten Lieferungen, während die EU bis jetzt erst nur mit ziemlich kleinen Chargen versorgt wird. Produktionsziel sind hier eine Milliarde Dosen 2021. Europäischer Produktionsschwerpunkt ist die Schweiz, wo man mit einem etablierten Hersteller einen Zehnjahresvertrag abgeschlossen hat. Außerdem werden Standorte in Spanien und Frankreich aufgebaut.
Johnson & Johnson
Dieser gerade erst in der EU zugelassene Impfstoff leidet sowohl in Europa als auch in den USA bislang unter Produktionsrückständen. Das eingangs erwähnte, massive Eingreifen der US-Regierung hat jetzt aber die Aufstockung um 100 Millionen Dosen erlaubt.
Auch hier wird die Präsenz in Europa, etwa in den Niederlanden, ausgebaut. Bisher wollte man Impfdosen für die EU zum Abfüllen in die USA schicken, doch das will man angesichts der dortigen Exportkontrollen nicht mehr riskieren.
Noch steht die Zulassung des Impfstoffes des Tübinger Unternehmens aus. Doch auch hier sind schon Partnerschaften eingefädelt. Zunächst wurde im Februar eine Kooperation mit dem Agrar- und Chemiekonzern Bayer beschlossen, der allerdings bisher noch keine Impfstoffproduktion hat.
Jetzt gibt es eine Vereinbarung mit dem Schweizer Konzern Novartis, der mangels eigener Covid-Impfstoffentwicklung auch Produktionskapazitäten für Biontech/Pfizer aufbaut, wo dieselbe, sogenannte mRNA-Technologie genutzt wird wie bei den Tübingern. Auch der britische Pharmakonzern GSK ist Partner. Produktionsziel sind zusammen eher bescheidene 300 Millionen Dosen für 2021.