Keine zwei Wochen benötigte Edeka Südwest, um den riesigen Real-Markt auf der Böblinger Hulb in eine Marktkauf-Filiale zu verwandeln. Alle 181 Real-Mitarbeiter wurden übernommen und hatten mit dem Neustart alle Hände voll zu tun.
Um 8.49 Uhr ist es soweit. Die Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger schneidet das rote Band am Eingang der neuen Marktkauf-Filiale auf der Böblinger Hulb durch. Gemeinsam mit Vertretern von Edeka Südwest läutet sie damit am Montagmorgen die mittlerweile dritte Epoche dieses eineinhalb Fußballfelder großen Supermarkts ein, der 1978 unter dem Namen Multi-Center von der Böblinger Familie Kriegbaum eröffnet wurde und seit 1998 als Real firmierte.
„Wir sind froh, dass für diesen Supermarkt mit seiner langen Geschichte eine Lösung unter dem Dach von Edeka gefunden wurde“, sagt Kraayvanger. Um diese Lösung habe man intensiv mit dem Kartellamt gerungen, das an die Übernahme klare Auflagen geknüpft habe. So musste Marktkauf die Verkaufsfläche von 12 500 auf 9900 Quadratmeter verkleinern und die Fläche des Getränkemarkts an Konkurrent Aldi abgeben, der aber erst im November öffnen soll. Außerdem war es Kraayvanger wichtig, dass Edeka nicht etwa den Standort in den Mercaden aufgibt, der ihr „sehr wichtig“ sei. Dass aber sei keineswegs geplant, sagten die Edeka-Verantwortlichen.
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So lange sich die Verhandlungen im Hintergrund zogen, so rasant gelang es den neuen Eigentümern, den in die Jahre gekommenen Real-Markt komplett umzukrempeln. „Normalerweise brauchen wir für eine Neueröffnung einer Real-Filiale nur vier Tage, von Freitag bis Dienstag“, sagt Edeka-Verkaufsleiter Tobias Rager. „In diesem Fall waren es aufgrund der vielen Umbauten zehn.“ Auch das scheint allerdings verblüffend wenig, wenn man bedenkt, dass Real erst sämtliche Restartikel mitsamt den Regalen von der Fläche räumen musste, bevor alles wieder neu aufgebaut und mit dem Marktkauf-Sortiment befüllt wurde.
„Das waren in Summe über 70 000 Artikel. Für den Umbau musste alles in Hand in Hand gehen“, sagt Rager, der die Filiale aus dem Effeff kennt, weil er sie mehrere Jahre leitete, als auf dem Dach noch die Real-Flagge wehte. Der Parkplatz sei in der Schließzeit oft so voll gewesen wie sonst – nur eben bevölkert von Handwerker-Autos. „Wir mussten die Fläche rund um ein Viertel verkleinern, den Getränkemarkt komplett neu aufbauen und neue Wände einziehen.“ Auch der Edeka-Regionalleiter Frank Meng bescheinigt dem Team einen regelrechten „Kraftakt“.
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Hinter dem Eingang platziert Marktkauf zunächst die Obst- und Gemüse-Abteilung, wie es im Edeka-Reich Standard ist. Eine imposante Ananas-Pyramide dient als erster Hingucker. Daran schließt sich das Frühstücks-Sortiment an, eine Unverpackt-Station und ein Non-Food-Bereich mit Haushaltsbedarf, Drogerie und Tierfutter. Kühlregale und Frische-Theke bleiben aber, wo sie sind. Dass man die Einkäufer stets von links nach rechts leite, sei der menschlichen Psyche geschuldet. „Die Menschen haben beim Einkaufen einen Linksdrall. Warum, weiß ich auch nicht“, sagt Rager.
Edeka ist es gelungen, den Supermarkt in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. In den verbreiterten Gängen steht das üppige Warenangebot hübsch aufgereiht von Avocado bis Zitronensorbet. Die Deckenbeleuchtung scheint heller zu strahlen als zuvor, die Gänge sind großzügiger, das Sortiment wirkt – kaum vorstellbar – noch umfangreicher als zu Real-Zeiten. Doch trotz vieler Neuordnung erinnert manches noch immer an längst vergangene Kriegbaum-Zeiten.
„Das ist noch der Boden vom Multi“, sagt der langjährige Marktleiter Harald Kretschmer, der mit diesem Supermarkt eine besonders innige Verbindung pflegt. Der 66-Jährige begann sein Berufsleben 1969 mit einer Lehre bei Kriegbaum und übernahm bereits 1979 die Leitung des Multi-Centers. Auch nach dem Verkauf an Metro blieb er an Bord, stieg in der Hierarchie auf und war zuletzt Herr über 20 Real-Standorte zwischen Überlingen und Karlsruhe. „Ich hatte mein Büro immer in Böblingen“, sagt er verschmitzt. Eigentlich ist er seit 2020 im Ruhestand, doch Edeka holte ihn noch mal als Berater zurück, um die Umflaggung zu begleiten.
Überhaupt ist man bei Marktkauf froh, das gesamte Team der 181 Real-Mitarbeiter mitsamt Marktleiter Uwe Hagenlocher übernommen zu haben. Rund 55 davon sitzen an den Kassen, deren Piepen zwischen 7 und 22 Uhr nie verstummt. Hinter einer sitzt am Montag ausnahmsweise Christine Kraayvanger – für den guten Zweck. Die Baubürgermeisterin zieht die Waren über den Scanner und kommt dabei sichtlich ins Schwitzen. „Das ist ganz schön anspruchsvoll, woran man da alles denken muss“, sagt sie und lacht. Immerhin: In der guten halben Stunde kassiert sie Waren im Wert von 1468 Euro. Dieser Betrag wird an den Allgemeinen Sozialen Dienst in Böblingen gespendet.
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Geschichte des Real-Markts auf der Hulb
Eröffnung
feierte man in der Otto-Lilienthal-Straße am 24. Oktober 1978, als die Böblinger Handelsfamilie Kriegbaum ihren Multi-Center auf knapp 10 000 Quadratmetern eröffnete. Das Konzept der Riesen-Supermärkte schwappte aus den USA nach Deutschland.
Verkauf
Nachdem Kriegbaums Investitionen in den neuen Bundesländern über den Kopf wuchsen, verkauften sie ihr Imperium an die Düsseldorfer Metro-Gruppe, aus Multi-Markt und Multi-Center wurden Real-Märkte.
Filiale auf der Hulb
Der Standort auf der Hulb wurde der größte im Real-Reich mit 12 500 Quadratmetern Fläche und zuletzt 55 Millionen Euro Jahresumsatz – Spitzenwert in Deutschland.
Zerschlagung
Die Metro trennte sich vor drei Jahren von der Real-Sparte, ein Investoren-Konsortium zerschlug die Gruppe. Die Hürden der Kartellwächter für die Übernahme durch Edeka in Böblingen waren allerdings hoch: Marktkauf musste auf 9900 Quadratmeter verkleinern – und dem Konkurrenten Aldi die Fläche des Getränkemarkts überlassen.