Mirca Gönner bei ihrer Berufung Foto: cf/privat

Erfolgsgeschichte nach der Flucht aus Prag: Mirca Gönner blickt auf 53 Jahre in Deutschland zurück und feiert 40-jähriges Bestehen ihres Kosmetiksalons.

Stuttgart - Es war der 21. August 1968. Ein Tag, der sich unauslöschlich im Gedächtnis von Mirca Gönner eingebrannt und dem Leben der jungen Frau aus Prag eine neue Wendung gegeben hat: „Ich wurde um 5 Uhr früh vom Lärm der Panzer geweckt, die durch die Stadt rollten.“ Es waren russische Panzer, die dem sogenannten Prager Frühling ein Ende machten und die Hoffnung auf mehr Demokratie und Freiheit niederwalzten. Die Nachricht löste in der Bundesrepublik wie in der ganzen westlichen Welt Empörung und Erschütterung aus. Und es war klar: Wer konnte, würde die CSSR verlassen, Flüchtlinge würden Hilfe und Unterstützung brauchen. Wie schon 1956, als die Ungarn nach dem niedergeschlagenen Freiheitsaufstand durch russische Panzer in Scharen über die grüne Grenze in die Freiheit flohen.

 

Alle wussten: Es ist ein Abschied für immer

Auch Mirca Gönner stieg sechs Tage später, am 27. August, mit einer Freundin und einem Freund in den Zug nach Wien. Mit gerade mal 20 D-Mark für alle drei. Jung, unerschrocken – und bereit, die Herausforderungen zu meistern. Hauptsache, frei von der Knute der Diktatur. Zu Hause hätten sie erzählt, sie führen ins Wochenendhaus. Aber jeder habe gewusst, dass es ein Abschied vielleicht für immer war. „Alle im Zug haben geheult“, erinnert sich Mirca Gönner.

Das Haus der Schönheit gibt’s nun 40 Jahre

Das ist 53 Jahre her, und Mirca Gönner hat aus dem neuen Leben eine Erfolgsgeschichte gemacht: Sie feiert das 40-jährige Bestehen ihres Kosmetiksalons „Haus der Schönheit“, den sie 1981 in Stuttgart eröffnet hat. Es wäre ihr, betont sie stets, nie in den Sinn gekommen, Ämter oder Hilfsorganisationen um Unterstützung zu bitten: „Ich war dankbar, dass mir das freie Deutschland die Möglichkeit gegeben hat, hier zu leben, ich wollte Teil dieser Gesellschaft werden.“ Schon zwei Wochen später fing sie als Maskenbildnerin an einem Theater in Düsseldorf an. Genauso schnell habe sie Deutsch gelernt. Anfängliche Sprachbarrieren habe sie überspielt und ihrem eigenen Blick vertraut, der in der Künstlerfamilie – „meine Mutter war Malerin, der Großvater Bildhauer“ – geschult war.

Stars wie Uschi Glas und Götz George unter ihren Händen

Der Sänger und Schauspieler Peter Krauswar der erste Promi, den sie für die Bühne zurechtmachte. Stars wie Sonja Ziemann, Maria Schell, Marika Rökk, Dagmar Koller, Uschi Glas oder Götz George haben sich ihren kundigen Händen und dem untrüglichen Blick anvertraut, denn sie arbeitete für Musical, Operette und Tourneetheater: „Ohne Pause, ohne freies Wochenende, immer weiterempfohlen.“ Was sie damit nur andeutungsweise meint, ist ihre besondere Professionalität in diesem Metier.

Schöne Haut ist ihre Berufung

Irgendwann hatte sie von der Backstage-Szene genug und ging 1977 nach Stuttgart, um noch Ausbildungen zur Friseurin und Kosmetikerin draufzusatteln. Hier lernte sie auch ihre große Liebe, Peter Javorsky, kennen und heiratete. 1981 wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit und eröffnete im Oktober ihr „Haus der Schönheit“, dessen überragender Ruf das Eckhaus an der Sonnenbergstraße in der Innenstadt zum regelmäßigen Ziel vieler Damen und auch Herren machte. Und wieder war Mirca Gönner eine Fünftagewoche nicht genug: Als Visagistin reiste sie zehn Jahre lang mit bekannten Fotografen, um Models für Modeshootings zu schminken. Die Mission schöne Haut: „Das ist nicht mein Beruf, das ist meine Berufung“, sagt Mirca Gönner. „Jede Neuheit reizt mich, ich mache Kurse, lese, bilde mich fort.“

Kriegsbemalung ist für sie keine Schönheit

Was ist für sie Schönheit? „Auf keinen Fall Kriegsbemalung“, kommt die Antwort schnell und eindeutig. Stattdessen: „Ein bisschen nachhelfen, Vorzüge unterstreichen, so natürlich wirken wie möglich.“ Es mache sie glücklich, wenn ihr eine solche positive Veränderung gelinge. Aber natürlich gehöre alles dazu: „Persönlichkeit, Auftreten, Ausstrahlung.“ Und der Kampf gegen Falten? „Falten sind nicht zu vermeiden, aber gepflegt müssen sie sein. Damit schiebe ich das Altern hinaus“, lacht sie.

Mirca Gönner lacht viel, ist kommunikativ, ein gern gesehener Gast in Gesellschaften. „Ich bin dankbar“, sagt sie noch einmal, „für die Möglichkeiten, die mir dieses Land gegeben hat. Ich wollte daher auch Deutsche sein und habe die tschechische Staatsbürgerschaft zurückgegeben.“ Sie sei, betont sie, immer noch „eine stolze Tschechin“, der kleine Akzent verrät es. „Aber hier bin und bleibe ich zu Hause.“