Die Metzgerei Ziegler hat nach 137 Jahren endgültig ihre Türen geschlossen. Das führte zu anrührenden Szenen mir vielen Dankesbekundungen.
Fast mutet die familiengeführte Metzgerei Ziegler in Oberstenfeld an diesem Samstag an wie ein Blumenladen: Überall, wo sich Platz findet, stehen bunte Sträuße oder Blumengestecke. Aber auch Geschenke anderer Art gesellen sich in Hülle und Fülle zur Blütenpracht hinzu: Pralinen, weiteres Naschwerk, ja sogar Gläser mit Oliven und selbst gemachte Marmelade runden die vielen „Dran-Denkerle“ ab, die Menschen zum Abschied in das Fleischerfachgeschäft gebracht haben.
Die Wehmut in dem kühlen Laden, der – wie die anderen Räume, außer der Gaststube – nicht beheizt werden kann, ist greifbar. Mit jeder Tüte voll Wurst oder Fleisch, die über die Ladentheke gereicht wird, steckt ein Stück Abschiedsschmerz mit drin. „Danke für Ihre langjährige Treue“, sagt Chefin Eveline Ziegler unermüdlich zu jedem einzelnen Stammkunden und schenkt diesen noch ein Lächeln. Eines von der warmherzigen Sorte. Denn diese Eigenschaft zeichnet die Metzgerei offenbar aus. Viele Kunden erwähnen die Freundlichkeit der Familie.
Stammkunden der Metzgerei Ziegler loben Herzlichkeit
Wer Mutter Eveline und ihre Tochter Bettina, live erlebt, der weiß was gemeint ist. „Das war meine Metzgerei“, betont etwa Kundin Renate Schreitmüller, die schon jetzt weiß: „Ich werde sie sehr vermissen.“ Seit 25 Jahren ist sie Stammkundin in der „persönlich und herzlich geführten, kleinen Metzgerei. Hier wusste ich immer, es ist alles frisch“. Entsprechend herzlich sind die Abschiedsszenen. Selbst einige Leute, die gar nichts kaufen, springen in den Laden, um sich kurz zu verabschieden.
Fred Stingel war die Jahre über als Kunde regelmäßig vor Ort. Vor allem samstags kam der Beilsteiner zu den Zieglers, um für das heimische Familienritual „Frühstück mit Kindern und Enkeln“ warmen Fleischkäse abzuholen. „Heute zum letzten Mal“, bedauert der Musiker ganz offen. „Nun müssen wir mal dort und mal da hingehen“. Für Eva Klein ist der kommende Verlust schlichtweg „furchtbar“: „Die sind hier alle super nett – und sie beraten auch toll, weil sie selbst gut kochen können.“ Ein großer Vorteil sei für sie auch die Tatsache gewesen, „dass die Produkte nicht so stark gesalzen sind“.
Erst kürzlich starb Eveline Zieglers Ehemann
Tanja Joos kommt schon seit der Kindheit in den Laden und liebt die Produkte ebenfalls. „Der Abschied ist für mich sehr, sehr traurig. Selbst mein Vater kam immer wieder her, obwohl er zwischenzeitlich in seine alte Heimat Slowenien umgezogen ist“ – um hier seine heiß geliebten Maultaschen zu besorgen. „Ich selbst werde den Schinken-Eiersalat und die Paprika-Lyoner vermissen“, schwärmt sie und lässt noch einen Tipp für die Seniorchefin zurück: „Jetzt aber bitte nicht von Hundert auf Null zurückfahren“.
„Weil so unglaublich viel los ist, kam ich bisher noch gar nicht richtig dazu, an den Abschiedsschmerz zu denken. Der wird aber kommen“, ist sich Eveline Ziegler indes sicher. Und kaum, dass sie den Mund zugemacht hat, rollen plötzlich doch die Tränen – bei ihr wie bei Filomena Schneider. Die ehemalige Inhaberin der Oberstenfelder Schreibwarenhandlung ist mit einem großen Blumenstrauß erschienen sowie mit der Frage: „Derfa mr di gschwind drückla?“ Eveline Ziegler zeigt sich überwältigt. „Wir haben uns durch die Jahre hinweg angefreundet“, sucht Schneider eine Erklärung für die starken Emotionen. Einige Minuten lang liegen sich die Frauen in den Armen.
Vermutlich kam dabei aber auch jener Schmerz hoch, der der Metzgersfrau tief in der Brust steckt: Erst im vergangenen Oktober war ihr Ehemann Wolfgang plötzlich verstorben. „Wir wollten jetzt gemeinsam in den Ruhestand starten. Ich wünschte, er hätte das heute erleben dürfen“, erklärt sie aufgewühlt. Der Kauf eines Wohnwagens sei auch schon geplant gewesen. „Deshalb gehen wir im Sommer auch alle zusammen in den Urlaub nach Italien. Dann ist sie nicht allein“, wirft Schwiegertochter Tamara Kori-Ziegler ein, die seit 15 Jahren im Betrieb mitarbeitet. „Das alles wird jetzt eine große Umstellung“, bestätigt sie. Ihr Ehemann Michael hätte den Betrieb eigentlich übernehmen wollen. Doch ein Umbau käme zu teuer. Gesundheitliche Gründe spielen mittlerweile wohl auch eine Rolle. Michael Ziegler hat eine abenteuerliche Woche hinter sich: „Weil die Bestellungen und Abverkäufe regelrecht explodiert sind. Ich habe beispielsweise über 1500 Maultaschen hergestellt – und nur noch funktioniert“, beteuert der Metzger, der künftig für den Getränkehändler Michael Walter arbeiten will.
Auch für die Enkelkinder wird sich einiges ändern. Die konnten bislang nämlich sorglos „einfach Essen nach Lust und Laune aus der Metzgerei holen“. Doch es gäbe schließlich auch positive Seiten: „Jetzt kann die Oma endlich mal zur Ruhe kommen. Wir gönnen ihr das“, betont Schwiegertochter Tamara.