Die Familie Ziegler muss Abschied von Ihrer Metzgerei in Oberstenfeld (Kreis Ludwigsburg) nehmen. Die Blicke sind nach vorne gerichtet, aber Wehmut schwingt mit.
Nach 137 Jahren endet in Oberstenfeld eine Ära. Die Metzgerei Ziegler, tief verwurzelt im 8000-Einwohner-Ort im Kreis Ludwigsburg, schließt zum 31. Januar ihre Türen. Was bleibt, ist weit mehr als ein leerstehender Laden und ein Gasthaus, die verkauft werden sollen. Es bleiben Erinnerungen an Handwerk, an Begegnungen, an Gerüche und Geschmäcker – und an eine Familie, für die dieser Abschied ein schmerzhafter Einschnitt ist.
Der Tod von Firmenchef Wolfgang Ziegler im vergangenen Jahr hat eine Lücke hinterlassen, die nicht nur emotional kaum zu schließen ist. Auch strukturell steht der traditionsreiche Betrieb vor Herausforderungen, die nicht mehr zu bewältigen sind. „Wir hätten gerne noch weitergemacht – wir müssten aber sehr viel umbauen und investieren“, erzählt Seniorchefin Eveline Ziegler.
Heute werde von Metzgereien behördlich viel mehr verlangt, erklärt Eveline Ziegler, die an diesem Donnerstagnachmittag wie gewohnt im Laden steht. „Man hat uns Fristen gesetzt – das ist wie beim Auto, das zum TÜV muss.“ Ihr Sohn Michael Ziegler, einst Hoffnungsträger der fünften Generation, könne den Betrieb wegen der strikten Vorgaben nicht weiterführen.
Der Fleischsalat genießt Kultstatus
Die letzten Tage im Laden sind von Wehmut erfüllt. „Es ist wirklich sehr schade“, sagt der Stammkunde Andreas Pekari, der seit etwa acht Jahren aus Hof und Lembach immer wieder herüberfährt, um sich mit „wirklich frischer Wurst“ einzudecken. Auch der 52-jährige Betriebswirt hadert mit den bürokratischen Vorgaben: „Wir schaufeln uns noch unser eigenes Grab.“
Dass die Kundschaft der Metzgerei über Jahrzehnte die Treue hielt, lag am hohen Qualitätsanspruch. Kultstatus genießt bis zuletzt der Fleischsalat. Das wird auch an diesem Nachmittag deutlich: Immer wieder verlangen Kunden nach ihm. An ihren Produkten arbeiteten Wolfgang und Eveline Ziegler immer gerne. Sie hatten als frisch verheiratetes Paar 1985 neuen Schwung in den Betrieb gebracht, zehn Jahre später übernahmen sie ihn vollständig – mit großem Erfolg und viel Herzblut.
Der Erfolg war auch in der Herkunft des Fleisches begründet: Wolfgang Ziegler machte sich persönlich auf den Weg zu Bauern aus der Region, um Rinder, Schweine und Lämmer bester Qualität einzukaufen. Nach der Schlachtung außer Haus wurden die Tiere im Fachbetrieb in Oberstenfeld zu feinsten Fleisch- und Wurstwaren verarbeitet.
Mehr als 100 verschiedene Wurstsorten gehörten zum Sortiment, darunter echte Besonderheiten wie die geräucherten „Lammstecken“. Täglich frisch zubereitete Salate, eine große Auswahl an Fleischsorten und ein beliebter Partyservice mit kompletten Menüs und kunstvoll dekorierten kalten Platten machten die Metzgerei weit über Oberstenfeld hinaus bekannt. Jeden zweiten Sonntag im Monat öffnete zudem der Gasthof Hirsch seine Türen und bot klassisch schwäbische Küche – vom Chef persönlich zubereitet. Bis die Corona-Pandemie dazu führte, dass man das Angebot zurückfuhr.
Sohn Michael war mit 18 der jüngste Metzgermeister im Land
Dass Sohn Michael den Betrieb einst übernehmen würde, galt lange als selbstverständlich. Im Jahr 2004 wurde er mit nur 18 Jahren der jüngste Metzgermeister in Baden-Württemberg. Sein Meisterstück, eine schnittfeste Leberwurst, gehört bis heute zu den Lieblingsprodukten der Kundschaft. Tochter Bettina Kori leitete seit 2010 erfolgreich die Filiale in Mundelsheim, kam später aber in den Kernbetrieb zurück. Alles schien bereit für eine gesicherte Zukunft in fünfter Generation.
„Ich würde alles noch mal so machen.“
Eveline Ziegler, Seniorchefin der Metzgerei
Neben dem baulichen Zustand des Gebäudes sei auch das veränderte Kundenverhalten ein Problem, sagt Eveline Ziegler. Immer mehr Menschen gingen in den Supermarkt. Trotz allem blickt sie ohne Bitterkeit zurück. „Ich würde alles noch mal so machen“, sagt die immer freundliche Chefin, die den Laden über Jahrzehnte geprägt hat und sich stets auf ihre Familie und treue Mitarbeiter verlassen konnte.
Was bleibt, sind Erinnerungen: an eine urige Zeit in Metzgerei und Gasthaus, an volle Stuben, an ehrliches Handwerk. Für die Familie Ziegler, ihre Kinder und Enkel endet ein Kapitel – eines, das Oberstenfeld über Generationen begleitet hat. Und auch wenn nun die Lichter ausgehen, bleibt das Gefühl, dass hier mehr war als ein Betrieb: Es war ein Stück Heimat.