Nach der Hinrunde noch Tabellenzweiter, macht der Filderclub nun einen Cut. Der Vereinschef Andreas Stäbler sagt: „Vom Verstand her bleibt uns keine andere Wahl.“
Es ist ja schon eine Ironie des Schicksals, dass beide Begebenheiten am Samstag dann auf denselben Abend gefallen sind: Während die Ringer der SG Weilimdorf ihren Regionalliga-Meistertitel und wahrscheinlichen Bundesliga-Aufstieg feierten, trat nur rund zehn Kilometer Luftlinie entfernt Andreas Stäbler für den bisher schwersten Moment seiner Funktionärskarriere vors Mikrofon. Der Vereinschef des Weilimdorfer Staffelrivalen KSV Musberg hatte den eigenen Fans eine bittere Nachricht zu überbringen. Diese lautet: Auch die Musberger werden nächstes Jahr nicht mehr in der Regionalliga antreten – allerdings aus einem ganz anderen Grund als der erfolgreiche Lokalrivale aus dem Stuttgarter Norden. Sie ziehen ihre Mannschaft zurück. Peng. Aus. Schicht im Schacht. „Es ist eine Entscheidung, die sehr weh tut, aber vom Verstand her gemacht werden muss“, sagt Stäbler.
Für die Saison 2026 wird es für den Filderclub damit im Fahrstuhl drei Etagen nach unten gehen: von Deutschlands dritthöchster Klasse in die drittunterste, nämlich die Landesliga. Auf den Startplatz, den die zweite Mannschaft dort mit ihrem aktuellen Aufstieg gerade erkämpft hat. Team zwei wird also quasi zu Team eins. In den tabellarischen Fußnoten ist in einem solchen Fall für gewöhnlich von einem „freiwilligen Rückzug“ die Rede. Wobei es mit dem Begriff „freiwillig“ so eine Sache ist. Aus Stäblers Sicht ließen die Umstände keine andere Wahl. Zumindest dann nicht, „wenn man als Verein verantwortungsbewusst handelt“ – und man „nicht Gefahr laufen will, dass das Ganze in zwei, drei Jahren gegen die Wand fährt“.
„Ein trauriges Thema. Aber aus personellen und finanziellen Gründen macht alles andere keinen Sinn mehr“, sagt Stäbler. Schon in den vergangenen beiden Jahren sei man am Limit unterwegs gewesen. Nun hätte sich die Situation zugespitzt. In André Ehrmann hat am Wochenende beim Saisonabschluss-13:14 gegen Tennenbronn ein weiteres Urgestein seine Karriere beendet. Bei zwei anderen Oldies, Stefan Stäbler und Andreas Böpple, die schon in dieser Runde nur noch sporadisch aushalfen, geht die Tendenz in die gleiche Richtung. Und von den Jungen, der internen nächsten Generation? Wäre es für die einen wie Julian Kellermann und Robin Bauer ob ihres Studiums schwierig bis unmöglich geworden, das für die Regionalliga nötige Pensum noch zu leisten, und sind die anderen aus dem eigenen Nachwuchs schlicht noch nicht so weit. Regionalliga, das ist dann halt auch nicht mehr bloßes Hobby, das sich mal kurz zwischendurch in den Terminkalender lupfen lässt – bei vier bis fünf Trainingseinheiten pro Woche geht es in Richtung Leistungssport.
Heißt: Die Musberger wären vor einem Kaderproblem gestanden. „Wir hätten noch zwei, drei Externe mehr holen müssen“, sagt Stäbler. Damit aber hätte a) die gewollte Mischung nicht mehr gepasst – jene, immer mit zumindest zur Hälfte eigenen Kräften auf die Matte zu gehen. Auch eine Frage der Identifikation zwischen Fans und Team. Und b) wäre es auf diese Weise natürlich auch noch einmal teurer geworden. Genauer formuliert: zu teuer.
In der Landesliga soll nun ein Neuaufbau erfolgen. Der Kaderplan: ein paar verbleibende Kräfte wie die erwähnten Kellermann und Bauer, dazu die Leistungsträger der bisherigen Zweiten, dazu einige Talente der heimischen Schmiede, denen auf dieser tieferen Ebene ein sportliches Heranreifen in Ruhe möglich sein soll. Wohl wie Ehrmann ihren letzten Musberger Kampf bestritten haben dagegen ein Andre Timofeev (14:1 Saisonsiege), Asis Isaev oder Malte Ziegler. Sie, klar, werden sich höherklassige neue Vereine suchen. Denkbar, dass die ein oder andere Spur nach Weilimdorf führen wird.
Noch offen ist, was auf der Trainerposition geschieht. Ringen in Musberg ohne Markus Scheibner? Eigentlich unvorstellbar. Doch macht der Coach keinen Hehl daraus, dass ihn die aktuelle Entwicklung schlucken lässt. Nach einer Wirbelsäulenoperation derzeit auf Reha in Bad Saulgau, kündigt er an: „Ich werde mir über Weihnachten meine Gedanken machen.“ Eigentlich habe er ja gedacht gehabt: „In der Regionalliga fühlen wir uns ganz wohl.“
Der dritte nicht sportliche bedingte Absturz
Nun kommt alles ganz anders. Für Scheibner und das Musberger Ringen allerdings nicht zum ersten Mal. Seit 18 (!) Jahren ist der Trainer am Turnerweg im Amt. Wollte man seine Bilanz seismografisch festhalten, verblasste daneben jede Erdbeben-Kurve: Sieben Aufstiegen steht seit Samstag ein bereits dritter nicht sportlich bedingter Absturz gegenüber. 2011 der Rückzug aus der Bundesliga, 2014 der Rückzug aus der Oberliga, in diesen beiden Fällen noch unter dem Dach des TSV Musberg. Und jetzt das Regionalliga-Aus.
Seinerzeit kehrten die Musberger mit zeitlichem Abstand jeweils gestärkt zurück. Jeweils mit einem Scheibner, der dennoch die Treue hielt. Beides auch dieses Mal?