Hans-Dieter Feil baute sich nach vielen Schicksalsschlägen ein neues Leben auf. Als ihm die Räumung drohte, fand er unerwartet Hilfe. Die Geschichte einer besonderen Rettung.
Die Aussage ist eindrücklich: „Unsere Sprechstunden sind voll“, sagt Reiner Knödler. Der Geschäftsführer der Wohnungsnotfallhilfe Ludwigsburg hat in seinem Team der Fachstelle Wohnungssicherung sieben sozialpädagogische Mitarbeitende. Sie sind kreisweit unterwegs, um Menschen vor der Obdachlosigkeit zu bewahren – und sie alle seien zeitlich massiv eingespannt.
Stattdessen sitzt nun Hans-Dieter Feil mit am Tisch. Der 68-Jährige wandte sich an die Wohnungsnotfallhilfe, bevor er auf der Straße beziehungsweise in einer Obdachlosenunterkunft landet. Seine Beraterin unterstützte ihn dabei, seine anderthalb Zimmer große Wohnung zu behalten und steht ihm unverändert zur Seite. „Ich bin der Frau so dankbar“, sagt Hans-Dieter Feil. Er habe seine Situation nicht mehr ausgehalten. „Ich habe nicht mehr weitergewusst.“ Seine Hände, übersät mit Ausschlag, zeugten damals vom enormen Stress.
Hans-Dieter Feil aus Ludwigsburg: Gefängnis war „Sprungbrett in ein neues Leben“
Hans-Dieter Feil, der einige Schicksalsschläge hinter sich hat, lebte erst seit dem Jahr 2019 in seiner ersten eigenen Wohnung, auf 43 Quadratmetern in der Ludwigsburger Innenstadt, als ihm wegen Mietschulden von rund 4400 Euro die Kündigung samt einer Räumungsklage drohte. „Das Geld war immer knapp“, erzählt Hans-Dieter Feil. Er habe über seine Verhältnisse gelebt. Der Ludwigsburger spricht offen über sich und sein Leben, das ein ständiges Auf und Ab war.
Als Kind wuchs er im Waisenhaus auf, später lebte er auf der Straße und bei Schaustellern. Er rauchte, er trank Alkohol, teils „bis zum Umfallen“. Insgesamt zehn Jahre lang saß er im Gefängnis. Weil er als Jugendlicher kriminell wurde und Autos aufbrach, Einbrüche, Diebstahl und Raub beging, Urkunden fälschte. Im Jahr 1990 wurde Hans-Dieter Feil wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen – und war seitdem nicht mehr im Knast. Er wollte sein Leben auf die Reihe kriegen. Das Gefängnis bezeichnet er rückblickend als „Sprungbrett in ein neues Leben“.
Die ersten eigenen vier Wände in Ludwigsburg: „Das war ganz geil“
Die Wohnungsnotfallhilfe organisierte ihm nach der Entlassung Unterkünfte in Wohngemeinschaften, zuletzt lebte er mit zwei Junkies unter einem Dach. Bei der Stadt Ludwigsburg bekam er einen Job als Straßenreiniger und damit ein geregeltes Einkommen. Dann, vor ungefähr sieben Jahren, zog eine Freundin aus ihrer Wohnung aus – Hans-Dieter Feil durfte ihr Nachfolger sein. Er lacht. „Das war ganz geil“, antwortet er auf die Frage, was für ein Gefühl das war. Die eigenen vier Wände – endlich hatte er es geschafft. „Es ist schwierig, eine Wohnung zu finden“, sagt er mit Blick auf den angespannten Immobilienmarkt. Doch dann – „kam wieder eine Krise“.
Vor etwa zwei Jahren ging Hans-Dieter Feil in Rente. Da ist das Geld noch knapper geworden. Bei der Bank hatte er einen Kredit über 20 000 Euro aufgenommen, den er nicht mehr zurückzahlte. Statt Rechnungen zu begleichen, leistete er sich Sachen, die sonst nicht drin waren im schmalen Budget. Obendrein habe die Bank drei Mal seinen Lohn einbehalten.
Die unbezahlten Rechnungen für Strom und Wasser wurden immer mehr und höher, von den Mietschulden ganz zu schweigen. „Ich habe alles weggedrängt“, sagt Hans-Dieter Feil. Aufs Amt zu gehen, davor habe er sich lang gescheut. Als er es irgendwann tat, sei er dort nicht weitergekommen.
Wohnungsnotfallhilfe Ludwigsburg tilgt die Mietschulden über Spenden
Die Wohnungsnotfallhilfe beziehungsweise die Fachstelle Wohnungssicherung hat ein umfangreiches Netzwerk. Sie kooperiert mit dem Jobcenter und dem Sozialamt. Aber auch mit Haus und Grund, einem Verband für private Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer sowie dem Mieterbund und der Wohnungsbaugesellschaft Ludwigsburg. Die Fachstelle berät Betroffene und versucht, ihre Wohnungen zu sichern. Zudem hilft sie bei der Wohnungssuche, informiert Ordnungsämter über anstehende Räumungen und begleitet Betroffene beim Übergang in die Obdachlosigkeit.
- Im Jahr 2025 wurden 516 Haushalte (Vorjahr: 518) beraten
- 406 Fälle wurden beendet
- Davon konnten 86 Prozent positiv abgeschlossen werden
- Sprich: 349-mal wurde Wohnungslosigkeit verhindert
Im Fall von Hans-Dieter Feil wurden die Miet- und Energieschulden letztlich dank Spenden getilgt: über einen Hilfsfonds der Landeskirche sowie die Aktion „Hilfe für den Nachbarn“ der Stuttgarter Zeitung.
Der Geschäftsführer Reiner Knödler sagt: „Unser Ziel ist es, frühzeitig zu erfahren, dass jemand Stress mit seinem Vermieter hat.“ Als Hauptgründe für drohenden Wohnungsverlust nennt er Mietzahlungsschwierigkeiten (34,1 Prozent), gefolgt von Kündigung wegen Eigenbedarfs (17,4 Prozent). Mietzahlungsrückstand sei am ehesten zu lösen. „Die meisten Vermieter sind froh, wenn sich jemand von uns bei ihnen meldet.“
„Als Rentner sollte man keine Schulden machen“
Nachdem die Mietschulden beglichen waren, sei von ihm eine große Last abgefallen, sagt Hans-Dieter Feil. „Jetzt bin ich besserer Zuversicht.“ Er sagt auch: Was passiert ist, sei ihm eine Lehre gewesen. „Als Rentner sollte man keine Schulden machen.“ An diesem Vorsatz will er festhalten. Schließlich will er „bis zum Ableben“ in seiner Wohnung bleiben. Gerne würde er auch noch weiter in der Reinigungsbranche arbeiten.
Laut dem Wohnungsnotfallhilfe-Chef Knödler sind die Zeiten vorbei, in denen der „klassische Wohnungslose“ männlich und 50 Jahre als sei. Nun seien deutlich Jüngere ebenso betroffen wie zunehmend Ältere. „Das Gros unserer Kunden ist aus normalen bürgerlichen Verhältnissen. Besonders schlimm ist, dass sehr viele Kinder von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder schon obdachlos.“
10 000 wohnungslose Menschen
Beginn
Zurzeit arbeiten sechs Beraterinnen und ein Berater in 32 der 39 Kommunen des Kreises Ludwigsburg, darunter in Gerlingen, Korntal-Münchingen und Hemmingen. Sie sind in Teilzeit tätig und bieten neben der offenen Sprechstunde vor Ort Kontakt per E-Mail und Telefon an. Finanziert werden sie von den Kommunen, die auch für die Unterbringung von wohnungslosen Menschen zuständig sind. Die Fachstelle Wohnungssicherung startete 2016 als Projekt mit Ludwigsburg, Kornwestheim, Besigheim und Korntal-Münchingen. Die Arbeit wurde bis Ende 2021 weitgehend aus Mitteln der EU sowie der beteiligten Kommunen finanziert.
In Not
Kreisweit wohnen 6685 Menschen in Notunterkünften. Die Hälfte lebt dort länger als zwei Jahre. „Erfahrungsgemäß muss man noch mindestens halb so viele Menschen dazu zählen, die sich so durchschlagen“, sagt Reiner Knödler. Die tatsächliche Zahl an Wohnungslosen liege bei geschätzt 10 000.
Plätze
Die Wohnungsnotfallhilfe betreut in fünf Einrichtungen mehr als 180 Menschen. Sie hat unter anderem 80 Wohnplätze in Apartments und Drei-Zimmer-Wohngemeinschaften.