Die Polizei lässt nach einer Razzia einen illegalen Glücksspielautomaten abtransportieren. Allerdings werden auch viele legale Geräte abgebaut. Foto: Friedrich/7aktuell.de | Friedrich

Zwei von drei Spielhallen in Stuttgart müssen schließen. Im Rest des Landes sieht es nicht anders aus. Die betroffenen Unternehmer sprechen von Enteignung. Aber nutzen die Maßnahmen dem Spielerschutz?

Über dem Eingang steht in großen goldenen Buchstaben „Glückspilz Casino Lounge“. Bis vor Kurzem war hier am Kaufland in Überlingen-Nussdorf, einen Steinwurf vom Ufer des Bodensees entfernt, eine große Spielhalle beheimatet. Tatsächlich waren es sogar vier. Doch drei Konzessionen musste Dirk Fischer zurückgeben. Von den einst 46 Spielautomaten sind nur zwölf übrig geblieben. Ob sich das Umfeld für den Einkaufsmarkt dadurch verbessert hat, ist Ansichtssache. Die ehemalige Casinofläche wird jetzt von einer Shishabar belegt.

 

Fischer ist Chef des baden-württembergischen Automaten-Verbands. Sowohl als dessen Vorsitzender als auch als Geschäftsführer des vom Vater aufgebauten Unternehmens hat er immer wieder mit Schließungen zu tun. „Das Gewerbe befindet sich in einem gewaltigen Umbruch“, sagt Fischer. Und das hat nicht unbedingt mit der wirtschaftlichen Lage der betroffenen Standorte zu tun. In Überlingen-Nussdorf liefen die Geschäfte ordentlich. Doch es sind die gesetzlichen Vorgaben, die zur Schließung zwingen. Nicht weniger seiner Standeskollegen fühlen sich regelrecht enteignet.

500 Meter Abstand zu Schulen

Hintergrund ist das Landesglücksspielgesetz. Für Fischer ist es eines der härtesten in Deutschland, seit vor zwölf Jahren der Glücksspielstaatsvertrag verabschiedet wurde, der dem Spielerschutz eine größere Bedeutung beimessen wollte. 500 Meter Mindestabstand zu Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen sind in Baden-Württemberg jetzt Pflicht. Beim Cannabiskonsum reichten 200 Meter, sagt Fischer. Und auch von Spielothek zu Spielothek muss der Abstand 500 Meter betragen. Da wird der Platz in manchen Städten ziemlich knapp. Eine Mehrfachkonzession wie in Nussdorf ist ohnehin nicht mehr zulässig.

Die Vergnügungssteuer bricht ein

Der Wandel spiegelt sich in den Zahlen. Vor zehn Jahren gab es im Land 1860 Konzessionen, heute seien es nur noch 1100, sagt Fischer. Doch das ist noch lange nicht das Ende. Denn seine volle Kraft wird das Gesetz erst in den kommenden Monaten entfalten, wenn die Übergangsfristen auslaufen. Laut einer Antwort des baden-württembergischen Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage des Stuttgarter FDP-Abgeordneten Friedrich Haag waren von einst 117 Spielhallen in der Landeshauptstadt im Jahr 2023 noch 91 in Betrieb. 67 von ihnen werden in den kommenden Monaten wegen der Abstandsregelung noch schließen müssen. In Pforzheim bleiben von ursprünglich 52 Spielhallen nur fünf übrig. Im Kreis Ludwigsburg sinkt die Zahl von einst 81 auf 25. In Heilbronn und Umgebung sind schon jetzt von 127 Spielcasinos nur noch 36 in Betrieb.

In den Rathäusern wird die Entwicklung keineswegs nur freudig registriert. In aufwendigen und vor allem gerichtsfesten Auswahlverfahren müssen die Kommunen entscheiden, welcher Betreiber seine Konzession behalten darf und wer vom Markt verschwinden muss. Gleichzeitig sinkt das Vergnügungssteueraufkommen. So kassierte die Stuttgarter Kämmerei 2022 noch mehr als 20 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren es in den ersten neun Monaten nur noch 13 Millionen.

Alles für den Spielerschutz

„Wer hat schon einmal einen Spieler auf ein problematisches Spielverhalten angesprochen und nach Hause geschickt?“ Tilman Weinig steht in einem Raum im Stuttgarter Hospitalhof und schult künftige Servicekräfte im Automatengewerbe. Dass sich unter den 20 Anwesenden nur eine Frau – eine Wiedereinsteigerin – meldet, ist mangels einschlägiger Berufserfahrung bei den anderen natürlich kein Wunder. Doch eine aufmerksame Servicekraft sei wichtig, sagt der Präventionsexperte der Evangelischen Gesellschaft (Eva). Sie müsse eingreifen, wenn jemand gefährdet sei. Deshalb hält er die Pflichtschulungen auch für wichtig. „Durch die Seminare ist viel passiert. In der Branche gibt es mittlerweile ein großes Wissen“, sagt er. Richtig sei allerdings auch: „Aus der Perspektive der Suchthilfe ist eine Verknappung des Angebots gut.“

Höchstgewinn liegt bei 200 Euro

Doch wie weit soll man dabei gehen? Beim Automatenverband ist man sich sicher, dass die Grenze längst erreicht ist. In einer konzessionierten Spielhalle ist der Maximalverlust pro Stunde auf 60 Euro beschränkt, der Höchstgewinn auf 400 Euro – alles zum Schutz der Spieler. „Dass sich für einen Spieler an einem Nachmittag das Leben komplett verändert, ist bei uns ausgeschlossen“, sagt Dirk Fischer vom baden-württembergischen Automaten-Verband. All diese Auflagen seien in der Branche längst unumstritten. „Wir haben viel dazugelernt.“ Doch die fortschreitende Ausdünnung des Angebots begünstige die Entstehung illegaler Angebote, bei denen weder Steuern gezahlt würden noch Spielerschutz betrieben werde.

Starke Zunahme bei illegalen Angeboten

Ob dem so ist, lässt sich anhand der Kriminalitätsstatistik nur schwer belegen. Für das Jahr 2022 wies sie landesweit 209 Straftaten im Zusammenhang mit unerlaubtem Glücksspiel aus, das wäre im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme um 34 Prozent – allerdings insgesamt auf niedrigem Niveau.

Wird irgendwo stärker kontrolliert, entwickelt sich der entsprechende Landkreis schnell zu einem vermeintlichen Schwerpunkt des illegalen Glücksspiels – so wie der Landkreis Ludwigsburg, wo 2022 gleich 43 Fälle gezählt wurden. Hintergrund waren Gaststättenkontrollen. In Heilbronn wurde vergangene Woche bei einem Verein eine illegale Spielhölle ausgehoben, zuletzt standen dort aber überhaupt keine Fälle in der Statistik. Sowohl bei Beteiligten als auch bei Zeugen bestehe eine geringe Anzeigenbereitschaft, stellt das Innenministerium fest. Es sei „von einer nicht unbeachtlichen Dunkelziffer auszugehen“.

Corona wirkte heilsam

Spielsucht
Laut einer Studie von 2021 sind 2,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland von einer Störung durch Glücksspiel betroffen. Weitere 5,7 Prozent weisen erste Symptome für riskantes Glücksspielverhalten auf. In den vergangenen zwölf Monaten spielten 34,7 Prozent der Männer und 24,5 Prozent der Frauen mindestens einmal um Geld.

Rückgang
Die Suchtberatungsstellen verzeichnen seit 2018 einen leichten Rückgang der betreuten Menschen mit der Diagnose Pathologisches Glücksspiel. Vor allem die Coronapandemie wirkte dämpfend. Auch Studien legen nahe, dass ein Großteil der Spielenden nicht auf Onlinespiele auswich, sondern die Einschränkung des Angebots während der Lockdowns zum Pausieren nutzte.