Freiwilliger Abgang: Roy Fischer schließt sein Sportgeschäft. Foto: factum/Weise

Nach 26 Jahren hört Roy Fischer als Sporthändler in Ludwigsburg auf. Am Samstag ist sein Laden in der Stuttgarter Straße zum letzten Mal geöffnet. In dem Geschäft geht es aber überraschend weiter.

Ludwigsburg - Seit die riesigen Rabattplakate in den Scheiben hängen, kommt es vor, dass Roy Fischer getröstet wird. Von Stammkunden, die denken, Roy Fischer muss sehr, sehr traurig sein. Weil er seinen Laden schließt, den Tempomacher in der Stuttgarter Straße. Und weil er damit nach fast drei Jahrzehnten in der Ludwigsburger Einzelhandelsszene nicht mehr Teil von ihr sein wird. Und, was wohl der Kern des Trostreflexes ist, weil so einem Ende halt schon immer auch der Geschmack des Scheiterns anhaftet. Roy Fischer jedoch sagt: „Ich flenne nicht! Ich freue mich!“

Und nach allem, was speziell in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, klingt das sogar plausibel. Fischer freut sich auf seine neue Freiheit.

Sportexperte statt Wirtschaftsingenieur

Roy Fischer studiert Wirtschaftsingenieurwesen und träumt von einer Karriere bei Daimler. Nebenher jobbt er in einem Sindelfinger Sportgeschäft. Roy Fischer, der nach dem Tennisspieler Roy Emerson benannt ist und erfolgreich Leichtathletik betreibt, macht die Arbeit Spaß – und er macht sie so gut, dass die Inhaber mit ihm zusammen eine Dependance in Ludwigsburg gründen. Der Betrieb läuft nicht wie erhofft, die Wege des Trios trennen sich. Doch Fischer, der aus Marbach stammt, übernimmt den Laden in der Lindenstraße, nennt ihn Roy Sports und startet durch.

Das war im Mai 1994. Damals sind Laufbandanalysen etwas Besonderes, die Kunden schätzen kompetente Beratung und erwarten noch nicht, dass alles günstiger und schneller geht. Roy Fischer erfindet zuerst einen Duathlon und dann den Citylauf – und wächst und wächst und wächst. Er zieht an den Holzmarkt, dann in den ehemaligen Dürr am Marktplatz und wird schließlich Untermieter bei Lotter.

Rekord im Jahr 2010

Als einen der schönsten Momente in seinem Einzelhändlerleben hat Roy Fischer die Eröffnung seines neues Ladens im Lotter in Erinnerung. Das war im Herbst 2006: 1000 Quadratmeter! Bei der Eröffnung hilft die gesamte Familie, der halbe Gemeinderat ist da. Fischer, der Familienunternehmer, Fischer, der Ludwigsbürger. „Das fühlte sich wie ein halber Ritterschlag an“, sagt der Vater von vier Kindern heute.

Die neue Größe verpflichtet. Aus dem Spezialist wird ein Generalist. Statt Rennrädern, Lauf- und Triathlonklamotten gibt es bei Roy Sports nun auch Outdoorequipment, Tischtennisplatten und Knieschoner für Volleyballspieler. Fischer unterhält ein riesiges Warenlager, erstellt Dienstpläne für bis zu zwölf Mitarbeiter, ist viel im Büro, kaum noch im Laden. Der Umsatz scheint ihm recht zu geben. Im Rekordjahr 2010, erinnert sich Fischer, erwirtschaftet sein Laden mehr als zwei Millionen Euro.

Der Tod eines Freundes ändert alles

Dass die Geschäfte nicht so glänzend weitergingen, Roy Sports letztlich sogar pleite ging, ist eine lange Geschichte, die mit Geld, Banken und Tod zu tun hat. Kurz zusammengefasst erzählt sie Roy Fischer so: Für seine Expansion benötigte Fischer viel Geld, für das ein väterlicher Freund eine Bürgschaft übernahm. Als der Freund 2011 überraschend stirbt, fordern die Banken die Kredite zurück. Fischer müht sich, die Schulden nach und nach abzuarbeiten – und als er es im Jahr 2015 fast geschafft hat, erfährt er, dass sein Mietvertrag nicht verlängert wird, weil Lotter die Fläche wieder selbst bespielen will. Bis Fischer in der Stuttgarter Straße eine neue Heimat findet, vergehen drei Monate. Drei Monate ohne Einnahmen, drei Monate ohne Schuldentilgung: das Ende von Roy Sports.

„Total ins Klo gegriffen, aber keiner kann so richtig was dafür“, bilanziert Roy Fischer, der allerdings einen Neubeginn wagte. Mit zwei Geld gebenden Partnern gründete er vor rund zwei Jahren das neue Sportgeschäft Tempomacher. Dass er nun tatsächlich aufhört, dieses Mal selbstbestimmt, wie der 53-Jährige betont, liege hauptsächlich daran, dass er etwas „amtsmüde“ geworden ist, nicht mehr mit so viel Herzblut dabei sei, wie früher.

Große Pläne für die Zukunft

Man muss bei Roy Fischer immer etwas auf der Hut sein. Er sagt manchmal Dinge, die sich als nicht sonderlich wahr erweisen. Zum Beispiel stellte er voriges Jahr einen zweiten Triathlon in Ludwigsburg in Aussicht, ohne dass jemand offiziell davon wusste – und musste prompt zurückrudern. Ebenfalls im vorigen Jahr startete er einen Räumungsverkauf, weil er in die Innenstadt umziehen wollte, ohne dass der neue Mietvertrag unterschrieben war – er wurde es auch nicht. Dass Fischer mit seiner Entscheidung nun zufrieden ist, wirkt allerdings glaubhaft. „Ich werde weiter viel arbeiten, aber anders“, sagt er.

Roy Fischer will Events organisieren, dabei weiterhin den Citylauf. Er will wieder mehr Wettkämpfe moderieren. Und er will Athleten trainieren. Sein neues Büro wird er in der Ludwigsburger Südstadt eröffnen. In seinem bisherigen, das er am Samstag schließt, nimmt zu seiner eigenen Überraschung ein Kollege Platz. Er wird im Februar ein neues Sportgeschäft eröffnen.

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