Der Autozulieferer Eberspächer beendet die Produktion an seinem Firmensitz in Esslingen. Dies bleibt wohl keine Ausnahme. Denn das Konjunkturhoch der vergangenen Jahre hat bei etlichen Unternehmen die Probleme zugedeckt, meint Inge Nowak.
Stuttgart - Für Esslingen ist es zweifellos eine Zäsur. Mehr als 85 Jahre lang hat das Familienunternehmen an seinem Firmensitz Standheizungen entwickelt und produziert. Jetzt wird die Fertigung geschlossen, weil sie schon seit Jahren nicht mehr wirtschaftlich war – und ins billigere Polen verlagert. Es ist der zweite Schritt. Bereits 2015 hat Eberspächer einen Teil der Fertigung aus ebendiesen Gründen an den osteuropäischen Standort verlagert. Nur die Entwicklung soll in Esslingen bleiben.
Für die Betroffenen, ja für den gesamten Standort ist dies ein herber Schlag. 300 Jobs fallen weg. Es sind Industrie-Arbeitsplätze, die den vielen Politiker-Reden zufolge doch so wichtig für den hiesigen Standort sind. Zurück bleiben die besonders hoch qualifizierten Ingenieure. Doch kann die Trennung von Produktion und Entwicklung überhaupt funktionieren? Oder droht auch ihr in wenigen Jahren die Verlagerung? Diesen Zusammenhang gebe es im digitalen Zeitalter eher nicht mehr, sagen Experten. Auch die Gewerkschaft räumt dies ein. Und Eberspächer praktiziert das ja auch bereits. In Esslingen werden beispielsweise Abgassysteme entwickelt, die dann im saarländischen Neunkirchen gefertigt werden.
Es gibt weitere Sorgen
Dennoch ist die Sorge nicht unbegründet. Denn Länder wie Polen sind beileibe keine billigen, verlängerten Werkbänke mehr, die nur Masse können. Die Mitarbeiter sind qualifiziert, die Produkte, die sie herstellen, sind qualitativ hochwertig. Man braucht kein Prophet zu sein – auch diese Länder werden sich zunehmend ihren Platz als Entwicklungsstandorte erkämpfen. Schuld an der Entwicklung ist nicht das Coronavirus. Doch die Pandemie hat die Esslinger Entscheidung beschleunigt. Und es ist zu befürchten, dass Eberspächter nicht das einzige Unternehmen mit strukturellen Problemen bleiben wird.
Durch die jahrelange Boomphase mit prall gefüllten Auftragsbüchern sind in vielen Firmen zweifellos einige Probleme nicht angegangen worden. Die dürften nun aufgearbeitet werden und wohl einige böse Überraschungen bieten – vor allem dann, wenn die Konjunktur wieder eher langsam Fahrt aufnimmt.
inge.nowak@stzn.de