Gefördert: Fiat 600e (li., 4,17 Meter); nicht gefördert: Mercedes CLA (re., 4,72 Meter) Foto: deponti.marco@gmail.com/Stellantis / Mercedes-Benz

Die große Überraschung bei den neuen Regeln zum Verbrenner-Verbot ist die besondere Förderung bestimmter Elektromodelle. Für die Hersteller aus der Region ist sie nicht gedacht.

Die EU hat das geplante Verbrenner-Aus gekippt und will die Elektromobilität stattdessen über einen umfangreichen Katalog neuer Regeln vorantreiben. Überraschend übernimmt sie dabei die bereits in Frankreich praktizierte Idee, kleinere E-Fahrzeuge besonders zu fördern.

 

Ziel dieses Förderkonzepts ist es, E-Mobilität erschwinglich zu machen und ihre Verbreitung zu steigern. Die Maßnahmen haben zugleich eine industriepolitische Komponente und begünstigen bestimmte Hersteller – allerdings nicht alle. Denn sie kommt vor allem Massenherstellern zugute – zulasten der Premium-Autobauer, wie sie in der Region Stuttgart angesiedelt sind.

Ursula von der Leyen verkündete einst den „green deal“, der die EU klimaneutral machen soll. Foto: dpa

Länder wie Frankreich, Italien, Ungarn und Tschechien dagegen sind Sitz von Fabriken, in denen vor allem Volumenautos gebaut werden, von denen viele kleiner sind. Die neue Regel zu den kleineren E-Fahrzeugen kommt somit vor allem diesen zugute.

Kleine Autos zählen mehrfach

Die neuen Regeln ermöglichen es Herstellern kleiner E-Fahrzeuge, auch nach 2035 noch mehr Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu verkaufen als Hersteller wie Mercedes-Benz oder Porsche. Denn für kleine E-Fahrzeuge bis 4,20 Meter Länge gelten sogenannte Super-Credits: Diese Fahrzeuge werden bei der Klimabilanz somit mehrfach gezählt.

Dadurch können die Hersteller ihre CO2-Bilanzen aufbessern und mehr Benziner, Diesel, Hybride oder sogenannte Range-Extender verkaufen, bei denen ein Verbrennungsmotor an Bord die Batterie des E-Antriebs bei Bedarf auflädt. Denn die Regeln sehen vor, dass Verbrenner zwar nicht mehr verboten werden, die Hersteller ab 2035 aber nur noch zehn Prozent des CO2-Ausstoßes des Jahres 2021 in ihrer Klimabilanz haben dürfen.

Die aktuellen Modelle von Mercedes und Porsche überschreiten die Super-Credit-Grenze deutlich.

  • So misst die A-Klasse von Mercedes 4,42 Meter
  • Der neue elektrische Kompaktwagen Mercedes CLA ist 4,72 Meter lang.
  • Bei Porsche sind der Boxster und der Cayman 4,38 Meter lang
  • Der Porsche 911 misst 4,51 Meter

Viele ausländische Hersteller profitieren dagegen: Citroën, Renault und Toyota haben kompakte Modelle im Programm, die deutlich kürzer als 4,20 Meter sind. Auch Volkswagen liegt mit dem künftigen Polo-Nachfolger ID.2 unter der Grenze, während der Golf-Nachfolger ID.3 4,26 Meter misst.

Das EU-Konzept sieht darüber hinaus vor, dass CO2-Einsparungen nicht nur durch den Einsatz von E-Fahrzeugen erreicht werden können, sondern auch durch die Nutzung von umweltfreundlichem Stahl und klimafreundlichen Kraftstoffen wie synthetischen oder Biokraftstoffen. Fahrzeuge, die ausschließlich mit klimafreundlich hergestellten E-Fuels betrieben werden, erhalten jedoch keine Sonderrolle. Besonders strenge Auflagen gelten für Betreiber von Dienst- und Firmenwagenflotten, die bei der Fahrzeugbeschaffung zusätzliche Anforderungen erfüllen müssen.

Mercedes: EU geht Schritt in die richtige Richtung

Mit detaillierten Bewertungen hält sich Mercedes in einer ersten Einschätzung zurück; Bosch gab am Dienstag Abend keine Stellungnahme mehr ab. Eine Mercedes-Sprecherin erklärte, die EU-Kommission habe einen „Schritt in die richtige Richtung gemacht hin zu mehr Flexibilität für uns als Hersteller und zu der notwendigen Technologieneutralität“. Es gelte nun allerdings, den vorgeschlagenen Ansatz zur Kompensation von CO2-Emissionen genau zu analysieren – mit Blick auf den grünen Stahl und der CO2-neutralen Kraftstoffe.

VW freut sich über Kleinwagenregelung

Volkswagen äußert sich in einer ersten Einschätzung positiv und bezeichnet die Öffnung für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor bei gleichzeitiger Kompensation der Emissionen als „pragmatisch und marktgerecht“. Als „sehr positiv“ bewertet der Konzern, dass kleine Fahrzeuge künftig besonders gefördert werden sollen.

Deutlich kritischer fällt die Stellungnahme des Verbands der Automobilindustrie aus, dessen Präsidentin Hildegard Müller erklärt: „Brüssel enttäuscht mit seinem vorgelegten Entwurf.“ Die richtigerweise anerkannte Technologieoffenheit sei mit vielfältigen Hürden versehen. Dadurch drohe das Paket „in der Praxis wirkungslos zu bleiben“.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center Automotive Research in Bochum, hält die Regeln für viel zu unklar. Es handle sich um ein „Sammelsurium von Boni, Subventionen, Rechen-Tricks und Protektion. Man hätte auch gleich Geld den Autobauern geben können für die letzten 10 Prozent“, erklärt er. Es sei auch nicht klar, wie die Verrechnungen für Kleinwagen im Einzelnen aussehen. „Wie viele Kleinwagen einen Porsche 911 aufwiegen wird nicht gesagt.“