Aus dem Weltraum auf Umwegen in die deutsche Provinz

Von STN 

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Er ist ein ganz normaler Berufspendler. Abdulahad Momand braucht von Ostfildern zu seinem Job in einem kleinen Handelsunternehmen im Bus zehn Minuten. Vor über 21 Jahren war er zu seinem damaligen Arbeitsplatz ähnlich lang unterwegs. Mit einer Sojus-Rakete flog er als Kosmonaut in den Weltraum.

Von Klaus Eichmüller

OSTFILDERN. Wenn der 51-jährige Abdulahad Momand morgens im Bus über die verschneiten Felder in die Firma ruckelt, denkt er manchmal daran, wie es war, als er im Rücken statt 300 PS die Triebwerke der drei Raketenstufen der Sojus-U2 spürte. Sie katapultierte ihn 300 Kilometer hoch zur Raumstation Mir. Am 29. August 1988 startet der Afghane als Kosmonaut der Völkerfreundschaft mit seinen sowjetischen Kollegen Wladimir Ljachow und Waleri Poljakow von Baikonur aus in den Weltraum. ¸¸In der Nacht vor dem Start habe ich davon geträumt', erinnert er sich. Was dann kam, ist ihm ¸¸bis heute unvergesslich'. Die Schwerelosigkeit, der grandiose Blick auf den Planeten. ¸¸Ich war von Stolz erfüllt, dass ich Bewohner dieser Erde sein darf', sagt Momand. ¸¸Man sieht das gemeinsame Haus der Menschheit.'

In der Wohnung der Momands in der Neubausiedlung Scharnhauser Park erinnert bis auf ein Weltraumposter wenig an die große Vergangenheit. Schüchtern holt die Ehefrau Bibigul ein Modell der Raumkapsel Sojus TM-6 aus der Vitrine. Es steht auf einem Brettchen mit verschossenem rotem Samt, das Messingschild mit kyrillischen Buchstaben ist angelaufen. Verstohlen wischt die Frau ein paar Staubflusen ab. Der Höhenflug ihres Mannes ist lange her.

Anfangs deutete für Momand wenig auf eine Karriere als Kosmonaut hin. Aufgewachsen in einer Kleinstadt im Süden Afghanistans, schreibt er sich nach dem Gymnasium für ein Geologie-Studium in Kabul ein. Die Zeiten sind bewegt. Wenige Jahre zuvor, 1973, war König Mohammed Sahir durch einen Putsch seines Schwagers entmachtet worden. Als dieser 1978 nach einem Aufstand hingerichtet wird, droht ein Bürgerkrieg.

In dieser Phase soll Momand zum Wehrdienst. Um nicht in den Kleinkrieg hineingezogen zu werden, meldet er sich freiwillig zur Luftwaffe. Nachdem am 25. Dezember 1979 Truppen der Sowjetunion in Afghanistan einmarschieren, findet sich Momand plötzlich bei der Pilotenausbildung im russischen Krasnodar wieder. ¸¸Dabei war ich als junger Mensch emotional gegen die Russen eingestellt', versichert Momand. Offenbar kann er das gut verheimlichen, denn der Karriere tut das keinen Abbruch. Später wird er sogar zur dreijährigen Kommandeursausbildung nach Kiew geschickt.

Derweil neigt sich in Afghanistan die sowjetische Besatzungszeit dem Ende zu. Gorbatschow drängt auf Rückzug. Gleichzeitig hofiert die schwächelnde Großmacht seinen Noch-Verbündeten. Nach den Gastkosmonauten aus der DDR, aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Vietnam, Kuba und der Mongolei soll auch ein Afghane mit ins All fliegen. Eile ist geboten. Unter allen Piloten und Ingenieuren der Armee setzt sich Momand in mehreren Auswahlrunden durch. ¸¸Ich war gesund, ich war Pilot, und ich konnte perfekt Russisch.' Unerwähnt lässt Momand, dass er als junger Mann blendend aussieht. Groß gewachsen, schlank, dunkler Schnurrbart. Ein Typ wie Omar Sharif. Auch ein Grund, warum Momand nach der Rückkehr aus dem All in Kabul wie ein Held gefeiert wird.

Ein anderer Grund für die Heldenverehrung ist wohl auch, dass Momand während einer kritischen Landephase, als die Bremstriebwerke der Raumkapsel nicht und später nur fehlerhaft zünden, klaren Kopf behält. ¸¸Ich habe die Automatik, durch die das Antriebsaggregat weggesprengt worden wäre, per Hand abgeschaltet.' Ohne diese Aktion ¸¸wären wir für immer dort oben geblieben'. Erst 24 bange Stunden später und nach einer Neuprogrammierung des Systems gelingt die Rückkehr.

Zuvor hatte sich Momand aus der Sojus-Kapsel mit einer Friedensbotschaft an die Welt gewandt. ¸¸Ich sehe von hier oben keinen Panzer und keine Grenzen.' Sein Appell an die Welt, seinem geschundenen Land beim Wiederaufbau zu helfen, ¸¸blieb ungehört', kritisiert Momand noch heute.

Nach dem überstürzten Abzug der Russen im Februar 1989 gerät das sowjettreue Regime in Kabul in die Defensive. Als die aufständischen Mudschaheddin und Taliban 1992 Kabul erobern, muss Momand, der seit einem Jahr Vizeminister für Tourismus und Luftfahrt ist, mit Frau und Tochter fliehen. Zunächst nach Indien, dann nach Deutschland, wo ein Bruder wohnt.

¸¸Wir hatten nur unsere Kleidung und Koffer dabei', erinnert sich Momand. Fotos aus seiner Zeit als Kosmonaut und das Modell der Sojus-Kapsel kann seine Frau erst Jahre später bei einem Besuch aus dem Land schmuggeln.

¸¸Deutschland ist inzwischen meine Heimat', sagt Momand, der längst eingebürgert ist. Hier sind zwei seiner drei Kinder geboren. ¸¸Ich hätte auch nach Russland gehen können', sagt er ironisch. ¸¸Immerhin bin ich offiziell Held der Sowjetunion - und damit doch auch ein Held Russlands, oder?'

Doch eigentlich fühlen sich er und seine Familie auch als Weltbürger. Zwei Brüder leben in Deutschland, einer in Polen, eine Schwester in Dänemark, die andere in Neuseeland. Ähnlich global verteilt ist die Familie von Momands Frau.

Auf die Frage nach einer Rückkehr nach Afghanistan reagiert Momand mit beißender Ironie. ¸¸Es steht sehr gut um meine erste Heimat, es sind sogar ein paar Straßen gebaut worden.' Präsident Hamid Karsai sei ein fähiger Mann, ebenso wie viele seiner Minister. ¸¸Ein paar dieser Leute sind unermesslich reich geworden, obwohl sie sich in ihren gepanzerten Fahrzeugen nie in die Dörfer gewagt haben, um mit den einfachen Leuten zu sprechen.' Die Bilanz der Regierung beschreibt Momand so: ¸¸Vor Karsai sind in Afghanistan 20 Jahre lang Menschen gestorben, in den acht Jahren seit seinem Amtsantritt hat sich daran nichts geändert.'

Zum Abschied klingt Momand versöhnlicher. ¸¸Vielleicht kam das alles zu kritisch rüber', sagt er. ¸¸Wenn die Regierung wirklich und ehrlich meine Hilfe braucht und wenn keine Korruption im Spiel ist, dann stehe ich zur Unterstützung zur Verfügung.'

Vorläufig aber bewegt sich Momand auf einem anderen Spielfeld. Regelmäßig spielt er beim TSV Scharnhausen Volleyball. Von Höhenflügen 300 Kilometer ins All träumt er nur noch selten. Jetzt nimmt er Maß an 2,43 Meter. So hoch hängt für den sportlichen Angreifer das Volleyballnetz.

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