Michael Ende schrieb über Glücksdrachen, Wunschpunsche – aber wer ist Rodrigo Raubein? Foto: dpa

Die Fans von Michael Ende, und wer wäre das nicht, haben Grund zur Freude. Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod kommt ein bisher nur als Fragment bekanntes Buch auf den Markt: „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“. Wie geht denn das?

Stuttgart - Der Stuttgarter Thienemann Verlag ist eine Wunderkammer. Und das ist er nicht nur wegen seines ganze Kindheitswelten ausstaffierenden Programms, sondern weil er auch immer wieder neue Werke längst gestorbener Autoren hervorzaubert. Im vergangenen Jahr war es „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“, eine bisher unbekannte Episode um Otfried Preußlers Leib- und Magenfigur, die bei näherer Betrachtung allerdings dann so unbekannt doch nicht war – unter anderen Titeln hatte sie früher schon mal ihre Bahnen gezogen.

Nun kündigt der Verlag einen neuen Roman von Michael Ende an – und in der Form, in der „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“ am 15. Januar erscheinen wird, hat man es tatsächlich mit einer Premiere zu tun. Das dürfte manches Herz, verführt von Wunschpunschen und anderen fantastischen Mixturen aus der Ideenküche des großen Erzählers, höher schlagen lassen. Michael Ende hat Kinder- und Jugendliteratur geschrieben, die seine Leser ein ganzes Erwachsenenleben lang begleitet. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, „Momo“, „Die unendliche Geschichte“ sind die vielleicht jugendlichsten Erzeugnisse, die das ehrwürdige Etikett Klassiker verdienen. Und sie sind zugleich wunderbare Beispiele der eigentlich erst später erfundenen All-Age-Literatur, die keine Grenzen duldet – weder zwischen Fantasie und Wirklichkeit, noch zwischen unterschiedlichen Lebensaltern.

Ein Raubritter als Hasenfuß

1995 ist der Autor in Filderstadt gestorben. Bis zuletzt hatte er an seinem „Rodrigo Raubein“ geschrieben. Doch es blieb eine unvollendete Geschichte – bis nun ein anderer Kinderbuchautor sich des Fragments angenommen und es frei nach Ende zuende erzählt hat. Wieland Freund, mit „Krakonos“ zuletzt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, hat die hinterlassenen drei Kapitel fortgesponnen. Entstanden ist eine Geschichte, die in ihren Umrissen ein wenig an jenen berühmten Scheinriesen Herrn Turtur aus „Jim Knopf“ erinnert, der aus der Ferne wohl imposant, aus der Nähe aber ganz gemütlich erscheint. Denn bei jenem „Rodrigo Raubein“, scheinbar ein stolzer furchtloser Raubritter, handelt es sich Wirklichkeit um einen gehörigen Hasenfuß und damit um das gerade Gegenteil zu dem kleinen Knirps, dessen Erlebnishunger im umgekehrten Verhältnis zu seiner Größe steht.

Etwas diesem Erlebnishunger Vergleichbares teilt sich dem Leser gleich zu Beginn mit: „Mitten im finsteren Mittelalter, an einem Mittwoch und obendrein noch um Mitternacht, rumpelte und holperte ein hoher kastenförmiger Wagen, der von drei Eseln gezogen wurde, über eine Landstraße voller Schlaglöcher und Pfützen.“ Wieland Freund hat die auf diese Weise anhebende Reise nun nach 25 Jahren Unterbrechung ans Ziel geführt – und zwar durchaus in seinem eigenen Sinn. „Ich wollte nicht der Bauchredner Michael Endes sein, sondern meine Situation transparent machen: dass von nun an zwei Autoren diese Geschichte ,spielen‘“, sagt er über seine Vorgehensweise.

Roman Hocke, der frühere Lektor Michael Endes, der das Manuskript im Nachlass gefunden und die ersten drei Kapitel bereits in dem Band „Niemandsgarten“ publiziert hat, hält diesen Ansatz für überzeugend: „Immer wieder hat es Angebote gegeben, das weiterzuschreiben, aber erst Wieland Freunds Vorhaben hatte Hand und Fuß, weil er Michael Endes wunderschönen Anfang zu einer eigenständigen Erzählung ausgebaut hat. Dabei hat er auf behutsame Weise Motive und Themen des Autors aufgegriffen und somit eine respektvolle Hommage an Michael Ende geschaffen.“

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