Nahuel (links) und Tilman Eubel, die Söhne des Drachensammlers Foto: Auktionshaus Nagel/Auktionshaus Nagel

In den 80er Jahren hatte Paul Eubel, damals der Leiter des Goethe-Instituts in Osaka, die Idee zu einer riesigen Sammlung an Kunstdrachen. Nun wurden sie für eine rekordverdächtige Summe in Stuttgart versteigert.

Stuttgart - Das Geräusch, das die Rollen seiner Inlineskates auf dem Boden erzeugen, hallt von den Wänden und der Decke des Hangars auf der italienischen Insel Pantelleria wider. Nahuel Eubel, damals noch ein Kind, zieht seine Kreise, die Wände, die Decke sind nicht nur mehr Ton, sondern auch Farbe – Farbe, die ineinanderfließt und verschwimmt. Er schießt unter und zwischen teils papiernen Ungetümen hindurch, sie knistern im Windzug. Die Drachen bewegen sich leicht, man könnte meinen, sie wollten ihre Leinen kappen, dem Hangar entfliehen und in den Himmel steigen.

 

Doch dem Spiel wird ein jähes Ende gesetzt. „Ein Wachmann kam und verbot mir, weiter Inline zu skaten“, sagt Nahuel Eubel. „Dabei hatte mein Vater es mir erlaubt.“ Sein Vater, das war der inzwischen verstorbene Paul Eubel. Der Herr der Drachen.

Alles begann mit einer optischen Täuschung. Paul Eubel war in den achtziger Jahren der Leiter des Goethe-Instituts im japanischen Osaka. In seiner Wohnung hatte er damals einige traditionelle japanische Drachen aufgehängt. „Eines Tages spiegelte sich einer dieser Drachen in der Glasscheibe über einem Bild von Antoni Tàpies, das an der Wand hing. Für einen Augenblick sah es so aus, als habe der große katalanische Künstler einen japanischen Drachen bemalt.“

Bilder für den Himmel

Nicht nur Tàpies, sondern hundert weitere bekannte Künstler in aller Welt erhielten wenig später, im Jahr 1987, einen Brief aus Osaka, in dem Paul Eubel sie einlud, auf handgeschöpftem Japanpapier ein „Bild für den Himmel“ zu malen, also einen Drachen. Fast alle sagten zu. Schon nach einem halben Jahr war eine Kollektion von hundert Gemälden in Osaka eingetroffen.

Die besten Drachenbauer Japans wurden gewonnen, um diese Drachenhäute in unterschiedlichen Formen in fliegende Kunstwerke zu verwandeln. Am 1. April 1989 stieg die gesamte Art Kite Collection bei einer „Vernissage am Himmel“ im japanischen Himeji in die Lüfte. Danach gingen die Drachen zwölf Jahre auf Welttournee durch die wichtigsten Museen. Unterwegs kamen neue Drachen hinzu. Die Ausstellung war auch in Chile, dort lernte Paul Eubel seine spätere Frau kennen, ebenfalls eine Malerin. Das Paar bekam zwei Söhne: Tilman und Nahuel.

Über drei Millionen Besucher sahen die Drachen. Später zog Eubel samt Drachen und Familie nach Italien. Im Juli 2010 starb er und hinterließ die Drachen seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Lange Zeit ruhten die Papierarbeiten verpackt in Überseecontainern in einem Lager. Bis vor Kurzem. Denn nun wurde die gesamte Sammlung beim Stuttgarter Auktionshaus Nagel versteigert.

Die Drachen kommen

23. September 2021. Ein riesiger Lkw samt Anhänger steht seit ein Uhr nachts im Hinterhof des Auktionshauses Nagel in der Stuttgarter Neckarstraße. Die beiden Fahrer hatten am Vortag in Köln die versicherte Fracht verladen. „Das Problem war, dass die Rahmen mit den Drachen darin alle verschiedene Größen haben – wir mussten mit dem Maßband arbeiten. Zudem sind das schöne Sachen, da muss man vorsichtig sein“, sagt einer der Fahrer. Nun, um 9 Uhr morgens, sind sie längst wieder am Entladen.

Etliche der „schönen Sachen“ stehen bereits im Hof, darunter eine Kiste mit einem Drachen von Thomas Lenk. „Das ist einer, der sich auseinanderschichtet“, sagt Gerda Lenßen-Wahl, Leiterin der Abteilung Moderner und Zeitgenössischer Kunst beim Auktionshaus Nagel. Sie läuft zwischen den Rahmen hin und her, linst in jenen, schiebt den anderen zur Seite. Ein Fahrer lädt ein rundes, längliches Paket aus. „Was haben Sie da?“, fragt Lenßen-Wahl. Antwort: „Keine Ahnung.“ – „Das ist wie Weihnachten.“

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Zu den ersten Drachen, die entladen werden, gehört der von Gerhard Richter. Auch den Drachen von Horst Jansen entdeckt Lenßen-Wahl, er ist 2,5 auf 6 Meter groß, aber in der Mitte faltbar. „Die Größen und Formate sind so unterschiedlich: Der kleinste Drachen misst etwa 80 auf 60 Zentimeter, der Größte fast sechs auf vier Meter“, sagt Lenßen-Wahl. Die Drachen des Stuttgarters Otto Herbert Hajek nimmt sich mit seinen knapp zwei auf zwei Metern fast klein aus.

Rund 140 Drachen – die in zwei weiteren Lastern angeliefert werden – müssen nun in die leer geräumte 400 Quadratmeter große zweite Etage des Auktionshauses transportiert werden. Abenteuerliche Szenerien entstehen im Kopf von Lenßen-Wahl: Wäre es möglich, die großen übers Fenster reinzubringen? Am Ende geht es dann doch über den Aufzug, allein die zwölf größten Drachen müssen im Untergeschoss bleiben.

Die Drachen hängen

17. November 2021. In der zweiten Etage im Auktionshaus Nagel hängen Drachen: an Stangen, an Seilen. „Wir haben uns die Seil-Hängung extra überlegt, da uns die Stangen ausgegangen sind. Da mein Assistent Segler ist, konnte er Knoten machen, die nicht verrutschen“, sagt Gerda Lenßen-Wahl. Sie läuft zwischen den Drachen hindurch, bleibt dort stehen und zeigt etwas, hält da an, um etwas zu erklären. „Dieser Drachen ist mit Geldscheinen bestückt: In jedem Land, in dem er ausgestellt war, hat der Museumsdirektor einen Schein dran geheftet.“

Viele der Drachen sind signiert und leicht zuzuordnen, drei Drachen jedoch nicht. Nun ist es an Lenßen-Wahl herauszufinden, wer die Drachen gemalt hat. „Ich gehe dabei über die Literatur. Zudem liegen die Presseartikel von den verschiedenen Stationen vor. Das ist echte Detektivarbeit.“ Sie will möglichst viel über das Projekt wissen, „alles was wir zusätzlich erfahren, kann für den Verkauf nur förderlich sein“. Deshalb kontaktiert sie die Künstler. Doch viele sind bereits verstorben.

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Ihr Blick streift einen Drachen von Eberhard Fiebig, einem deutschen Bildhauer: „Der wird eher günstig.“ Die Preise zu bestimmen sei schwierig, denn „es gibt nichts Vergleichbares, ich weiß nicht, wer der Käufer sein könnte“, sagt Lenßen-Wahl. Wenngleich sie glaubt, es könnten Sammler sein, die Außergewöhnliches wollen: „Für mich sind das nicht in erster Linie Drachen, sondern Wandbilder.“ Weitere Aspekte sind etwa der Marktwert des Künstlers oder die Qualität des Werkes. „Der Markt macht die Preise. Ich muss den Markt weltweit recherchieren, denn ich prophezeie, dass wir wenig Drachen in Deutschland verkaufen werden.“ Dafür rechnet sie mit Interessenten aus Asien: „Für Asiaten ist der Drachen etwas Besonderes, der Drachenbau hat eine lange Tradition und einen gewissen Stellenwert.“

Der nächste Drachen, zu dem sie schnellen Schrittes geht, ist eigentlich gar keiner. „Die Drachenschnüre trägt er eher alibimäßig, er war einer der Drachen, die nicht in die Luft gingen – dazu ist er viel zu schwer.“ Trotzdem ist der Drachen von Kazuo Shiraga das Top Lot „Der hat richtig Potenzial.“ Bemalt ist der Drachen ihm für den Künstler typischer Stil: An einem Seil hängend malt der Künstler mit den Füßen in Öl: „Man sieht richtig die Zehen“, sagt Lenßen-Wahl.

Der Besuch der Söhne

21. Januar 2022. „Shiragas Drachen hat uns als Kinder besonders beeindruckt, weil er sein Bild mit den Füßen gemalt hat. Das haben wir damals nachgemacht“, erzählt Nahuel Eubel. Zusammen mit seinem Bruder Tilman Eubel ist der Sohn des Herren der Drachen ins Auktionshaus Nagel gekommen. Beide Geschwister sind vor vier Jahren von Italien nach Stuttgart gezogen.

Nahuel Eubel ist 21 Jahre alt, er macht derzeit ein Praktikum im Staatstheater in Stuttgart, Tilman Eubel ist 23 Jahre alt, hat in Stuttgart Eurythmie studiert und arbeitet momentan in einem koreanischen Restaurant. Im April fängt er an einer Schule für 3-D-Design an. Beide hat das künstlerische Elternhaus geprägt. „Wir sind mit der Sammlung aufgewachsen, sie ist ein Teil unsres Lebens“, sagt Tilman Eubel. Deshalb bedeute sie ihnen viel. Dennoch haben sie entschieden, sie zu verkaufen. „Unser Vater hat vor seinem Tod viel Zeit damit zugebracht, eine feste Ausstellung zu suchen. Später haben wir das versucht, aber für so eine große Ausstellung ist das schwierig“, sagt Tilman Eubel, dem es am liebsten wäre, wenn die Sammlung zusammenbliebe. Seine schönste Erinnerung an die Drachen ist, einige am Strand von Palermo steigen zu lassen.

Die Auktion

23. Februar 2022. Der große Tag steht an: Die Drachen werden versteigert. Aufgrund der großen Vielfalt zeigen die Startpreise der Objekte in der Auktion eine enorme Bandbreite von 500 bis 300 000 Euro. Tilman Eubels Wunsch, die Sammlung als solche zu erhalten, ist eine Option: „Wenn einer die Gesamtsumme der einzelnen Drachen überbietet, bekommt er den Zuschlag“, sagt Gerda Lenßen-Wahl.

Es kommt anders: Alle Stücke werden an internationale und nationale Einzelkäufer verkauft, die Startpreise werden meist um ein Vielfaches übersteigert, teils gibt es Steigerungen um 500 Prozent. Für die gesamte Auktion kann eine Summe von 7,5 Millionen Euro erzielt werden. Am meisten wird für den Drachen von Shiraga gezahlt: 1,45 Millionen Euro. Ein Teil des Erlöses soll im Sinne von Paul Eubels Projektidee, die Drachen zugunsten des UN-Katastrophenhilfswerks zu veräußern, gespendet werden. Lenßen-Wahl ist zufrieden. Doch für sie ist das Projekt noch nicht vorbei: „Wir müssen nun die Drachen in alle Welt verschicken. Das geht wohl nur als Sperrgut.“

Sperrgut? Die papierenen Ungetüme fangen an zu knistern, als führe ein Windzug durch sie hindurch. Die Drachen bewegen sich, man könnte meinen, sie wollten ihre Leinen kappen, dem Auktionshaus entfliehen und in den Himmel steigen. Nach Jahrzehnten der Windstille fliegen sie wieder.