Vom Kleiderbügel bis zum Himmelbett im Art-nouveau-Stil: Das Inventar des Hotel Ritz kommt unter den Hammer. Foto: Axel Veiel

Ob Kronleuchter oder Wandteppich, Harfe oder Himmelbett, Garderobenhaken oder Kleiderbügel: In Paris wurde für eine Versteigerung das Inventar des legendären Hotel Ritz aufgebaut.

Paris - Das alte Ritz scheint wiederauferstanden. Nachtblauer Teppich dämpft den Schritt. Selbst Models mit High Heels können dem Bodenbelag nicht das leiseste „Tack-tack“ entlocken. Wo das Blau endet, ragt das pechschwarze Tor mit Ritz-Emblem empor, ein schmiedeeisernes Kunstwerk, wie man es aus Königsschlössern kennt. Und natürlich ist da auch die Suite von Gabrielle „Coco“ Chanel.

1936 hatte die Modeschöpferin das legendäre Luxushotel zu ihrem Domizil gemacht und dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1971 gewohnt. Auf dem Marmorsims des Kamins steht ihr Foto. Es zeigt die Französin als zartes, ja zerbrechliches Geschöpf. Dick auf­zutragen war ihre Sache nie gewesen. Mit einfachen, klaren Linien hat sie sich einen Namen gemacht. Die Suite schmückende Holzpagoden und aus China stammende Wandbehänge zeugen ebenfalls von der Vorliebe fürs schlicht Ergreifende.

Verwundert reibt man sich die Augen. Hatte die 1898 von dem Schweizer César Ritz eröffnete Nobelherberge nicht nach einer vier Jahre währenden, 440 Millionen Euro teuren Renovierung endgültig einem zeitgemäßen Nachfolger Platz gemacht?

Erlös von 1,5 Millionen Euro erwartet

Dass es anders gekommen ist, der Vorgänger knapp zwei Jahre nach Abschluss der Renovierungsarbeiten Wiederauferstehung feiern darf, ist das Werk von Artcurial. Das an den Champs-Élysées residierende Auktionshaus hat zusammengetragen, was im alten Hotel den Dichter Marcel Proust, die Opernsängerin Maria Callas oder auch den Filmemacher Woody Allen erfreute und im renovierten keine Verwendung mehr fand. Zusammengekommen sind 10 000 Gegenstände, die gruppiert zu 3500 Ensembles vom 17. bis zum 20. April versteigert werden sollen. Mit einem Erlös von 1,5 Millionen Euro rechnet das Auktionshaus. Und damit die Kundschaft auch begreift, welche Kostbarkeiten ihr dargeboten werden, präsentiert Artcurial sie im alten Ambiente. Ob Kronleuchter oder Wandteppich, Harfe oder Himmelbett, Garderobenhaken oder Kleiderbügel: Es erstrahlt vor holzvertäfelten Wänden oder auch blumenberankten Art-nouveau-Tapeten.

Wer im Vorfeld der Versteigerung durch die liebevoll rekonstruierten Hotellandschaften schreitet, braucht nicht viel Fantasie, um auch den Rest des alten Ritz heraufzubeschwören: die illustren Gäste, die dort ein- und ausgingen, die sich um sie und das Hotel rankenden Legenden. So gemahnt das Mobiliar der Bar Hemingway an feucht-fröhliche Abende, die der Schriftsteller und Großwildjäger einst mit dem schreibenden Kollegen Scott Fitzgerald verlebt hat. Die Zigarrentruhe, aus der sich die beiden bedient haben mögen, ist noch da. Die vier sich zu einem Riesensofa addierenden Leder­sessel fehlen ebenfalls nicht. Vielleicht saß Hemingway ja 1944 auf einem dieser milchkaffeebraunen Sofapolster. Erzählt wird, er habe sich wutschnaubend erhoben und am Tresen versammelte deutsche Nazis aus der Bar gejagt. Dass Historiker beteuern, die Besatzer hätten bereits den Rückzug angetreten, bevor Hemingway sie vertreiben konnte – Schwamm drüber.

Auch Leidvolles trug sich im Ritz zu

In den Salons Impériale, Fitzgerald oder Windsor wiederum zeugen zerwühlte Himmelbetten davon, dass das später von dem ägyptischen Milliardär Mohammed al-Fayed erworbene Ritz als Hort höchsten Liebesglücks galt. Soweit es ungetrübt blieb, fehlte der Anreiz, die Kunde nach draußen zu tragen, gar der Nachwelt zu vermachen. Anders sah es aus, wenn die Dinge schiefgingen. ­Besonders schief ging es, als es der beleibte britische Kronprinz Edward VII. mit seiner Geliebten in der Badewanne trieb und beim Liebesspiel in der Wanne stecken blieb. Das allezeit hilfsbereite Hotelpersonal hat ihn zwar befreit, die bis zum heutigen Tag lustvoll verbreitete Geschichte von seinem Missgeschick aber nicht erspart.

Neben Lustvollem trug sich auch Leidvolles zu im Ritz. Nach der Rückkehr von einem Spaziergang soll Coco Chanel die vom ­Empfangschef gestellte Frage nach ihrem Wohlbefinden mit den Worten beantwortet haben: „Nicht so gut, in ein oder zwei Stunden werde ich sterben.“ Die Worte erwiesen sich als wahr.

Überschattet wird der Glanz des Ritz dazuhin von der Erinnerung an Lady Di. Am 31. August 1997 dinierte Diana Spencer im sternegekrönten Hotelrestaurant mit ihrem Freund Dodi al-Fayed, dem Sohn des Besitzers. Nach dem Essen stieg das Paar ins Auto und verunglückte tödlich. In einem Tunnel am Seine-Ufer trug sich der Unfall zu, ein paar Straßenecken nur vom Hotel entfernt.

Diskretion ist im Ritz oberstes Gebot

Fragt sich noch, ob man einem ersteigerten Möbelstück auch Ritz-Atmosphäre mit nach Hause nimmt, ob die sich um Barhocker, Baldachin oder Badewanne rankenden Legenden in den eigenen vier Wänden fortleben. François Tajan bezweifelt das. Im ­Salon Proust sitzt der stellvertretende Chef des Auktionshauses auf einem Sofa, versinkt fast darin. Man könne die Ritz-Atmosphäre nicht miterwerben, glaubt Tajan. Aber die im Stil des Empire, Louis XV. und Louis XVI. gehaltenen Möbel seien ausnehmend schön und komfortabel.

Und nach der Versteigerung? Das neue Ritz scheint zur Legendenbildung nicht zu taugen. Diskretion ist dort oberstes Gebot. Ein vom Parkhaus ins Hotel führender Tunnel entzieht Prominente neugierigen Blicken. Eine Anekdote gibt es allerdings trotzdem. Anfang des Jahres stürmten fünf mit Äxten bewaffneten Einbrecher in die Lobby des Hotels. Unter den fassungslosen Blicken von Bediensteten und Gästen zertrümmerten und leerten sie Schmuckvitrinen, in denen Pariser Spitzenjuweliere ihre Preziosen auszustellen pflegen. Drei Räuber wurden gefasst, zwei sind noch flüchtig.

César Ritz und sein legendäres Hotel

1850 wurde César Ritz als dreizehntes Kind einer Schweizer Familie im Wallis geboren. Er arbeitete sich vom Schuhputzer und Kofferträger zum Hoteldirektor hoch.

1889 übernahm er die Leitung des Londoner Hotels Savoy. Zuvor arbeitete er unter anderem in Nizza, Locarno, San Remo und Monaco. Ritz erkannte als Erster, wie wichtig Komfort für seine betuchte Klientel war. Er stattete Hotels mit privatem Badezimmer, Zimmertelefon und elektrischem Licht aus.

1898 eröffnete er sein eigenes Hotel an der vornehmen Pariser Place Vendôme. Das Ritz wurde zum Inbegriff des Luxushotels.

1918 starb César Ritz in Küssnacht an der Rigi/Schweiz.

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