Roswitha Morlok-Harrer und ihre Tochter Ute Harrer am Bahnhof Fellbach. Lange war der Aufzug außer Betrieb. Einen erneuten Ausfall zeigte die Bahn-App nicht an. Foto: Ines Rudel

Der Aufzug am Fellbacher Bahnhof löst erneut Ärger aus: Eine Rollstuhlfahrerin verlässt sich darauf, dass er funktioniert, weil es in der Handy-App der Bahn so steht. Was sich als falsche Information entpuppt. Wie Reisen zum Hürdenlauf werden.

Wenn Hannelore Maier (Name geändert) vom Bahnhof Fellbach aus zu Reisen aufbrechen möchte, erfordert das eine sorgfältige Recherche vorab. Geht es Richtung Stuttgart, muss die Rollstuhlfahrerin zuerst prüfen, ob der Aufzug benutzbar ist – sonst kommt sie nicht auf den Bahnsteig und kann die Fahrt gleich vergessen. Außerdem muss sie die Fahrt am Vortag bei der Bahn anmelden. Bei der Abfahrt soll sie an der richtigen Stelle am Bahnsteig warten, was voraussetzt, dass sie zuvor jemanden findet, der ihr sagen kann, wo der Zug überhaupt hält. Denn sie darf nur in den ersten Wagen einsteigen, und auch nur dort die Toilette benutzen.

 

Die App zeigt aufgrund von technischen Problem das Falsche an

An all das hat sich die 69-jährige Rentnerin aus Fellbach inzwischen längst gewöhnt. Es ist nur ein kleiner Teil der Mühsal, die mit ihrer Erkrankung einher geht. Hannelore Maier hat Multiple Sklerose, in jüngster Zeit schreitet die degenerative Nervenkrankheit unerbittlich voran – was auch an der Hitze dieses Sommers liegt, wie ihr ein Arzt gesagt hat. Krankheiten wie ihre verschlimmern sich bei klimatischen Bedingungen, wie sie in den letzten Wochen herrschen.

Als es deshalb jetzt, zwei Wochen nach dem Fiasko beim Deutschen Wandertag, erneut Probleme mit dem Aufzug am Fellbacher Bahnhof gab, da war die Geduld von Hannelore Maier dann doch erschöpft. Am Mittwoch, 10. August, wollte sie eine Freundin in Esslingen besuchen. Zuhause schaute sie in der Handy-App „DB Bahnhof live“ nach, ob der Aufzug funktioniert. Die App wies aus: alles in Ordnung. Als Hannelore Maier am Bahnhof ankam, entsprach das leider nicht der Wahrheit. Sie wusste sich zu helfen. Sie nahm stattdessen den Bus der Linie 60 nach Untertürkheim und stieg dort in die S-Bahn nach Esslingen um – dank einer Rampe in Untertürkheim war das kein Problem. Und auf dem Rückweg konnte sie wie geplant fahren, weil die Bahnen von Stuttgart am Gleis eins ankommen.

Tags darauf funktionierte der Aufzug abermals nicht. Das testete sie vor der Abfahrt nach Winterbach auf Gleis eins sicherheitshalber. Auf der Rückfahrt stieg sie deshalb in Waiblingen aus, nahm den Bus der Linie 105 bis Schmiden und fuhr den Rest der Strecke über die Felder nach Hause.

Eine Sprecherin der Bahn bestätigt die technischen Probleme: Leider habe „die Signalverarbeitung der Anlage am Aufzug nicht richtig funktioniert“, deshalb seien in der App die falschen Betriebszustände hinterlegt gewesen. „Wir wissen um die Bedürfnisse unserer Reisenden und bitten für entstandene Unannehmlichkeiten ausdrücklich um Entschuldigung“, teilt sie mit.

In Schwäbisch Hall wird es frühestens 2027 einen Aufzug geben

Eigentlich hat Hannelore Maier ein Auto. Doch in jüngster Zeit fällt es ihr aufgrund der Krankheit zunehmend schwer, den Rollstuhl ins Auto und wieder heraus zu wuchten. Deshalb würde sie viel lieber Bahn fahren. Dafür brauche es allerdings schon unter normalen Umständen eine gewisse Übung im Umgang mit dem Rollstuhl, sagt sie – die hat sie nicht, weil sie erst seit Kurzem darauf angewiesen ist. Dass die S-Bahnen zurzeit im Kopfbahnhof Stuttgart halten, ist ein Problem: Dort ist der Höhenunterschied so groß, dass sie ihn ohne Rampe nicht bewältigen kann.

Barrierefreiheit ist auf den Bahnhöfen der Region nicht selbstverständlich: Bei Reisen etwa nach Lauffen am Neckar und Schwäbisch Hall stellte Maier fest, dass beide Ziele nicht auf Reisende mit Handicap eingestellt ist. Es gibt keine Aufzüge. In Schwäbisch Hall hat sie deshalb die Stadtverwaltung angeschrieben. Der Leiter des Stadtplanungsamtes antwortete prompt: Man verhandle wegen des „untragbaren Zustands“ seit Jahren mit der Bahn. Inzwischen sei Hessental ins Modernisierungsprogramm aufgenommen worden. Der Aufzug werde aber leider erst 2027 in Betrieb gehen.

Roswitha Morlok-Harrer kennt die Probleme. Sie begleitet oft ihre Tochter Ute, die wie Hannelore Maier ebenfalls auf Rädern unterwegs ist. „Wir fahren nur noch an Orte, an denen wir uns auskennen“, sagt die Vorsitzende des Fellbacher Stadtseniorenrats. Alles andere sei zu anstrengend. „Wir haben schon so oft negative Erfahrungen gemacht“, sagt sie. „Man muss so viel planen. Und selbst wenn man das macht, hat man nie die Garantie, dass auch wirklich alles klappt.“

Wo sich Reisende mit eingeschränkter Mobilität informieren können

Bahn-App
 Viele Rollstuhlfahrer nutzen die DB-App „Bahnhof live“ – die von der Bahn gepflegt wird.

VVS-App
Für Fahrten in der Region bietet sich die App „VVS Mobil“ vom Verkehrsverbund Stuttgart an. Dort gibt es im Menüpunkt „Mehr“ ausführliche Informationen für Reisende zu Aufzügen und Haltestellen, darunter auch Karten.

Servicenummern
 Die Bahn wirbt mit ihrem Service der Mobilitätsservicezentrale.