Roms Bürgermeister will das Tiberufer verschönern und „den Römern ihren Fluss zurückzugeben“. Bisher gibt es nur einen neuen Steg – und viel Häme für das Projekt in den sozialen Netzen.
Dass der Römer am Tiber entlang schlendert, passiert eher selten. Anders als in Paris, Wien, Frankfurt oder Köln finden sich in der Ewigen Stadt keine pittoresken, in das Stadtleben integrierten Promenaden mit Cafés, die zum Verweilen einladen. Seit Monaten aber preist Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri auf seinem Instagram-Kanal spektakuläre Maßnahmen an, die den Römern ihren Fluss wieder näherbringen sollen. Bald soll man sogar – wie nun in Paris – im Wasser schwimmen können. Verpasst man also doch etwas, wenn man den Tiber schnöde ignoriert?
„Aha“, ist die erste Reaktion beim Betreten des als Naturpfad angepriesenen Holzsteges unterhalb des Lungotevere dei Navi, einer der viel befahrenen Verkehrsadern Roms, die direkt am Tiber entlangführen. Der Steg – unterhalb der Straße und hinter der Flussmauer gelegen – soll einen Einblick in die Fauna des Ufers bieten. So zumindest wurde er von Gualtieri gefeiert, als er den Weg im März mit viel Tamtam einweihte. Schon damals kommentierten zynische Zungen unter dem Social-Media-Post des Bürgermeisters: „Und in sechs Monaten? Wird das Ganze doch wie immer vergessen und verlottert sein.“
Der Holzsteg war eine der ersten Maßnahmen im aktuellen groß angelegten Tiber-Aufwertungs-Projekt. Wie eigentlich jeder Bürgermeister der vergangenen Jahrzehnte hat auch Roberto Gualtieri es sich zur Aufgabe gemacht, „den Römern ihren Fluss zurückzugeben“. Entrissen wurde er ihnen Ende des 19. Jahrhunderts, als zum Schutz vor schlimmen Überschwemmungen rund zehn Meter hohe Mauern errichtet wurden. Die halten nun nicht nur das Wasser fern, sie schirmen das Treiben am Fluss auch vom Rest der Welt ab.
Den meisten Teil des Tibers kann man in der römischen Innenstadt zwar schon länger auf einem Weg ablaufen – vor ein paar Jahren wurde dieser neu angelegt und soll nun auch zum Radfahren einladen. Als einladend empfinden ihn aber wegen der meterhohen grauen Steinmauern, die den Weg abschirmen, nur die wenigsten.
Schon Gualtieris Vorgängerinnen wollten das Tiber-Ufer beleben
Mit Kunst an den Ufermauern, einem Stadtstrand an einem von der Stadt abgelegen Uferteil im Süden oder einem vor allem von Mücken und Touristen bevölkerten Fest am Fluss, wollten bereits Gualtieris Vorgängerinnen Leben an eben diesen bringen – mit mäßigem Erfolg. Seit 2019 gibt es sogar eine jährliche Aktionswoche, den „Tevere Day“, der im Oktober jeden Jahres die Aufmerksamkeit der Römer auf ihren Fluss lenken soll. Gehört haben von dieser in diesem Jahr bereits zum siebten Mal organisierten Initiative allerdings nur die wenigsten. Diesmal aber soll alles anders sein – schließlich gibt es wegen des Heiligen Jahres aktuell so viel Geld zum Verprassen wie selten. Und der Sozialdemokrat Gualtieri, der seit 2021 die Geschicke der italienischen Hauptstadt leitet, hofft für 2027 auf eine Wiederwahl. Fünf „parchi d’affaccio sul Tevere“, also Parks mit Blick auf den Fluss, sind aus Anlass des vom Vatikan 2025 gefeierten Pilgerjahrs entstanden. 7,3 Millionen Euro wurden dafür aus dem Jubiläums-Topf bereitgestellt.
Wird der Traum vom Leben am Fluss also endlich Wirklichkeit? Der besagte Naturpfad zwischen der Matteotti-Brücke und der Risorgimento-Brücke war der erste der fünf „Parks“, die fertiggestellt wurden. Heute – nicht sechs, sondern neun Monate nach seiner Eröffnung – muss man dem Zynismus der Kommentierungen in den sozialen Medien Zähne knirschend Recht geben.
Einblicke gewährt der Steg – allerdings weniger in die Naturwelt des Tiber als in jene, die halt so ein abgelegenes zugewuchertes Flussufer zu bieten hat. Der Blick aufs Wasser wird von Sträuchern verwehrt, die eine oder andere achtlos entsorgte Plastikflasche trägt zur erwarteten Idylle nur wenig bei. So sorgt der Steg selbst für die größte Aufmerksamkeit.
Der Steg soll das Aushängeschild sein – und wirkt doch improvisiert
Der biete, so die zynischsten der Zungen, ein Paradebeispiel dafür, wie in Rom öffentliche Aufträge ausgeführt und abgenommen würden. Fakt ist: Das herausstehende Ende einer Schraube ist an dem Holzkonstrukt kein Einzelfall und alle zwei Meter an der Stelle zu bewundern, an der ein eindeutig nachträglich angebrachter Sockel mit dem Ursprungssteg verbunden ist. Das Nachträgliche an dem Konstrukt verrät sich nicht zuletzt dadurch, dass wohl die eigentlich verwendete Holzart ausgegangen war.
„Typisch Rom“, raunt eine Flaneurin alle paar Meter vor sich hin. Sie ist an diesem sonnigen Wochenendtag eine der wenigen Menschen, die das untere Tibergebüsch als Ort für ihren Spaziergang gewählt haben. Sie deutet auf aus dem Holz ragende Splitter, die nur darauf zu warten scheinen, dass jemand die Absicherung tatsächlich als Handlauf nutzen möchte, um sich dann heimtückisch in die Haut des Nichts-Ahnenden zu bohren. „Das kann man doch so nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen.“
Der Steg endet vor einer Baustelle, die die Spaziergänger zwingt, über die Treppe das Ufer zu verlassen und wieder emporzuklimmen in die Ewige Stadt. Dort arbeitet der Bürgermeister bereits an weiteren Plänen für den Fluss.
In fünf Jahren – so das nächste Versprechen – soll der Tiber so sauber sein, dass darin gebadet werden kann. Ein kühnes Vorhaben, aktuell ist das Baden in dem Wasser verboten. Zu dreckig, zu viel Abwasser der Industrie. Die einzigen, die sich trauen, dort unterzutauchen, sind vereinzelte Ratten und besonders Mutige, die am traditionellen Neujahrsspringen von dem Ponte Cavour das Abenteuer Tiberbad wagen.
Das dies auch bald an den restlichen 364 Tagen im Jahr ein gängiges Bild in der italienischen Hauptstadt ist, daran glaubt Gualtieri. Mitte September verkündete er das Projekt, das er als „absolut realisierbar“ bezeichnet, im italienischen Pavillon der Expo 2025 im japanischen Osaka. Im Oktober schipperte Roberto Gualtieri auf einem Schlauchboot über den Fluss und sammelte öffentlichkeitswirksam Müll aus dem Wasser.
Auch unter diesem Video, das zu diesem Anlass angefertigt und ins Netz gestellt wurde, hagelte es Kommentare: „Wenn Gualtieri es schafft, dass man in diesem Fluss schwimmen kann, wird das wohl das erste Wunder auf dem Weg zu seiner Heiligsprechung sein.“