Klare Worte in einer Zeit der Ungewissheit und Not: Amanda Gorman Foto: Screenshot

Normalerweise hat Football wenig mit Lyrik zu tun. Doch bei diesem Super Bowl war das anders – dank eines bewegenden Auftritts von Amanda Gorman.

Stuttgart - Eineinhalb Minuten dauert das Gedicht, das Amanda Gorman dem dröhnenden Spektakel des Super Bowl voranschickt. Eineinhalb Minuten, bevor sich die muskelbepackten Glamour-Gladiatoren der Kansas City Chiefs und der Tampa Bay Buccaneers ineinander verbeißen, in denen die junge Dichterin drei unscheinbare Alltagshelden ins Rampenlicht zitiert. Einen Soldaten, einen Lehrer und eine Krankenschwester: „Heute ehren wir drei Spielführer / für ihre Taten und ihren Einfluss in / einer Zeit der Ungewissheit und Not.“

Gegensatz zum Bombast

Es sind keine spektakulären Dinge, mit denen sie sich hervorgetan haben. Der Veteran James kümmert sich während der Pandemie um jugendliche Risikopatienten, versorgt sie während des Lockdowns mit Livestreams des entbehrten Football-Vergnügens. Der Erzieher Trimaine schafft die technischen Voraussetzungen, damit seine Schüler Anschluss an das Leben und Lernen halten können. Und die Krankenschwester Suzie, die ihre Großmütter an das Virus verloren hat, gibt ein Beispiel, dass selbst in der Tragödie Hoffnung möglich ist. Drei Menschen im Einsatz an der Frontlinie des Alltags: „Wir feiern sie, indem wir mutig und mitfühlend handeln / das Richtige und Gerechte tun. / Wir ehren sie heute / doch sie sind es, die uns täglich ehren.“

Amanda Gorman, selbst in einem himmelblauen, silberbesetzten Kostüm, verzichtet in ihrem Text auf jeden Flitter. Wie bei ihrem gefeierten Auftritt anlässlich von Joe Bidens Inauguration verbinden sich einfache, jedem verständliche Worte mit dem rhythmischen Puls der Sprache, dem Spiel der Gesten zu einer lichten Intensität, deren zartes Pathos absticht vom Bombast und Heroengewummer des glitzernden Großevents.

Rückeroberung der Poesie

Wo sich in Deutschland und Europa die Lyrik immer weiter ausdifferenziert zu einem hermetischen System individuellen Ausdrucks, erinnert Amanda Gormans Auftritt an den Ursprung des Gedichts aus einer kollektiven Praxis, zu der der große Auftritt gehört, die Gesamtheit von Klang, Tanz und Musik. Es ist die Rückeroberung der Poesie in einer öffentlichen, zeremonialen Bedeutung.

Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis man ihr genau das zum Vorwurf macht. So schnell sie in kürzester Zeit auf die drei wichtigsten Bühnen der USA gehoben wurde – Kapitol, Super Bowl und die Titelseite des „Time“-Magazins – so schnell wird der kollektiven Kanonisierung das Naserümpfen in den Kathedralen des guten Geschmacks folgen.

Doch so absehbar dieser Reflex ist, er vermag nichts gegen den Zauber des Augenblicks, in dem eine junge Afroamerikanerin das größte und aufgepumpteste Sportereignis der USA mit einem Gedicht eröffnet, das drei einfachen Menschen gewidmet ist, die in einer schwierigen, ungewissen Zeit genau das Richtige tun. Anmutiger kann man den Heroenkult um die eigene Person nicht von sich abweisen und weiterreichen. Dazu passt der Ausgang des Spiels: die Niedrigen werden erhoben – mit 31:9 besiegen die Underdogs der Tampa Bay Buccaneers die favorisierten Kansas City Chiefs.

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