Nach der Vergewaltigung gab es in Freiburg immer wieder Demonstrationen, unter anderem, um gegen die politische Instrumentalisierung der Tat zu protestieren. Foto: dpa

Eine ganze Reihe von Tätern soll sich im Oktober 2018 in Freiburg an einer wehrlosen, 18-jährigen Frau vergangen haben. Vor dem Landgericht beginnt an diesem Mittwoch der Mammutprozess gegen die Verdächtigen.

Freiburg - Einen Prozess mit so vielen Angeklagten hat es vor dem Freiburger Landgericht noch nicht gegeben: An diesem Mittwoch beginnt dort das Verfahren gegen elf Männer – neun Syrer, die zur Tatzeit 18 bis 29 Jahre alt waren, einen 18-jährigen Algerier und einen 25-jährigen Deutschen. Alle sitzen getrennt in Untersuchungshaft.

 

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, am 14. Oktober des vergangenen Jahres in der Nacht eine 18-Jährige vergewaltigt zu haben. Die junge Frau sei zuvor in einer Diskothek im Freiburger Norden vermutlich mit Drogen oder K.-o.-Tropfen wehr- und willenlos gemacht und dann in ein Gebüsch neben dem Club gezerrt worden. Der Hauptbeschuldigte, ein polizeibekannter 22 Jahre alter Mann aus Syrien, soll sich zuerst an ihr vergangen und dann die anderen Männer animiert haben, es ihm gleich zu tun. Er und zwei weitere Angeklagte werden außerdem beschuldigt, 2017 eine weitere Vergewaltigung begangen zu haben. Heftige Kritik an den Ermittlern hatte es gegeben, weil gegen den 22-Jährigen wegen dieser Tat und anderer Delikte schon ein Haftbefehl bestanden hatte, aber nicht vollstreckt worden war.

Andere Angeklagte müssen sich auch wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten. Ein ebenfalls festgenommener zwölfter Mann ist mangels Beweisen wieder auf freiem Fuß, nach einem weiteren Verdächtigen wird noch immer gefahndet. Weil mehrere Angeklagte zur Tatzeit jünger als 21 Jahre waren, wird vor einer Jugendkammer verhandelt.

Der Gerichtssaal muss umgebaut werden

Wegen des für Freiburg beispiellosen Mammutverfahrens mussten der Innenhof und der Saal 4 des Landgerichts beträchtlich umgebaut werden: Um Parkplätze für die Gefangenentransporter zu schaffen, wurde ein Ententeich trockengelegt und mit Brettern überdeckt. Im Gerichtssaal wurden drei Zuschauerreihen entfernt, um elf Angeklagte, ihre Verteidiger und Dolmetscher unterzubringen.

Die hohe Zahl der Angeklagten macht das Verfahren für die Beteiligten und die Beobachter – es wird ein großes mediales Interesse erwartet – zur Geduldsprobe: Allein für die Angaben zu den Personen und zur Sache am Prozessbeginn sind drei Tage angesetzt. Dann folgt der Bericht der Polizei. Am fünften Tag sagt die junge Frau aus – zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte aller Voraussicht nach unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch die Angeklagten können Nicht-Öffentlichkeit beantragen.

In der Beweisaufnahme, an der drei psychiatrische und zwei rechtsmedizinische Sachverständige beteiligt sind, sollen 47 Zeugen aussagen. Es sind 27 Verhandlungstage bis einschließlich zum 19. Dezember angesetzt. Ein Urteil wird erst im nächsten Jahr erwartet. Zwar scheint bei allen elf mutmaßlichen Tätern das ihnen vorgeworfene Delikt fast gleich. Aber eben nur fast, jeder Angeklagte hat das Recht auf eine individuelle Beurteilung, und jedem muss exakt seine Tat nachgewiesen werden. Insofern ist der oft verwendete Begriff der Gruppenvergewaltigung irreführend, es handelt sich um mehrere Einzeltaten hintereinander. Was genau geschah, muss das Gericht klären.

Stadt wehrt sich gegen Schmuddelimage

Dass es offenbar elf oder vielleicht sogar noch mehr Männer gegeben hat, die sich an der wehrlosen Frau vergangen haben, hat über Freiburg hinaus Entsetzen hervorgerufen. Für die Boulevard-Presse markierte die mehrfache Vergewaltigung das Ende der „Unschuld“ in der oft als „Wohlfühlstadt“ gerühmten und beliebten Studentenmetropole. Umso mehr, als am 16. Oktober 2016 eine 19-jährige Studentin von einem Asylbewerber vergewaltigt und ermordet worden war. Ein weiterer Sexualmord am 6. November des selben Jahres im nicht weit entfernten Endingen am Kaiserstuhl und der 2017 aufgedeckte Missbrauch eines Jungen im ebenfalls benachbarten Staufen wurden häufig ebenfalls Freiburg zugerechnet, sodass der Eindruck entstand, die altehrwürdige Universitätsstadt sei ein besonders gefährliches Pflaster geworden.

Gegen das Schmuddelimage haben sich die Stadtspitze und die Polizei vehement gewehrt. Von einer verlorenen „Unschuld“ könne in einer 230 000 Einwohner zählenden Großstadt in Grenznähe nicht die Rede sein, sagte der damalige Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger unserer Zeitung. Die reißerischen Schlagzeilen seien „die Folgen einer übertriebenen Stilisierung, die nie der Realität entsprochen hat“. Gleichwohl sei das Entsetzen über die Vergewaltigung der 18-Jährigen verständlich, und der Rechtsstaat müsse seine Durchsetzungsfähigkeit unter Beweis stellen, auch wenn er Verbrechen letztlich nicht verhindern könne.

Sicherheitskonferenzen in den Stadtteilen

Freiburg nimmt in der Kriminalitätsstatistik zwar seit Jahren landesweit die Spitzenstellung ein. Die im März vorgestellten Zahlen für das Jahr 2018 haben jedoch einen Rückgang der Straftaten, auch der Gewaltkriminalität, im gesamten Polizeipräsidium offenbart. Der Zuständigkeitsbereich des Präsidiums umfasst ein Gebiet mit einer Million Einwohnern; es beginnt nördlich von Freiburg und reicht bis Waldshut. In Freiburg sanken die Zahlen sogar um elf Prozent.

Zurückgeführt wird das auch auf die 2017 abgeschlossene „Sicherheitspartnerschaft“ mit dem Land, die der Freiburger Polizei nach jahrelangen dringenden Bitten neue Stellen beschert hat. Allerdings ist die Zahl der „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ in Freiburg um 25 Prozent auf 216 Fälle gestiegen. Und der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen erhöhte sich auf 51 Prozent.

Polizei und Stadt haben auf die Verunsicherung reagiert: Auf Sicherheitskonferenzen in den Stadtteilen berät die Polizei Frauen, wie sie Gefahren aus dem Weg gehen. Und der Gemeinderat hat nach jahrelangem Zögern 2017 einen kommunalen Ordnungsdienst eingeführt, der künftig noch aufgestockt werden soll.