Das Dach kommt weg, eine neue Etage oben drauf: In Untertürkheim wendet Vonovia eine neue Methode zum Gewinnen zusätzlicher Wohnungen an. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Wie kann man in einer eng bebauten Stadt zusätzlichen Wohnraum schaffen? Ein neuer Weg: vorhandene Gebäude aufstocken. Der Wohnungskonzern Vonovia macht das jetzt zum ersten Mal in seinem Stuttgarter Bestand – in Häusern, die komplett bewohnt sind.

Stuttgart - Der Anblick ist kurios. Auf der Wiese in der Augsburger Straße liegen riesige Dachelemente. Die Ziegel sind entfernt, die Holzkonstruktion ist in vier Meter lange Stücke zerteilt. Jahrzehntelang hat dieser Dachstock die Mieter im benachbarten Wohnblock vor dem Wetter geschützt. Jetzt ist er ausrangiert. Weil das ältere Gebäude eine komplett neue Etage aufs Dach gesetzt bekommt.

Baugrundstücke sind rar und teuer in Stuttgart. Die Stadt will bisher auch keine neuen Baugebiete auf der grünen Wiese ausweisen. Doch wo sollen zusätzliche Wohnungen herkommen? Im Bestand hat man bisher vor allem eine Möglichkeit genutzt: Nachverdichten. Wo auch immer Platz zwischen Gebäuden ist, versuchen die Immobilienunternehmen, weitere Häuser zu bauen. Doch jetzt rückt zunehmend eine zweite Möglichkeit in den Blick: das Aufstocken bereits vorhandener Gebäude.

In Untertürkheim modernisiert der immer wieder kritisierte Immobilienriese Vonovia seit vergangenem Sommer fünf Wohnblocks. Und jetzt haben Arbeiten begonnen, die es so bisher in Stuttgart noch kaum gegeben hat. Zum ersten Mal in seinem Bestand in der Landeshauptstadt stockt der Konzern Häuser auf. „Der Grundgedanke ist, auf diese Weise relativ schnell neuen Wohnraum zu schaffen“, sagt Teamleiter Thomas Edler. 20 zusätzliche Wohnungen mit jeweils 60 bis 80 Quadratmeter Fläche entstehen so. Geplant ist, in den nächsten Jahren auch in einem Kornwestheimer Wohngebiet ähnlich zu verfahren.

7,5 Millionen Euro für fünf Blocks

„Insgesamt dauert das drei bis vier Monate“, sagt Architekt Klaus Grübnau. Der Stuttgarter Experte für Holzbau plant „eine Aufstockung in diesem Umfang auch zum ersten Mal“. Zunächst mussten die Dachgeschosse, die nicht bewohnt waren, ausgeräumt werden. Nach dem Abbruch von Innenwänden sind die Dächer abgedeckt und schließlich abgebaut worden. Die neue Etage wird komplett aus Holz bestehen. „Wir verwenden Holzfertigteile, die verschraubt werden. Das reduziert auch den Lärm“, sagt Grübnau, während der Kran eine riesige Holzplatte in die Lüfte hebt.

Wenn die Konstruktion steht, werden die bisherigen Satteldächer Geschichte sein. Künftig sollen Flachdächer den Deckel der Gebäude bilden. Die Wasserleitungen müssen durch die darunter liegenden Wohnungen geführt werden, die Elektrik wird durch die Treppenhäuser verlegt.

Insgesamt investiert Vonovia 7,5 Millionen Euro in die fünf Untertürkheimer Gebäude. Der größere Teil davon ist für die Aufstockung veranschlagt. Derzeit gleicht das Gelände einer Großbaustelle mit Warenlager im Freien. Bis alles inklusive den Außenanlagen fertig ist, wird es noch mindestens ein gutes Jahr dauern.

Die Häuser sind voll bewohnt

All das passiert in Häusern, die komplett bewohnt sind. Und noch viel mehr. Die ganze Siedlung wird komplett saniert, für die Zeit danach sind massive Mieterhöhungen angekündigt. Die Bauarbeiten werden deutlich länger als ein Jahr dauern. Diverse Mieter gehen deshalb gegen ihren Vermieter vor, der bundesweit in der Kritik steht, weil nach Modernisierungen aus günstigen Wohnungen teure werden.

„Wir haben inzwischen einen Mietnachlass in Höhe von zehn Prozent angeboten bekommen. Aber nur für die Zeit von Februar bis November“, sagt eine Bewohnerin in Untertürkheim. Das empfinde man als Unverschämtheit angesichts der umfangreichen Belastungen. „Hier hat zeitweise der Boden gewackelt, die Bilder sind von den Wänden gefallen“, erzählt sie. Man werde den geringen Nachlass von zehn Prozent nicht akzeptieren, sondern habe einen Rechtsanwalt mit weiteren Schritten beauftragt.

„Im Gespräch mit Härtefällen“

Bei der Vonovia klingt das anders. Man habe zehn Prozent für die Nichtnutzung der Balkone angekündigt. Weitere Nachlässe könnte es „nach tatsächlich anfallender Beeinträchtigung durch die Baustelle“ geben, so ein Sprecher. Man werde die Beträge automatisch abziehen. Außerdem kümmere man sich um die Mieter: „Unser Quartiersmanager ist mit den wenigen bekannten Härtefällen im persönlichen Gespräch.“ Man suche derzeit Lösungen. Insgesamt gebe es wenige negative Reaktionen.

Die neuen Wohnungen, so viel steht übrigens schon fest, werden zu „ortsüblichen Marktmieten für Neubauten in diesem Marktsegment“ angeboten. Bereits im Spätherbst sollen die ersten neuen Mieter einziehen können, bis zum nächsten Frühjahr sollen alle fünf Blocks aufgestockt sein.

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