Hannes Wolf mit der Zweitliga-Meisterschale 2017 – nun ist der VfB Stuttgart als Zweiter aufgestiegen. Foto: Baumann

Er hat den Aufstieg des VfB Stuttgart vor drei Jahren und den Übergang in die Bundesliga mitgestaltet. Nun ist der Club wieder an dieser Schwelle – und Hannes Wolf schätzt im großen Interview die Perspektiven ein.

Stuttgart - Der VfB Stuttgart hat die direkte Rückkehr in die Fußball-Bundesliga geschafft – so wie vor drei Jahren. Damals war Hannes Wolf der Aufstiegstrainer. Im Interview erinnert er sich an den Jubeltag im Mai 2017 – und an die ersten Monate im Oberhaus.

 

Hallo Herr Wolf, 21. Mai 2017 – klingelt’s da bei Ihnen?

Natürlich. An diesen Tag habe ich ganz viele, ganz tolle Erinnerungen.

Der VfB gewann 4:1 gegen die Würzburger Kickers und machte den Aufstieg in die Bundesliga perfekt.

Und genau dieses Spiel habe ich mir erst kürzlich noch einmal angeschaut, als der TV-Sender Sky einen VfB-Tag im Programm hatte. Die riesige Feier danach, die vielen Zuschauer – dieser Tag war einfach etwas ganz Besonderes. Das konnte man sehen, wenn man in die Gesichter der Menschen geschaut hat. Da war pure Freude. Aber man darf eines nicht vergessen.

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Was?

Dass der Aufstieg auch damals ein harter Kampf war. Da ist uns im Laufe der Saison rein gar nichts zugeflogen. Umso schöner war dann die Party mit all den Fans – die gezeigt haben, welche Kraft der VfB entwickeln kann. Aber auch, welcher Druck da drin steckt.

Wie meinen Sie das?

Nun, man will diesen unglaublich vielen Menschen und deren Erwartungen ja auch gerecht werden.

Welche Bedeutung hat der Aufstieg mit dem VfB in ihrem Leben?

Die Bedeutung ist total groß. Ich habe es erlebt, den Aufstieg zu schaffen, aber eben auch, ihn zu verpassen (Anmerk. d. Red.: mit dem Hamburger SV) – und ich halte es für total wichtig, dass man auf seinem persönlichen Weg Erfolgserlebnisse hat. Durch die Titelgewinnen mit dem Nachwuchs von Borussia Dortmund und der Zweitligameisterschaft mit dem VfB ist das Gefühl, viel erreichen zu können, einfach noch einmal gewachsen. Außerdem war es für den Club eine besondere Zeit.

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Inwiefern?

Ich denke, damals haben sich viele Menschen rund um den Verein mitgenommen und angesprochen gefühlt.

Sie haben schon angedeutet, wie schwer es auch damals war, der Favoritenrolle gerecht zu werden. Nun hatte der VfB noch mehr Mühe – was macht es für die großen Clubs so schwer in Liga zwei?

Die Unterschiede zwischen den Vereinen in der zweiten Liga sind auf dem Papier einfach größer als in der sportlichen Realität. Man ist in vielen Spielen zwar einen Tick besser, aber eben nicht so viel, wie alle glauben. Und ein 1:1 wird etwa in Heidenheim ganz anders bewertet als beim VfB. Das setzt Mechanismen in Kraft, die dich nicht unbedingt besser machen. Die Mercedes-Benz-Arena oder das Hamburger Volksparkstadion – die schreien eben nach großem Fußball. Daraus ergeben sich Erwartungen, denen die aktuell handelnden Personen nur schwer gerecht werden können. Deshalb sage ich: Dass nun der Aufstieg wieder sofort geschafft wurde, ist nullkommanull selbstverständlich.

In die Bundesliga startet der VfB nun wieder als Aufsteiger, als Außenseiter – wird diese Rolle trotz der von Ihnen beschriebenen Gegebenheiten akzeptiert werden?

Das kommt darauf an, was für eine Mannschaft die Verantwortlichen bauen. Holen sie nun etablierte, große Namen – dann nicht. Mit einer jungen Mannschaft hat man eher eine Herausforderertruppe. Das ist dann eine andere Situation, die anders wahrgenommen wird. Da werden – auch beim VfB – Fehler oder Rückschläge akzeptiert.

Andererseits muss ja aber auch versucht werden, das Unternehmen Klassenverbleib möglichst gut abzusichern.

Es ist in der Bundesliga kaum möglich, sich abzusichern. Schauen Sie sich doch mal die Mannschaften an, mit der Werder Bremen nun hinten steht, mit der der VfB im vergangenen Jahr abgestiegen ist.

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Auf was kommt es dann an?

Auf die Philosophie. Wenn man sagt, man ist der Herausforderer, dann muss man eben auch mehr arbeiten, mehr laufen. Man muss diese Rolle, wie sie Clubs wie Fortuna Düsseldorf oder seit Jahren der FC Augsburg und der SC Freiburg spielen, dann auch so annehmen. Das halte ich für absolut möglich.

Sehen Sie beim VfB schon diese Philosophie?

So richtig bewerten lässt sich das noch nicht, da der jetzige Kader ja noch die Handschrift mehrerer Sportdirektoren trägt. Aber ich bin mir sicher, dass Sven Mislintat, den ich ja schon lange kenne, eine gute Idee hat. Zu den gestandenen Spielern im Kader wurde ja schon in der vergangenen Saison viel Entwicklungspotenzial geholt.

Trauen Sie dem Duo Mislintat/Hitzlsperger zu, eine zukunftsträchtige Mannschaft aufzubauen?

Ja, das sind gute Leute – aber ich weiß auch, wie schwer es ist. Aber noch mal: Sicherheiten gibt es als Aufsteiger in der Bundesliga nicht. Man kann durch gute Personalpolitik höchstens die Chance erhöhen, Jahr für Jahr drin zu bleiben.

Welche Art Spieler sind dafür nötig?

Nehmen wir den SC Freiburg als Beispiel: Dort spielen nur Spieler, die hundert Prozent Arbeit reinstecken. Wenn man grundsätzlich eher unterlegen ist, spielen Charakter, Mentalität, Konstanz und Laufbereitschaft eben eine größere Rolle. Man muss die Punkte auch über die Bereitschaft zu verteidigen holen. Ich bin aber sicher: das geht. Und viele Vereine haben aus dieser Position heraus ja sogar eine Stärke entwickelt.

Wie viele junge Spieler verträgt so ein Bundesligakader?

Da gibt es kein Patentrezept. Am Ende muss der Kader in seiner Gesamtheit passen – vor allem zur Philosophie. Willst du einen laufintensiven Stil haben mit Gegenpressing, dann müssen das auch alle mitmachen können. Wenn das bei zwei, drei Spielern nicht geht, funktioniert das in Summe eben nicht.

Ist der Kader reif für die Bundesliga?

Das ist, wie gesagt, sehr schwer zu sagen. Aber ich finde, da steckt schon Qualität und Potenzial drin. 15 neue Spieler braucht der VfB sicher nicht.

Wie war es nach dem Aufstieg 2017? Was war gut, was weniger gut?

Das kann man mit heute nicht vergleichen. Wir hatten damals während der Sommervorbereitung ja zwei Sportdirektoren, mit dem Wechsel hat sich die Philosophie des Verein verändert. Dafür, dass wir als Meister aufgestiegen waren, war das schon eine besondere Zeit. Es war nicht leicht, viele Spieler sind spät gekommen – aber wir sind eigentlich dennoch ganz gut in die Bundesliga reingekommen.

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Die sportliche Führung strahlt nun eine große Zusammengehörigkeit aus – für einen Trainer scheint das eine gute Basis zu sein.

Ich wünsche dem Verein, dass nun Kontinuität in die Sache kommt. Die handelnden Personen müssen ja die Chance haben, da reinzuwachsen. Und dass die steten Wechsel nicht geholfen haben, zeigt die Vergangenheit ja ziemlich eindeutig. Ich wünsche dem VfB auf jeden Fall gute Entscheidungen und auch das Quäntchen Glück – denn er ist im Grunde ein fantastischer Verein.

Welche Perspektiven sehen Sie für diesen Club?

Es fällt mir unter dem Eindruck der Corona-Krise im Moment schwer, weit in die Zukunft zu denken. Ich hoffe, der eine oder andere junge Spieler schafft es, sich in der Bundesliga zu etablieren. Und dass es der Verein schafft, aus der Vergangenheit zu lernen, in der Realität das Beste rauszuholen und sich zu stabilisieren. Ich drücke aus der Ferne ganz fest die Daumen und wünsche allen im Verein und den Fans, dass sie die ganz großen Ausschläge nach unten nicht mehr erleben müssen.