Dresdner Erfolgsduo: Trainer Alexander Schmidt, Sportchef Ralf Becker (v.li.) Foto: imago/Dennis Hetzschold

Mit Dynamo Dresden und Hansa Rostock bereichern zwei traditionsreiche Aufsteiger die ohnehin namhafte zweite Liga. Ralf Becker, ehemaliger VfB-Chefscout und jetzt Sportchef in Dresden, spricht über den Reiz der Aufgabe und die Perspektiven.

Dresden/Rostock - Mit Fünfjahresplänen ist das so eine Sache. In der Wirtschaft mögen sie ein probates, weitsichtiges Instrument darstellen. Im Fußball werden solche Pläne meist schnell von der Emotionalität des Geschäfts und der sportlichen Momentaufnahme ein- und im Zweifel von der nächsten Niederlage überholt.

 

Wer wüsste das besser als Ralf Becker? Der Mann war zuletzt für den Hamburger SV tätig, davor für den VfB Stuttgart, mit einer Zwischenstation bei Holstein Kiel. Er dürfte also durchaus abgehärtet sein in diesem Geschäft. Zumal er seit einem Jahr auf dem nächsten heißen Stuhl sitzt: Der 50-Jährige arbeitet als Sportchef für Dynamo Dresden. Am Wochenende hat Becker die Sachsen zurück in die zweite Liga geführt.

Dresden und Rostock – zwei Leuchttürme des Ostens

Und fragt nun mutig: Warum keine Visionen haben? „Im ersten Jahr“, meint Becker, „muss der Klassenverbleib ganz klar das Ziel sein. Danach wollen wir uns in der Liga etablieren. Irgendwann kann mit diesem Verein aber auch mehr möglich sein.“ Die Bundesliga bleibt unausgesprochen. Dennoch wird klar, dass der gebürtige Leonberger und frühere Profi (u. a. Stuttgarter Kickers, Karlsruher SC, SSV Reutlingen) mit dem Traditionsclub aus Sachsen die höchsten Ziele verfolgt. „Die Stadt, das Stadion, das Umfeld mit den tollen Fans – hier ist vieles möglich“, sagt Becker, nachdem Dynamo der direkte Wiederaufstieg gelungen war.

Seit an Seit mit Hansa Rostock – dem zweiten Leuchtturm des Ostens. Beide Clubs haben sich nach einer beschwerlichen Spielzeit in der Drittliga-Mühle zurück nach oben gekämpft. Für Rostock ist es die erste Rückkehr nach neun Jahren. „Das war so ein enges Rennen, permanenter Druck. Und wenn du dann mit so einem Verein aufsteigst, dann ist das überragend“, sagte Trainer Jens Härtel. Abwehrspieler Jan Löhmannsröben fasste das Ende der Entbehrung gefühlsstark zusammen: „Das ist schöner als der beste Sex meines Lebens.“

„Schöner als der beste Sex“

Wen wundert’s? Sowohl hinter Rostock als auch hinter Dresden liegen dürre Jahre. Seit dem letzten Bundesliga-Abstieg 2008 verbrachte der FC Hansa drei Jahre im Unterhaus, die restliche Zeit versuchte er vergeblich, der dritten Liga zu entfliehen. Die Sachsen fuhren die vergangenen 20 Jahre Aufzug zwischen zweiter und dritter Liga. Rauf, runter, rauf. Jetzt soll der Aufzug erst mal zum Stehen kommen. Wirtschaftlich sind die Dynamos durch die Verteilung der Fernsehgelder gegenüber der Hansa-Kogge leicht im Vorteil. Dennoch sind beide in einer Klasse mit Schalke, Bremen und dem HSV finanziell weit unten angesiedelt. Der ehemalige Chefscout des VfB will dem sportlichen Rückstand mit den Mitteln des Unterlegenen begegnen: eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen. Schon in der dritten Liga schickte Dresden neben der zweiten Mannschaft der Bayern das jüngste Team aufs Feld, nun werkelt der Sportchef fleißig am neuen Kader. Sicher ist nur, dass der erst kürzlich verpflichtete Trainer Alexander Schmidt, wie Becker einst Scout beim VfB, weitermacht.

Aufschwung Ost eher Zufall

Den Schwaben freut der aktuelle Aufschwung Ost. Gemeinsam mit Aue spielen künftig immerhin drei Vereine aus der ehemaligen DDR-Oberliga wieder zweitklassig. Genauso viele wie in der dritten Liga mit Magdeburg, Halle und Zwickau. „Es ist eine schöne Sache, dass mit Dresden und Rostock zwei so traditionsreiche Clubs mit großer und emphatischer Anhängerschaft zurückkehren“, findet Becker, der Wert auf die Feststellung legt: „Dynamo ist der Ost-Verein Nummer eins.“ Ein System will er hinter dem Aufschwung Ost nicht erkennen, eher Zufall. Wichtig sei es für die Region allemal. Bei seiner ersten Station jenseits des Westens hat Becker dieses spezielle „Ost-Gefühl“, das durch „leidenschaftlichen Zusammenhalt“ gekennzeichnet sei, ausgemacht.

Sorge vor den wilden Fans

Dass die Leidenschaft der Fans schnell das gesunde Maß übersteigen kann, haben die Anhänger nach dem Aufstieg erst wieder bewiesen. In beiden Städten kam es zu Randale und „Bildern, die niemand sehen will und die wir als Verein aufs Schärfste verurteilen“, wie Becker sagt. In Rostock wurden Mülltonnen in Brand gesetzt, in Dresden musste die Polizei Wasserwerfer und Räumpanzer auffahren. Weshalb die „Hamburger Morgenpost“ bereits besorgt fragte: „Was kommt da auf den HSV und St. Pauli zu?“, gerade so, als seien die Fans in der Hansestadt Klosterschüler. Das besondere (Gewalt-)Potenzial der Anhänger aus dem Osten lässt sich aber nicht leugnen. Schon jetzt gibt es Arbeitskreise, die an Konzepten feilen, damit sich Vorkommnisse wie in Dresden und Rostock nicht wiederholen. Die Prophezeiung von Lothar Matthäus klingt angesichts dessen fast bedrohlich: „Das wird eine zweite Liga, wie es sie noch nie gab.“