Lisa Mantler (hier im Vordergrund) 2023 bei einer Filmpremiere. Mit ihrer Zwillingsschwester Lena (links) wurde sie weltbekannt (Archivbild). Foto: IMAGO/Future Image

Lisa Mantler, die mit ihrer Zwillingsschwester Lena zum Internetstar wurde, wirbt im Netz für Freikirchen. Die Gruppen geben sich modern, sind im Kern aber erzkonservativ.

Lisa Mantler sitzt lässig auf einem Barhocker auf einer ausgeleuchteten Bühne. Die 22-Jährige trägt einen schwarzen Pulli mit „Jesus“-Aufschrift, lacht herzlich und erzählt von ihrem neuen Leben mit Mann und Kind. „Ich wollte immer Mama sein und einen gut aussehenden Ehemann haben“, sagt die Influencerin. Während es auf ihrem Instagram-Kanal meist um ihre junge Familie, Brotbacken oder beispielsweise um Werbung für Volvo geht, spricht sie auf einer Veranstaltung der Freikirche International Christian Fellowship Karlsruhe – meist schlicht ICF genannt – über Gott. Doch nicht nur live hören Menschen zu: Anfang April wurde die Veranstaltung auch als Video im Netz veröffentlicht – und erreichte nochmals Tausende.

 

Es geht um das Gleichnis des verlorenen Sohnes. Klaviermusik läuft im Hintergrund, die 22-Jährige hat Tränen in den Augen, zieht Vergleiche zu ihrem eigenen Leben: „Gott, nimm den Stolz von mir, Herr, lass mein Herz nicht hart werden. Mein stolzes Herz macht mich hässlich.“ Lisa Mantler und ihr Mann predigen auf der Veranstaltung – entsprechende Fotos teilen sie anschließend auch in ihren Netzwerken.

Die junge Frau, die da über Jesus spricht, ist keine Unbekannte. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Lena Mantler wurde sie als „Lisa und Lena“ im Teenageralter zum Internetstar. Millionen Menschen folgten den beiden Frauen, geboren in Stuttgart. Selbst „Wetten, dass..?“ moderierten die beiden vor einigen Jahren an der Seite von Thomas Gottschalk. Im Jahr 2023 entschieden die beiden Schwestern allerdings, ihren gemeinsamen Account aufzugeben – auf Instagram übernahm Lena Mantler die Follower. Noch heute folgen der jungen Frau mehr als 20 Millionen Menschen.

Lisa und Lena Mantler wurden als Teenager zu Stars. Foto: imago/APress

Ihre Schwester Lisa war auf dem alten millionenschweren Account erst einmal nicht mehr zu sehen. Sie reiste, gründete eine Familie und mied die Öffentlichkeit, wie sie selbst schildert. Doch das änderte sich rasch wieder. Lisa ist zurück – und das offenbar auch als christliche Influencerin, die für die Vive Frankfurt, eine neue Freikirche, wirbt. Laut dem Video des ICF soll sie dabei sogar eine ganz zentrale Rolle spielen und Teil des Pastoren-Teams sein. „Ich bin der Meinung, dass Jesus bestimmt Social Media genutzt hätte“, erklärt Lisa Mantler offen. Aber welche Funktion kommt ihr und ihrem Mann dort zu? „Gott hat uns zurückgerufen, das war übernatürliches Reden“, erklärt Jonas Jay auf der Freikirchen-Bühne. Er und seine Frau seien nicht angestellt, engagierten sich aber etwa beim Kids-Team, Café-Team oder dem „Worship“ – also dem Gottesdienst.

Experte spricht von „Hipster-Christentum“

Martin Fritz, wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, spricht in Hinblick auf die Vive Church und der ICF von „neocharismatischen Lifestyle-Kirchen“. „Diese neueren Formen des Pfingstchristentums geben sich hipp, urban und antiinstitutionell“, erklärt er. Die Wurzeln der Vive Church lägen im Silicon Valley, Fritz spricht daher auch von „Hipster-Christentum“. Anstelle von klassischen Kirchen mit Altar, traditionellen Bänken und Ritualen findet in solchen Gemeinden vieles auf großen Bühnen statt – mit Band oder Lightshow, „vergleichbar mit einem Popkonzert“, so Martin Fritz. Auch wenn die Gottesdienste dadurch besonders modern wirken, ist die Auslegung der Bibel innerhalb dieser Kirchen besonders konservativ. „Theologisch grundlegend ist bei Vive wie auch bei ICF ein evangelikaler Biblizismus“, so der Experte. Was das konkret bedeutet? „Jedes Wort der Bibel gilt als von Gott inspiriert.“ Die Bibel werde wortwörtlich ausgelegt, Homosexualität beispielsweise als Sünde begriffen.

Es ist das Thema, das auch in so manchen Foren und Kommentarspalten im Netz für Diskussionsstoff sorgt, zumal Lisa Mantlers Schwester Lena sich vor zwei Jahren öffentlich outete. Sie erklärte damals, nicht nur Männer zu daten, sondern auch Frauen. Doch einen Konflikt zwischen den beiden Schwestern scheint es deshalb nicht zu geben. Ganz im Gegenteil: Lena Mantler teilte auf Instagram sogar Bilder von ihrer predigenden Schwester. Sie zeigt ihre öffentliche Unterstützung für die religiöse Arbeit ihrer Schwester.

Dämonen und „religiöse Übergriffigkeit“

Der evangelische Theologe Martin Fritz spricht im Hinblick auf die neuen Hipster-Freikirchen von einer „gewissen religiösen Übergriffigkeit“. Menschen würden dazu aufgefordert, ihr Leben zu ändern. Es gebe innerhalb solcher Kirchen die Überzeugung, der Heilige Geist spreche direkt zu auserwählten Menschen – manche Pastoren würden dann Anweisungen an ihre Kirchenmitglieder geben, mit quasi göttlicher Autorität. Dabei spiele auch die Vorstellung von Dämonen eine Rolle. „Da gibt es die gottlose moderne Welt auf der einen Seite, in der die Dämonen ihr Unwesen treiben, und die Seite der Frommen. Die Mitglieder der Kirchen sollen sich dann dazwischen entscheiden“, führt er aus. „Jeglicher Zweifel gilt als gottlos und dämonisch und wird auf diese Weise tabuisiert“, so Fritz.

Wie groß die neocharismatischen Freikirchen sind, wie viele Mitglieder sie zählen und ob sie derzeit besonders hohen Zulauf haben, sei schwer zu sagen. Soziale Netzwerke vermittelten den entsprechenden Eindruck, aber klare Zahlen dazu gebe es nicht, erklärt Fritz. Das liege daran, dass diese Freikirchen keine klassische Mitgliedschaft kennen. Man komme einfach zum Gottesdienst, gehe aber teils auch zu den Veranstaltungen ähnlicher Gruppen – vor allem zu Großevents der Szene. Zu Spenden werde typischerweise direkt vor Ort aufgerufen oder auch digital, um die Kirchen zu finanzieren.

Hauptsitz in den USA

Vive Frankfurt ruft auf seiner Homepage etwa explizit zum Spenden auf: „Du kannst das Prinzip des Zehnten Gebens noch heute in deinem Leben aktivieren.“ Zehn Prozent seines Einkommens solle man geben – Hintergrund ist eine entsprechende Bibelstelle. Zahlungsmöglichkeiten werden viele angeboten, selbst in Bitcoin können die Gläubigen zahlen. Ein deutscher Hauptsitz der Kirche ist auf der Seite nicht angegeben, auch kein Impressum, lediglich eine Adresse in den USA wird genannt.

Auf Nachfragen zur Finanzierung und der Zusammenarbeit gibt die Kirche auch per Mail keine Auskunft. Eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung blieb unbeantwortet. Und auch Lisa Mantler will sich auf Anfragen bislang nicht ausführlich äußern. Sie teilt schriftlich mit: „Wir befinden uns gerade noch ganz am Anfang des Prozesses unserer Kirchengründung hier in Frankfurt, und viele unserer Strukturen sind noch im Aufbau.“ Bislang fehle daher noch „Klarheit und Stabilität“, um ein Interview führen zu können.