Wenn Steffi an Zuhause denkt, dann am ehesten an die Wohngruppe Jella, in der sie viel Zeit mit Hund Mika verbrachte. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie geht es mit jungen Menschen weiter, die in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen sind, wenn sie die staatliche Obhut verlassen? Lange wurden diese sogenannten Care Leaver allein gelassen, doch jetzt tut sich endlich was. Eine junge Frau erzählt.

Es gibt diese Tage, an denen die Heimatlosigkeit besonders drückt. Weihnachten etwa. Auch die Semesterferienwochen oder manche Sonntage. Steffis Studienfreunde fahren dann nach Hause. In die Einfamilienhäuser oder Großstadtwohnungen ihrer Kindheit. An Orte, von denen sie vielleicht lange weg wollten, aber wohin sie jetzt gern zurückkehren, weil dort das ehemalige Jugendzimmer unverändert wartet. Ein Bett, ein voller Kühlschrank, das Lieblingsessen am Familientisch, dieses besondere Gefühl der Zugehörigkeit zwischen Eltern und Kindern. So ein Zuhause hat Steffi nicht, hatte sie vielleicht nie. Steffi hat die letzten Jahre in der Wohngruppe Jella gelebt, einer Einrichtung der Jugendhilfe.

 

An diesem Morgen ist Steffi zu Besuch in ihrer alten Wohngruppe. In den Fluren und Gemeinschaftsräumen des mehrstöckigen Gebäudes ist es ruhig. Ein Mädchen macht sich im Esszimmer Toastbrote. Zwei warten vor dem Büro der Betreuerinnen, andere stehen um den großen Aschenbecher im Garten herum. Steffi sitzt in der Hängematte und krault Mika, einen der zwei Hunde der Leiterin Heidrun Neuwirth. Mit den Hunden war die 21-Jährige oft zusammen, als sie noch hier lebte. Wenn sie Jella besucht, sind Mika und Malou da, während die Bewohnerinnen wechseln. Wenn sie an Zuhause denkt, dann am ehesten an Jella, sagt Steffi. „Ich fühle mich oft verloren.“

Manche sind mitten im Abi, wenn die Hilfe endet

Was passiert mit Kindern und Jugendlichen, die in Wohngruppen oder Pflegefamilien aufwachsen, wenn der Staat sie aus seiner Obhut entlässt? Wenn sie zwar schon volljährig sind, aber trotzdem noch jemanden bräuchten? Nicht nur fürs Gefühl, sondern auch für den ganzen Alltagskram, den man sonst vielleicht die Eltern fragt: Worauf achte ich bei einem Mietvertrag? Welche Versicherungen brauche ich? Wie geht das Familienrezept für Spaghetti bolo? Junge Männer und Frauen ziehen in Deutschland im Durchschnitt mit knapp 24 Jahren aus. Die Jugendhilfe endet im Regelfall mit 18. Dann beginnt die Hilfe für junge Volljährige bis 21. Danach ist Schluss. Laut dem „Monitor Hilfen zur Erziehung 2021“ endet für einen Großteil der Empfänger die Hilfe, noch bevor sie 19 Jahre alt werden.

Care Leaver nennen sich die, die die Sorge und Pflege des Staates verlassen. Ihr gleichnamiger bundesweiter Verein fordert, dass der Übergang ins selbstständige Leben enger begleitet werden muss, dass es keinen abrupten Abbruch geben sollte zu den Menschen, die für die Kinder und Jugendlichen gesorgt haben. Auch Forscherinnen, die sich mit dem Thema beschäftigen, sehen das so: „Die Hilfe endet genau in einer Phase, in der viele Entscheidungen anstehen. Manche sind mitten im Abitur, andere gerade auf dem Weg ins Berufsleben“, sagt Marie Demant von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH), die gerade an einer Langzeitstudie zu den Lebenswegen von Care Leavern beteiligt ist.

5500 Careleaver pro Jahr in Baden-Württemberg

In einer Großstadt wie Stuttgart werden in den kommenden zehn Jahren fast 6000 junge Menschen die staatliche Jugendhilfe verlassen, schätzt das Jugendamt. In Baden-Württemberg sind es jährlich um die 5500. Und die Zahlen der Inobhutnahmen und damit auch Entlassungen steigen.

Das praktische Leben war nie Steffis Problem. Das Gymnasium hat sie zu Ende gemacht, egal wie schwierig es zu Hause, egal wie lange sie mal wieder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war. Sich ein halbes Jahr Stoff in zwei Tagen reinziehen – kein Problem, obwohl sie ihre Tage bei Freundinnen verbrachte und nur zum Schlafen nach Hause ging. Steffi wirkt zerbrechlich und stark zugleich, mit pink gefärbten Haaren zum blassen Gesicht, mit schweren Schuhen zum klugen Blick. Leise ist ihre Stimme, wenn sie von ihrer Kindheit spricht, kräftig, wenn sie die politischen Forderungen der Care Leaver vertritt.

Steffi wird krank, ritzt sich die Arme auf

Steffi wächst als Einzelkind in der Region Stuttgart auf. Die Eltern haben solide Berufe, aber als Steffi elf Jahre alt ist, hört der Vater zu arbeiten auf. Er sitzt zu Hause, lässt seinen Frust an ihr aus. Nichts kann ihm das Mädchen recht machen. Wie es daheim zuging, darüber bleibt Steffi im Ungefähren. Das Mädchen wird krank. Magersucht, Depression, Borderline. Über ihre Unterarme ziehen sich schmale, waagrechte Narben eine neben der anderen, wo sie ihre Haut mit Klingen aufgeritzt hat. Mit 15 kommt sie in die Obhut des Jugendamtes. Sie wohnt weiterhin daheim und wird ambulant betreut. Sie will noch nicht weg von den Eltern. Aber nach dem Abi geht es nicht mehr. Die Einrichtung Jella sucht sie sich selbst. Jella ist eine Wohngruppe für traumatisierte Mädchen mit Suchtproblemen in Stuttgart. Bei Steffi ist es die Essstörung.

Zwei Jahre wohnt sie in dem hellen Haus. Ihren Körper behandelt sie immer besser. Zunächst wird sie 24 Stunden am Tag betreut, nach einem Jahr zieht sie in eine abgeschlossene Wohnung im selben Gebäude, wo die Betreuerinnen nur noch stundenweise vorbeisehen. Im September 2021 beginnt sie in einem anderen Bundesland soziale Arbeit, Religions- und Gemeindepädagogik zu studieren – mitten in der Coronakrise zieht die Einsamkeit in ihr WG-Zimmer mit ein.

Rückkehroption für die, die wieder in Not geraten

Erst seit rund zehn Jahren sind die Care Leaver überhaupt ein Thema in Deutschland. Damals erforschte die Universität Hildesheim, was aus jungen Menschen wird, die aus der staatlichen Obhut entlassen werden, und kam zu dem Ergebnis, dass es mehr Hilfen beim Übergang in die Selbstständigkeit braucht.

2014 gründete sich der Verein Careleaver. 2021 wurde das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz verabschiedet. Nun gibt es ein Recht auf Nachbetreuung und eine Rückkehrmöglichkeit. Außerdem müssen junge Erwachsene, die weiterhin in Wohngruppen leben, nicht mehr so viel von ihrem Monatseinkommen abgeben.

Jede Kommune muss diese Strukturen für den Übergang einrichten. Die Stadt Stuttgart hat sich mit den anderen Trägern der rund 700 Plätze in Pflegefamilien und Wohngruppen schon auf den Weg gemacht. Unter anderem gibt es einen runden Tisch mit der Agentur für Arbeit, dem Sozialamt, der Kindergeldkasse, dem Jobcenter, sagt Lucas-Johannes Herzog vom Jugendamt. Damit die Care Leaver nicht mehr „zwischen den Hilfesystemen hin und her geschoben werden“ und plötzlich das Geld ausbleibt.

Steffi hat keinen Kontakt zu den Eltern

Außerdem sollen die Beratungszentren des Jugendamts in Zukunft von sich aus nachfragen, wie es den Care Leavern geht und bei Bedarf Hilfe anbieten. Für jene, die in Not geraten und eine Zeit lang zurückkehren müssen, gibt es eine Wohnung oder auch die Möglichkeit, wieder in eine Wohngruppe aufgenommen zu werden. Es gibt Wochenenden für Care Leaver und Angebote wie den Wohnführerschein, bei dem Care Leaver lernen, einen Haushalt zu organisieren oder wie ein seriöser Mietvertrag aussieht. Eine neu geschaffene Stelle im Jugendamt bietet außerdem Beratung an. „Stuttgart ist da wirklich vorbildlich“, sagt Steffi, das sei nicht in jeder Kommune so. Der Verein Careleaver fordert, dass es nicht vom Wohnort abhängen darf, wie gut jemand nachbetreut wird.

Steffi hat keinen Kontakt zu ihren Eltern. Aber sie hat im Netzwerk der Care Leaver auch ein Stück Familie gefunden. Im vergangenen Winter haben sie sich ein Ferienhaus gemietet und dort Weihnachten gefeiert.

Fordern und Forschen

Forderungen
Der Verein Careleaver vertritt gegenüber der Politik die Interessen dieser Gruppe. Unter anderem fordert er einen eigenen Rechtsstatus für Care Leaver. Ob sie Geld vom Staat erhalten, dürfe nicht von den finanziellen Möglichkeiten der leiblichen Eltern abhängen. Auch Elternunterhalt sollten sie nicht zahlen müssen. Anders formuliert wünschen sich Careleaver, dass sie sich von den Eltern „scheiden“ lassen können, sodass beide Seiten keine Rechte und Pflichten mehr haben. Außerdem fordern die Care Leaver eine Fachaufsicht für Jugendämter. Wie gut Care Leaver beim Übergang in die Selbstständigkeit betreut werden, dürfe nicht vom Wohnort abhängen. „ Jugendhilfe darf kein Glücksspiel sein – überregional bedeutsame Fragestellungen sind bundesweit einheitlich zu beantworten“, so der Verein. Auch mehr Mitsprache im Hilfeprozess wird gewünscht: „Junge Menschen sollen ihre Bedürfnisse durch Zusammenschluss auf Einrichtungs-, Landes- und Bundesebene einbringen können.“

Studie
Weil es in Deutschland kaum Forschung zu Care Leavern gibt, läuft derzeit bis 2030 die Langzeitstudie „Care Leaver Statistics“, unter anderem der Universität Hildesheim, der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen und des Deutschen Jugendinstituts München. Dabei werden 2000 junge Erwachsene zwischen 16 und 19, die in Pflegefamilien oder Wohngruppen groß werden, regelmäßig befragt, etwa dazu, wie es ihnen in Bezug auf Wohnen, Bildung, Gesundheit, Freizeit geht, welche Schwierigkeiten sie haben und was ihnen hilft. www.cls-studie.de