Wenn Kitas und Schulen zu sind, übernehmen Frauen klassischerweise die Betreuung der Kinder, das zeigt eine neue Studie. Doch in manchen Familien tut sich was.
Stuttgart/Bamberg - Wenn Petra Bauer an die nächsten Monate denkt, hat sie das Gefühl, eine Schlinge zieht sich langsam um sie zu. Bislang gehen ihre beiden Kinder zwar jeden Tag in die Kita, aber: „Ich befürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis unsere Einrichtung auch von Quarantäne betroffen ist“, sagt die 42-Jährige. Petra Bauer, die in Teilzeit von zu Hause arbeitet, wäre wieder weitgehend allein für die Betreuung der beiden Töchter zuständig. Ihr Mann hat eine leitende Stelle bei einem großen Maschinenbauer in Baden-Württemberg. Regelmäßiges Homeoffice, gar eine Reduzierung der Arbeitszeit, sei undenkbar, sagt Petra Bauer.
Wie ihr geht es vielen Müttern im Land. In der Corona-Krise sind es vor allem Frauen, die bei geschlossenen Kitas und Schulen die sogenannte Care-, also die unbezahlte Sorgearbeit allein schultern. Worauf zuvor bereits punktuelle Befragungen hingedeutet hatten, bestätigt nun eine umfangreiche Studie des Nationalen Bildungspanels (Neps), das berufstätige Eltern befragt hat. Das Ergebnis: Egal, wie alt die Kinder sind, egal, in welchen Berufen Mütter und Väter arbeiten und wie viel: Die Hauptlast der Sorgearbeit tragen die Frauen. So übernahm in jeder dritten Familie mit Kindern unter 14 Jahren die Mutter die Betreuung der Kinder überwiegend allein. Nur in sechs Prozent der Familien übernahm der Vater diese Aufgabe ohne die Hilfe seiner Partnerin. In einem Drittel der Familien kümmerten sich die Eltern gemeinsam.
Gibt es eine Retraditionalisierung?
Die Frage, wie sich die Corona-Krise auf die Aufgabenverteilung in Familien auswirkt, ist eine, die Soziologinnen, aber auch Frauenrechtlerinnen bereits seit März stellen. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, stellte im Mai die These von der Retraditionalisierung auf. Die Krise würde dazu führen, dass Frauen noch stärker in die Rolle der Kümmerin und Hausfrau gedrängt würden als zuvor, so Allmendinger. Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, etwa, dass Mütter heute dank Kinderbetreuung wieder früher arbeiten können, würden durch die Krise zunichtegemacht.
Die in der Zwischenzeit veröffentlichten Studien können eine Retraditionalisierung bislang nicht belegen. Auch Gundula Zoch, eine von drei Autorinnen der nun veröffentlichten Neps-Analyse, sagt, dass es zu früh sei, einen langfristigen Effekt zu beobachten. Was allerdings deutlich werde: „Die Krise wird in den Familien nicht dazu genutzt, etwas an den bestehenden traditionellen Mustern zu ändern“, sagt Zoch. Statistiken zeigen, dass die meisten Paare das Modell des männlichen Hauptverdieners und der Partnerin leben, die nicht oder in Teilzeit arbeitet und die Haus- und Sorgearbeit übernimmt.
Homeoffice fördert die Gleichberechtigung
Dabei wäre die Krise laut Zoch die Chance, dieses Modell zu überdenken, weil es zu einer langfristigen Benachteiligung der Frauen führt: „Frauen stecken beruflich also noch weiter zurück mit den entsprechenden möglichen Folgen für die Laufbahn, Gehalt und Rentenansprüche“, so Zoch. Dass Mütter in der Krise häufiger Arbeitszeit reduziert haben als Väter, um die Kinder zu betreuen, ist ein Befund, den auch eine Studie des Allensbacher Institut im Auftrag des Bundesfamilienministeriums diesen Sommer ergeben hat.
Ein bisschen Bewegung in den Rollenmodellen kann Gundula Zoch aber doch vermelden, zumindest in bildungsbürgerlichen Schichten. So übernahmen Männer mit höheren Abschlüssen die Betreuung häufiger allein oder teilten sie sich mit ihrer Partnerin auf als Männer mit niedrigen Abschlüssen. Auch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, trug dazu bei, dass Väter Verantwortung übernahmen. In der Allensbach-Studie hatte sogar jedes fünfte Paar angegeben, dass es sich die unbezahlte Arbeit daheim in Corona-Zeiten gleichberechtigter aufteile als zuvor.
Auftrag an die Politik
Für die drei Neps-Forscherinnen ergeben sich aus den Befunden kurzfristig Handlungsanregungen für die Politik: „Die gleichberechtigte Verteilung von Aufgaben in Familien muss politisch gefördert werden, nur so werden sich Einstellungen ändern.“ Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, dass man die Zahlungen des Lohnausgleiches, den der Staat derzeit bei geschlossenen Betreuungseinrichtungen gewährt, daran koppelt, dass beide Elternteile zeitweise zu Hause bleiben. Aber auch die Arbeitgeber müssten laut Zoch noch mehr flexible Arbeitszeitmodelle für beide Elternteile fördern.
Dass schon wenige Tage Homeoffice Müttern helfen können, weiß Petra Bauer. Der Arbeitgeber ihres Mannes hat mittlerweile zugestimmt, dass er im Notfall manchmal zu Hause arbeiten kann. „An diesen Tagen kann er mich stundenweise entlasten“, sagt Bauer. Das Wichtigste ist vielleicht, dass sie dann das Gefühl hat, nicht alleine zu sein.