Die Freude ist ihnen anzusehen: Die Chormitglieder sind bei den Proben für das Weihnachtsoratorium mit Leib und Seele bei der Sache. Foto: factum/Weise

Die Kantorei der Karlshöhe singt Bachs Komposition entsprechend der Uraufführung im 18. Jahrhundert: Die sechs Kantaten werden in Gottesdiensten an sechs verschiedenen Tagen – und teilweise in unterschiedlichen Kirchen – präsentiert.

Ludwigsburg - Ruhe und Zurückgezogenheit können die Mitglieder der Kantorei der Karlshöhe in den kommenden zwei Wochen vergessen: Gerade an den Feiertagen sind sie besonders gefragt. Denn sie haben beschlossen, das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf die Bühne zu bringen – und zwar in der Originalversion vom Jahreswechsel 1734/35. Das bedeutet: die sechs Kantaten werden an sechs verschiedenen Festtagen zwischen Weihnachten und Dreikönig gesungen. Doch wer nach der fehlenden Zeit für die Weihnachtsfeier in der Familie fragt, erntet fast schon Unverständnis: Das Singen sei doch Weihnachten, heißt es.

Ilka Stein zumindest kann sich das Fest anders gar nicht vorstellen: „Weihnachten ohne Musik geht für mich nicht“, sagt sie. Allerdings ist für die 52-Jährige eh ein Leben ohne Musik unvorstellbar. Die Liebe dazu hat sie von den Eltern geerbt, und sie schätzt die unterschiedlichsten Genres. Aber sie hat irgendwann erkannt: „Als Liebhaber der Musik kommt man um die Klassik nicht herum.“ Also schaute sie sich nach einem guten Chor um, landete bei der Kantorei der Karlshöhe – und ist auch nach 14 Jahren Mitgliedschaft begeistert. Von Stress angesichts der zahlreichen Aufführungen an den Feiertagen könne keine Rede sein, sagt die Ludwigsburger Schlossführerin: „Das Singen ist nichts, was mit Kraft nimmt, sondern es gibt mir Kraft.“

„Singen macht glücklich“, sagen die Sänger

Das kann Jasmin Figielski nur bestätigen. Die 35-jährige Kommunikationsdesignerin hat erst vor fünf Jahren angefangen, im Chor zu singen und ist dabei auf die „Passion“ von Bach gestoßen. „Danach war mir klar, dass ich nie wieder etwas anderes machen will“, sagt sie. Noch nie habe sie ein Hobby so durchgezogen wie das Singen in der Kantorei: „Das macht einfach glücklich“, schwärmt sie. Christa Fröhlich sieht das ähnlich. Die 56-jährige Sekretärin des Ludwigsburger Oberbürgermeisters sagt: „Das geht richtig tief rein. So kann man auch den Zuhörern etwas mitgeben.“

Genau darum geht es auch bei der Aufführung des Weihnachtsoratoriums. Tobias Horn, der Dirigent des Chors und Bezirkskantor in Besigheim, achtet sehr darauf, dass die inhaltliche Aussage des Oratoriums rüberkommt. Denn diesem liegt der biblische Weihnachtsbericht zugrunde, es geht also zunächst um den Jubel und die Freude über die Geburt Jesu – und dann um Anfechtung und Zweifel. „Das spannt den Bogen zum Jetzt“, sagt er. Angesichts der vielen Krisen und der Flüchtlingsströme gehe es um die Frage: „Was bedeutet Weihnachten in einer Welt, die grausam ist, und auf der Menschen vor Gewalt fliehen müssen?“

Prominente Prediger in den Gottesdiensten

Die Kantaten werden daher auch nicht für sich allein stehen, sondern in besondere Gottesdienste eingebettet. Denn an jedem der sechs Tage wird eine andere Person die Predigt halten – aber allen Predigern gemein ist eine gewisse Prominenz. So wird der Direktor der Karlshöhe, Pfarrer Frieder Grau, den Auftakt machen, gefolgt vom Ludwigsburger CDU-Bundestagsabgeordneten Steffen Bilger und der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. Auch Thomas Reusch-Frey, Pfarrer und SPD-Landtagsabgeordneter aus Bietigheim-Bissingen, wird eine Predigt halten, ebenso Ulrich Fischer, ehemaliger Bischof der Evangelischen Landeskirche in Baden. Den Abschluss macht dann Bernhard Leube, er ist Pfarrer beim Amt für Kirchenmusik im Stuttgarter Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Die musikalische Gestaltung der sechs Gottesdienste übernimmt die Kantorei der Karlshöhe mit 50 bis 60 Sängern, begleitet von einem Orchester sowie von vier Solisten. Manch einer kann es kaum erwarten. „Das Schöne sind gerade die vielen Termine“, findet die Sängerin Gertrud Schubert. „Dann ist Weihnachten nicht gleich vorbei, sondern dauert bis zum 6. Januar.“

Aufführungsmarathon des Kirchenchores

Chor
Die Kantorei der Karlshöhe wurde 1971 gegründet. Derzeit singen etwa 90 Sänger in dem Chor, der vom Besigheimer Bezirkskantor Tobias Horn geleitet wird. Die Kantorei übernimmt vor allem die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Kirche der Karlshöhe, bestreitet aber auch regelmäßig aufwendige Aufführungen anderswo.

Oratorium
Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wird an sechs verschiedenen Tagen sowie teilweise an unterschiedlichen Orten in Ludwigsburg aufgeführt. Los geht es am Donnerstag, 24. Dezember, um 17 Uhr in der Kirche der Karlshöhe. Die zweite Kantate folgt am 26. Dezember um 10.30 Uhr in der Friedenskirche, die dritte am 27. Dezember um 10.30 Uhr in der Kirche der Karlshöhe. Ebenfalls auf der Karlshöhe finden die Auftritte am 1. und 2. Januar, jeweils um 10.30 Uhr, statt. Die sechste und letzte Kantate wird am 6. Januar um 11 Uhr in der Ludwigsburger Stadtkirche gesungen. Der Eintritt zu den Gottesdiensten ist frei, es wird um Spenden gebeten.

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